Unterschiedliche Klimamodelle Forscher bemängeln problematische Lücke in der Klimabilanz

Bei ihren Bilanzen zu CO₂-Emissionen verwenden die Länder unterschiedliche Rechenmodelle, moniert eine Studie. Das Problem führt zu erheblichen Abweichungen – und könnte den Klimaschutz erschweren.
Das US-Kohlekraftwerk Scherer ist eines der größten CO2-Emittenten der USA

Das US-Kohlekraftwerk Scherer ist eines der größten CO2-Emittenten der USA

Foto: Branden Camp / dpa

In der weltweiten Klimabilanz klafft eine große Lücke. Darauf haben Forscherinnen und Forscher in einer Studie aufmerksam gemacht. Demnach bestehe ein erheblicher Unterschied zwischen der Menge an Treibhausgas-Emissionen, die die Länder melden, und der Menge, die laut unabhängigen Modellen in die Atmosphäre gelangen.

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Diese Lücke betrage etwa 5,5 Milliarden Tonnen Kohlendioxid pro Jahr – das entspricht den jährlichen Emissionen der Vereinigten Staaten, dem zweitgrößten Emittenten der Welt. Sie entsteht nicht, weil manche Staaten von ihnen verursachte CO2-Mengen unterschlagen, schreibt ein Team um Giacomo Grassi vom Joint Research Center der Europäischen Kommission im Wissenschaftsmagazin »Nature Climate Change«.  Vielmehr liegt der Unterschied an den wissenschaftlichen Methoden, die die Länder verwenden, um im Rahmen des Pariser Abkommens Emissionsmeldungen zu machen und denen von internationalen Modellen. Es geht also nicht darum, dass diese Mengen in den bisherigen Modellen übersehen werden, sondern vor allem darum, wo sie in der Klimabilanz auftauchen.

»Wenn Modelle und Länder eine unterschiedliche Sprache sprechen, wird es schwieriger, die Fortschritte der Länder beim Klimaschutz zu bewerten«, so Grassi. »Um das Problem zu lösen, müssen wir einen Weg finden, diese Schätzungen zu vergleichen.«

Die Emissionslücke könnte dennoch Folgen für einige Nationen haben, konkret mit Blick auf den Nutzen von Waldflächen. Die Lücke sei bei den Nationen am größten, die eine erhebliche Reduzierung ihrer jährlichen Emissionen geltend machen, weil Wälder auf ihrem Territorium Kohlendioxid binden. Zum Beispiel zeigen die Ländermodelle der Vereinigten Staaten und auch anderer Nationen wie Brasilien, Kanada oder Russland mehr kohlenstoffabsorbierendes Waldland als die unabhängigen Modelle angeben. Die Studie stellt fest, dass die nationalen Schätzungen, die flexiblere Definitionen für diese Flächen zulassen, etwa drei Milliarden Hektar mehr bewirtschaftete Waldflächen auf der ganzen Welt zeigen als in den unabhängigen Modellen.

Es bestehe das Risiko, dass einige Länder behaupten könnten, ihre Wälder würden größere Mengen an Emissionen absorbieren als es tatsächlich der Fall ist. Das führe womöglich zu geringeren Anstrengungen dieser Nationen, die Emissionen von beispielsweise Autos, und Industrie zu reduzieren.

Ersparnis von zwölf Prozent durch Landmassen

Die USA meldeten 2019 beispielsweise Emissionen von 6,6 Milliarden Tonnen Kohlendioxidäquivalent. Sie stammen aus der Verbrennung fossiler Energieträger, landwirtschaftlicher Tätigkeit und anderen Quellen. Von diesem Betrag wurden jedoch 789 Millionen Tonnen Emissionen abgezogen, um das Absorbierpotenzial der Landoberfläche zu berücksichtigen. Die gemeldeten Nettoemissionen betrugen dann 5,8 Milliarden Tonnen – die Ersparnis beträgt rund zwölf Prozent allein durch Land und Wälder.

»Wir haben das Glück, diese natürlichen Kohlenstoffsenken zu haben«, sagte Christopher Williams, ein Wald-Experte an der Clark University, gegenüber der »Washington Post« über die Studie. »Aber diese Kohlenstoffaufnahme ist ein kostenloses Geschenk der Natur, für das wir in unserem Kampf gegen den Klimawandel nicht wirklich Anerkennung finden.«

Im Pariser Klimaabkommen haben sich die Vertragsnationen dazu verpflichtet, ihre Emissionen zur Begrenzung des globalen Temperaturanstiegs auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Bereits im kommenden Jahr könnte die in der Studie beschriebene Situation hierbei zu Problemen führen.

Denn die Regierung von Joe Biden drängt die Länder, ihre Ziele zur Emissionsreduzierung vor den Klimagesprächen in Schottland im November voranzutreiben. Im Rahmen des Pariser Abkommens müssen die Länder alle fünf Jahre ihre gemeinsamen Fortschritte überprüfen – ein Prozess, der »Global stocktake« genannt wird. Dabei soll eine globale Bilanz gezogen werden, die beschreibt, ob die Staatengemeinschaft tatsächlich auf dem richtigen Weg ist, die Erderwärmung zu reduzieren. Wenn dabei unterschiedliche Modelle angewendet werden, dürfte es schwer werden, zu vergleichbaren Aussagen zu kommen – einige Länder müssten dann möglicherweise ihre Ziele noch weiter anschärfen.

joe/Reuters
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