Methodische Schwächen Forscher kritisieren Insektenstudie aus den USA

Eine Untersuchung kommt zu einem überraschenden Ergebnis: In den USA gibt es keinen Rückgang bei Vielfalt und Häufigkeit von Insekten. Doch es gibt auch Zweifel an der Arbeit.
Grashüpfer in den USA

Grashüpfer in den USA

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Glenda Christina/ Design Pics/ imago images

Um die Welt der Insekten ist es nicht gut bestellt, das befürchten Forscher schon länger. In Deutschland hatten Wissenschaftler 2017 eine Untersuchung aus einem Naturschutzgebiet bei Krefeld in Nordrhein-Westfalen veröffentlicht, sie zeigte einen alarmierenden Rückgang der Insektenbestände um rund 75 Prozent. Weitere Studien bestätigten, dass die artenreichste Tierklasse unseres Planeten schrumpft, vor allem landlebende Insekten sind betroffen. Dazu gehören viele wichtige Bestäuber von Nutzpflanzen oder Schädlingsbekämpfer - deshalb befürchten manche Experten, unsere Ökosysteme könnten aus dem Gleichgewicht geraten.

Allerdings betonten Experten immer wieder, dass die Datengrundlage zur Erfassung der Bestände unzureichend sei. Es fehle vor allem an qualitativ hochwertigen Langzeituntersuchungen.

Überraschend erscheint vor diesem Hintergrund nun das Ergebnis einer Studie aus den USA: Demnach verzeichneten die Forscher um Michael Crossley von der University of Georgia keinen Rückgang der Häufigkeit und der Artenvielfalt von Insekten und anderen Gliederfüßern. Ihre Studie, die im Fachjournal "Nature Ecology & Evolution"  veröffentlicht wurde, scheint damit anderen Untersuchungen zu widersprechen.

Die Forscher hatten für die Analyse Studiendaten von etlichen Beobachtungsstandorten in den USA gesammelt und unterschiedlich lange Zeiträume zwischen vier und 36 Jahren ausgewertet. Dafür nutzten sie das Long Term Ecological Research Network (LTER), ein Bündnis von Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen, die an ihren Standorten auf unterschiedliche Art und Weise Umweltbeobachtungen betreiben.

Die Orte seien für die Studie so gewählt worden, dass sie möglichst viele verschiedene Lebensraumtypen beinhalteten. Auch der Einfluss des Menschen sollte sich in ihnen spiegeln. Darunter waren urbane Regionen wie beispielsweise die US-Städte Baltimore und Phoenix, aber auch landwirtschaftlich genutzte Gebiete wie das Ackerland im Mittleren Westen. Selbst verhältnismäßig entlegene Gegenden wie die Tundra in Alaska oder Grasland im Sevilleta National Wildlife Refuge in New Mexiko wurden erfasst.

So entstanden etwa 5300 Datensätze zu den Beständen von unterschiedlichen Insekten und anderen Tieren. Die Experten hatten beispielsweise gezählt, wie viele Blattläuse, Heuschrecken oder Mückenlarven ihnen in die Falle gegangen waren. Außerdem wurde die Zahl von Flusskrebsen pro Fischernetz oder die Menge von Krabbenhöhlen pro Quadratmeter erfasst.

Potpourri aus Mückenlarven und Krabbengängen

Die neue Studie bringt all diese Daten zusammen, es zeichnet sich folgendes Bild: An einigen der Standorte beobachten die Forscher einen Rückgang bei manchen Arten, an anderen wiederum Zuwächse oder unveränderte Werte. Fasse man alle Ergebnisse zusammen, ergäbe sich praktisch keine Veränderung bei der Vielfalt und Häufigkeit, schreiben die Forscher. Zwar räumen sie ein, dass die Entwicklung weiterhin beobachtet werden müsse. Doch insgesamt klingt ihre Studie sehr viel positiver als andere Ergebnisse aus Europa.

An der aktuellen Untersuchung gibt es allerdings deutliche Kritik. Das Science Media Center befragte etliche Experten zu der neuen Arbeit. "Die Studie ist meiner Ansicht nach kein gutes Beispiel wissenschaftlicher Praxis", so Christoph Scherber vom Institut für Landschaftsökologie an der Universität Münster.

