Fossile Fußabdrücke 3D-Scans enthüllen Geheimnis des Urmenschengangs

In Afrika haben Forscher die ältesten bekannten Hinweise auf den modernen Gang des Menschen gefunden. Uralte Fußspuren belegen, dass Frühmenschen schon vor 1,5 Millionen Jahren genauso schritten, wie wir es heute tun.

Fußabdrücke von Ileret: "Zu 80 oder 90 Prozent stimmt das überein"
AFP / Matthew Bennett / Bournemouth University

Fußabdrücke von Ileret: "Zu 80 oder 90 Prozent stimmt das überein"

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Ein paar Mal im Jahr kam das segensreiche Nass. Dann überspülte das Wasser des nahegelegenen Flusses die ansonsten staubtrockene Ebene am Turkanasee im Norden des heutigen Kenias. Als sich die Fluten wieder zurückzogen, blieben Wasserlöcher zurück. An ihnen sammelten sich die Tiere der Umgebung, vom Vogel bis zur Giraffe, von der Antilope bis zum Krokodil.

Und auch unsere Vorfahren trieben sich an den schlammigen Tümpeln herum, wohl auf der Suche nach Tierkadavern oder Früchte tragenden Bäumen. Das beweisen prähistorische Fußabdrücke, die ein internationales Forscherteam zwischen 2006 und 2008 in Ileret, östlich des Turkanasees, freigelegt hat. Metertief im Boden schlummerten die Spuren von drei Frühmenschen, zwei Erwachsenen und einem Kind. Verborgen waren sie unter Schlammschichten, Lehm, Kalk und Vulkanasche. Letztere half auch bei der Datierung der Funde.

Rund 1,5 Millionen Jahre sind die Spuren alt, haben die Forscher herausgefunden. "Es handelt sich um die zweitältesten Fußabdrücke, die wir kennen", sagte Matthew Bennett von der Bournemouth University im britischen Poole im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Bennett und seine Kollegen berichten in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins "Science" davon, dass die Spuren im afrikanischen Sand überraschende Ähnlichkeit mit modernen Fußabdrücken aufweisen: "Zu 80 oder 90 Prozent stimmt das überein", sagt Bennett.

Damit unterscheiden sich die Abrücke von Ileret entscheidend von den ältesten bekannten frühmenschlichen Fußtapsen. Die hatten US-Forscher vor rund 30 Jahren im tansanischen Laetoli entdeckt. Dort hatten drei Urmenschen der Art Australopithecus afarensis vor rund 3,5 Millionen Jahren ihre Füße in frische, vom Regen angefeuchtete Vulkanasche gedrückt.

Doch der Gang des Grüppchens hatte noch wenig mit dem des modernen Menschen zu tun. Stattdessen war er eher mit unseren tierischen Vorfahren vergleichbar: Während Affen die perfekte körperliche Ausstattung für die Bewegung auf Bäumen haben, sind wir Menschen besser für den zweibeinigen Gang auf ebener Erde eingerichtet. Im Vergleich mit den Füßen heute lebender Affenarten zeigt sich unter anderem, dass menschliche Zehen vergleichsweise kurz sind. Außerdem liegt der große Zeh dicht bei den anderen und steht nicht weit ab. Ein Längsgewölbe im Fuß hilft uns dabei, uns mit dem Vorderfuß vom Boden abzustoßen. Bei Affen kommt stattdessen der Mittelfuß zum Einsatz.

Spurenvergleich mit Laser-Scans

Bennett und seine Kollegen fertigten mit Hilfe von Lasern aufwendige 3D-Scans an, um die Abdrücke von Laetoli und Ileret zu vergleichen. Auf den Bildern legten die Forscher insgesamt 13 Referenzpunkte fest. Eine ausgeklügelte Computersoftware übernahm dann die Analyse.

Zwischen beiden Abdrücken lagen weit mehr als zwei Millionen Jahre - und das Erscheinen der Gattung Homo in Afrika. Etwa vor 1,9 Millionen Jahren tauchte der Frühmensch Homo erectus in dem Gebiet auf. Manchmal werden dessen frühe Vertreter auch als Homo ergaster bezeichnet.

Auch wenn es keine endgültigen Belege dafür gibt, scheint es so, als hätten die Urmenschen aus Kenia zu dieser Gruppe gehört. Im Vergleich zu den Abdrücken von Laetoli finden sich in ihren Spuren ganz andere Breitenverhältnisse zwischen Vorder- und Mittelfuß. Außerdem steht der große Zeh bei den alten Abdrücken aus Tansania in einem Winkel von 27 Grad von der Längsachse des Fußes ab, bei den Spuren im Sand von Ileret sind es 14 Grad.

Und auch sonst kommen die Ileret-Spuren viel moderner daher: Der Fuß ist bereits stark gewölbt, die Zehen sind vergleichsweise kurz. Mit modernen Abdrücken ergeben sich deswegen große Übereinstimmungen, auch wenn der große Zeh des Homo sapiens mit acht Grad Abstand inzwischen noch näher an den anderen Zehen liegt.

Urmenschen waren bis zu zwei Meter groß

Die Schrittlänge und die Tiefe der gefundenen Abdrücke deuten darauf hin, dass der Ahn aus Kenia ähnlich groß und schwer war wie wir, seine derzeit lebenden Abkömmlinge. Die Erwachsenen seien zwischen 1,50 und zwei Meter groß gewesen. Das Kind habe rund einen Meter gemessen.

Als moderner Vergleichsmaßstab zu den Frühmenschen dienten den Forschern gleich zwei Gruppen von Spuren. Zumindest eine von ihnen war nicht wirklich brandneu: Sie stammte von Bronzezeitmenschen, die vor 3500 Jahren an der Küste der irischen See entlangwanderten. Außerdem vermaßen die Wissenschaftler noch die Fußabdrücke des heute in der Region der Fundstelle lebenden Eingeborenenvolkes der Dassenach - und setzten diese ebenfalls in Relation zu den prähistorischen Spuren.

Und in nahezu allen Einzelheiten, so die Folgerung der Forscher, zeigten diese das Gangbild des modernen Menschen: Zuerst wird die Ferse aufgesetzt, dann das Gewicht verlagert - und schließlich über den Fußballen und den großen Zeh abgerollt.

Mit Material von AP



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