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19. Mai 2016, 09:02 Uhr

Gehörnte Saurier

Familie Triceratops bekommt Zuwachs

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Die mit mächtigen Hörnern und Nackenschilden bewehrten Ceratopsia gehörten zu den artenreichsten Gruppen der Dinosaurier. Die Liste ihrer Varianten wird in dieser Woche gleich um zwei neue erweitert.

Mehr als 60 akzeptierte Arten weist die Liste der gehörnten Dinosaurier des Typs Triceratops inzwischen auf: Kein Wunder, das wir sie als einen der "Grundtypen" von Sauriern empfinden, die jedes Kind sofort erkennt.

Zumindest ihre großen Vertreter, die in der Kreidezeit lebten, ähnelten sich sehr: Sie besaßen bullige Körper, bewegten sich auf vergleichsweise kurzen Beinen, trugen oft spektakulär lange und spitze Hörner und einen imposanten Nackenschild hinter dem Kopf. Im kreidezeitlichen Biotop mögen sie die Büffel ihrer Zeit gewesen sein. Reine Vegetarier, aber höchst wehrhaft und weit davon entfernt, harmlos gewesen zu sein.

In dieser Woche bekommt der Stammbaum der Ceratopsia gleich zwei neue Äste: Eric Lund von der Ohio University stellt im Fachmagazin "PLOS ONE" Machairoceratops cronusi vor, einen bisher nicht bekannten Vertreter der Centrosaurinae. Und Jordan Mallon vom Canadian Museum of Nature macht uns im gleichen Fachblatt mit Spiclypeus shipporum bekannt.

Mallon hat dem Spiclypeus den Spitznamen Judith gegeben, weil das Fossil am gleichnamigen Fluss in Montana gefunden wurde. Das hat der Saurier mit acht anderen Dinosauriern aus der gleichen Gruppe gemein.

Ceratopsia bevölkerten einst weite Teile des heutigen Nordamerika und Asiens. Von den ersten, noch sehr kleinen Vertretern, bei denen die später so typischen Hörner und Schilde allenfalls in Ansätzen sichtbar waren, bis zum berühmten Triceratops, dessen Zeit erst mit der finalen Katastrophe der Kreidezeit endete, gab es fast 100 Millionen Jahre Ceratopsia auf diesem Planeten.

In der Kreidezeit, als sich so gut wie alle Vertreter der Gruppe zu den geschilderten "Büffeln" ihrer Zeit entwickelt hatten, beschränkten sich die Unterschiede zwischen ihnen weitgehend auf Gewicht und Größe, Schildgestalt und die Zahl, Länge und Position ihrer Hörner.

So bestimmt Lund seinen Machairoceratops anhand zweier über den Augen ansetzender Hörner sowie eines Nackenschildes, der am oberen Rand mit zwei gebogenen, nach vorn gerichteten Fortsätzen bewehrt war, die selbst fast wie Hörner wirkten. Mallons Spiclypeus hingegen verfügte über drei Hörner, von denen die zwei über den Augen eigentümlich nach außen gerichtet waren, sowie einen Nackenschild, dessen Außenrand mit ungewöhnlichen Knochenzacken bewehrt war.

Wie viele Büffelarten braucht ein Biotop?

Dieser Variantenreichtum hat in der Vergangenheit immer wieder Fragen aufgeworfen. Verschiedene Arten lebten oft genug zeitgleich und auch noch in räumlicher Nähe zueinander. Das hat dazu geführt, dass die Gültigkeit mancher Artbestimmung in Frage gestellt wurde.

Das Paradebeispiel ist hier der mächtige Torosaurus, mit fast acht Meter Länge und geschätzt sechs Tonnen Gewicht einer der größten je gefundenen Ceratopsia. Im Jahr 2010 erschienen mehrere Studien, die Torosaurus als ausgewachsene Form des Triceratops deuteten. Der - einer der bekanntesten Dinosaurier überhaupt - wäre demnach gar keine eigenständige Art gewesen, sondern nur ein jugendlicher Torosaurus.

Die Diskussion dazu läuft noch, aber unwahrscheinlich ist so etwas nicht: Viele Dinosaurier veränderten ihre Gestalt, Proportionen und selbst ihre Rolle im Biotop im Laufe ihrer Entwicklung vom jungen zum erwachsenen Tier. In anderen Fällen zeigten Arten auffällige Unterschiede zwischen den Geschlechtern.

Trotzdem dürften die bei weitem meisten Ceratopsia mit ihrer Vielfalt von Varianten eigenständige Arten gewesen sein.

Jordan Mallon glaubt, die Vielfalt der Hornsaurier in der ausgehenden Kreidezeit sei durch Spezialisierungen in der Ernährung zu erklären, mit der die Tiere eine Nahrungskonkurrenz vermieden. Nur das habe es möglich gemacht, dass eng verwandte Arten auf engem Raum nebeneinander lebten.

Nischendifferentierung nennt man so etwas in der Ökologie, und es ist die Vermeidung der Nahrungskonkurrenz selbst, die hier Artbildend wirkt: Die einen fressen Pflanzensorte A, die anderen Sorte B. So spaltet sich eine Gruppe über die Zeit in eine Vielzahl von Arten und Unterarten auf.

Bei den Ceratopsia, glaubt Mallone, dienten den Sauriern die Varianten der Schilde und Hörner dazu, erkennen zu können, welche Art Hornsaurier sie vor sich hatten. Das kennen wir: Von hinten sieht auch heute ein Büffel aus wie der andere. Ceratopsia vermieden Verwechslungen, indem sie eindeutige Signale setzten: Zumindest manche Arten, weiß man inzwischen, trugen zudem am Schwanzende federartige Faser-Büschel, die farbig gewesen sein mögen.

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