Er kritisiert die Mischung der Daten. "Die Studie wirkt so, als hätte man alles zusammengekratzt, was irgendwie nach Insekt klingt. Herausgekommen ist ein buntes Potpourri aus Mückenlarven, Krabbengängen, Heuschrecken in Keschern, Zecken auf dem Arm, Flusskrebsen, Stadtmoskitos und Insekten unter Steinen in Fließgewässern." Man habe dann all diese Daten über einen Kamm geschoren - dabei sei an jedem Standort etwas völlig anderes gemessen worden.

Zwar räumt Scherber ein, dass dies auch bei anderen Analysen passiere. Aber es gebe bei der aktuellen Auswertung noch ein weiteres Problem: Es sei bekannt, dass durch globalen Wandel und Verlust an Pflanzenarten sogenannte Allerweltsarten und Schädlinge zunehmen - es gebe mehr Blattläuse und weitere Schadinsekten in der Landwirtschaft, während seltenere Arten von naturschutzfachlicher Relevanz massiv abnehmen. Beispielsweise würden in Deutschland auf manchen intensiv landwirtschaftlich genutzten Flächen außer Kohlweißling und Zitronenfalter bald keine anderen Schmetterlingsarten mehr fliegen.

Die aktuelle Analyse ist letztlich ein Nullsummenspiel: Fügt man den Anstieg der Allerweltsarten und die Abnahme seltenerer Arten zusammen, ergebe sich Null. Und das erweckt fälschlich den Anschein, als sei in der Welt der US-Insekten alles in Ordnung. Zu einer ähnlichen Bewertung kommt auch die Ökologin Alexandra-Maria Klein von der Universität Freiburg. Rückgänge, Zunahmen und konstante Populationen verschiedener Organismen ergebe mathematisch die Aussage: "Kein Nettorückgang bei Insekten in den USA." Dabei ließe sich diese Aussage eigentlich nicht treffen.

"Mir ist rätselhaft, wie eine Arbeit mit solch offensichtlichen Schwächen den Review-Prozess in einer sehr renommierten Zeitschrift überstehen konnte"

Johannes Steidle von der Universität Hohenheim

Auch der Biologe Johannes Steidle von der Universität Hohenheim äußert sich kritisch. Er spricht von einer hochproblematischen Methodik und einer "geradezu vogelwilden Mischung aus nicht miteinander vergleichbaren Erhebungen". Geradezu absurd werde die Studie, wenn Zecken, Winkerkrabben und Flusskrebse in die Metaanalyse miteinbezogen werden. "Selbst Laien wissen inzwischen, dass Zecken und Krebse keine Insekten sind", so Steidle. Eine Aussage zu der Frage, ob Insektenbestände in den USA zurückgehen oder nicht, lasse sich nicht herleiten. "Mir ist rätselhaft, wie eine Arbeit mit solch offensichtlichen Schwächen den Review-Prozess in einer sehr renommierten Zeitschrift überstehen konnte."

Schaue man genauer in die Daten, sei erkennbar, dass Bestände von nützlichen Insekten auch in Nordamerika zurückgingen, so Josef Settele vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Halle (Saale). "Schmetterlinge, die auch als Bestäuber wichtig sind - vor allem die Nachtfalter -, zeigen auch in der vorliegenden Arbeit einen negativen Trend", so der Leiter der Arbeitsgruppe Tierökologie. Immerhin räumen auch die Autoren der aktuellen Untersuchung ein, dass die Zusammensetzung der Arten einen negativen Einfluss auf die Ökosysteme haben könnte.

Blattläuse, die als Schädlinge in der Getreideregion der USA erfasst wurden, sind dagegen in den vergangenen 20 Jahren nicht weniger geworden. Ein Trend, dem Alexandra-Maria Klein nichts Positives abgewinnen kann. "Ich finde es persönlich schlimm, wenn wir immer mehr Mücken, Zecken und Blattläuse bekommen, aber meine liebsten Bienen- und Schmetterlingsarten kaum noch zu finden sind", sagt sie.

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