Prähistorisches Schnabeltier Ein ganz besonders dicker Freak

Reconstruction/ Illustration by Peter Schouten

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Australische Forscherinnen beschreiben ein neues, prähistorisches Schnabeltier: Obdurodon tharalkooschild wirft neue Fragen auf über den Stammbaum dieser seltsamen Tiere. Denn der war wohl weniger linear als bisher gedacht - und brachte ganz besonders dicke Ausbrecher hervor.

Das Schnabeltier ist ein wahrer Freak unter den Säugern. Die mit Schwimmfüßen und einem "Entenschnabel" ausgerüsteten Tiere legen Eier, doch die geschlüpften Jungen werden gesäugt. Allerdings nicht über Zitzen, sondern über ein "Milchfeld" von mit Drüsen besetzter Haut, die das Fell tränken, aus dem die Jungen ihre Nahrung saugen.

Männchen verteidigen sich mit einem giftigen Dorn an den Hinterfüßen und unter Wasser jagen sie ihre Beute mit Elektrosensoren. Anders als alle anderen Säuger verfügen Schnabeltiere über zehn Geschlechtschromosomen (wir haben nur zwei). Bei genauer Analyse entdeckt man beim Kieferaufbau Ähnlichkeiten mit Reptilien - so, wie auch die Eier des Tieres eher an Reptilieneier denn an Vogeleier erinnern.

Und stets, glaubte man bisher, gab es zu jeder Zeit nur eine Art dieser biologischen Kuriositäten. So erinnerte der Stammbaum der Schnabeltiere bisher eher an einen Stamm-Bambus: Schnabeltiere schienen sich ungewöhnlich linear fortentwickelt zu haben, ohne Verästelungen und Seitenlinien.

Eine neue, besonders dicke Seitenlinie

Eine neue, im "Journal of Vertebrate Paleontology" veröffentlichte Studie von Rebecca Pian und Suzanne Hand von der University New South Wales revidiert nun dieses Bild. Einst lebte mit Obdurodon tharalkooschild nicht nur ein Vertreter der Schnabeltiere, der offenbar außerhalb der bisher als streng linear angenommenen Abstammungslinie der Gattung stand. Obdurodon war auch in anderer Hinsicht ungewöhnlich - gut doppelt so groß wie heutige Schnabeltiere.

"Nature" Videos: Das Genom der Schnabeltiere (Englisch)
Eine Erkenntnis, die bisher allerdings nur auf der Analyse eines einzigen gefundenen Zahns beruht. Heutige Schnabeltiere haben im Erwachsenenalter keine Zähne mehr, malmen ihre Nahrung vielmehr mit knöchernen Kauleisten. Ältere Vertreter der Familie, die rund 61 Millionen Jahre zurückreicht (und die Spur ihrer Vorfahren bis in die Kreidezeit), hatten Zähne.

Der mit einer vom gefundenen Zahn hochgerechneten Körpergröße von rund einem Meter große Schnabel-"Gigant" wurde im Riversleigh-Gebiet des Boodjamulla-Nationalparks gefunden. Der ist eine wichtige Fundstätte für Fossilien von Säugetieren des Oligozän und Miozän, die zum Unesco-Weltnaturerbe zählt. Das Alter der Schicht, in der das Fossilfragment gefunden wurde, ist allerdings umstritten und wird deshalb mit einer relativ weiten Spannbreite von fünf bis 15 Millionen Jahren angegeben.

Jede genauere Rekonstruktion des Tieres beruht folglich auf Vermutungen. Die sind allerdings gut begründet, denn Vertreter der Schnabeltiere zeigten bisher nur eingeschränkte Varianz ihrer körperlichen Merkmale. Weil sich auch die heutigen Schnabeltiere so viel ihrer "Urtümlichkeit" bewahrt haben, werden sie gern als "lebende Fossilien" bezeichnet.

Was ein Zahn erzählen kann

Aus dem nun gefunden Fossil lässt sich eine ganze Menge herauslesen: Die Forscherinnen gehen nach Analyse von Abnutzungsspuren und Gestalt des Zahns davon aus, dass sich Obdurodon tharalkooschild von Krebstieren, aber auch kleinen Wirbeltieren wie Lungenfischen, Fröschen und kleinen Schildkröten ernährte.

Für die Forschung ist der Fund nicht nur relevant, weil er dokumentiert, dass die Familie der Schnabeltiere wohl doch ein wenig vielfältiger und möglicherweise verästelter war als bisher angenommen. Bisher ging man auch davon aus, dass die ursprünglich größeren Schnabeltiere im Laufe ihrer Geschichte kontinuierlich immer kleiner wurden. Obdurodon tharalkooschild macht nun klar, dass es auch vor relativ kurzer Zeit noch ziemlich groß gewachsene Verwandte heutiger Schnabeltiere gegeben haben mag.

Der etwas seltsame wissenschaftliche Name kombiniert Obdurodon, von dem bisher zwei 1975 und 1992 entdeckte Arten bekannt waren, mit dem Suffix "tharalkooschild".

Das leitet sich aus einer alten Aborigines-Legende ab: Einst missachtete das Entenmädchen Tharalkoo die Warnungen seiner Eltern, den Fluss hinabzuschwimmen. Denn dort lauere Bigoon, die Wasserratte, die sich an ihr vergehen könnte. Genau das geschah natürlich, und als die Zeit kam, in der die jungen Enten erstmals Eier legten, tat dies auch Tharalkoo.

Ihr Nachwuchs aber war noch flauschiger als der ihrer Schwestern: Kleine Schimären aus Vogel und Ratte, mit dichtem braunen Fell besetzt. So wurden die ersten Schnabeltiere geboren, sagt die Legende. Was als Erklärung für diese tierische Kuriosität gar nicht mal so schlecht klingt.

National Geographic: Indizien für Schnabeltiere-Evolution

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4 Leserkommentare
juttakristina 05.11.2013
Pentam 05.11.2013
Layer_8 05.11.2013
juttakristina 05.11.2013

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