Fossiles Kleinvieh Super-alt, super-groß, super-seltsam

Nikola Rahmé

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In den wissenschaftlichen Fachzeitschriften wimmelt es in dieser Woche vor fossilem Kleingetier. Wir haben die bemerkenswertesten Funde zusammengetragen: bizarr großäugige Fluginsekten, sensationell erhaltene Krabbeltiere - und den ältesten Embryo der Welt.

Augen auf: Da fliegt was

Es kommt nicht immer auf die Größe an, aber bei Fossilien hilft es, damit sie als spektakulär wahrgenommen werden. Insekten haben es da naturgemäß oft schwer. Um so größer die Freude über den Fund eines wahren Giganten: Mit 9,3 mm Flügellänge war Metanephrocerus belgardeae wohl die größte aller Augenfliegen.

Dieser relative Riese unter den kleinen Brummern ist nur eine von gleich drei neuen Arten, die Christian Kehlmaier vom Senckenberg Forschungsinstitut in Dresden in den letzten Monaten gemeinsam mit amerikanischen Kollegen bestimmen und benennen konnte. Ihre Studien dazu wurden in den Fachjournalen "The Canadian Entomologist" und "Arthropod Systematics & Phylogeny" veröffentlicht.

Meldungen über fossile Insekten schaffen es eher selten in die Öffentlichkeit. Aber einem Tier wie Metanephrocerus, das vor rund 50 Millionen Jahren lebte, sieht man natürlich gern ins Auge: In Anbetracht der Tatsache, dass fast ihr gesamter Kopf daraus besteht und dieser Sehapparat fast ein Drittel der Gesamtgröße des bizarren Insekts ausmacht, ist das bei entsprechender Vergrößerung ja fast unvermeidlich (siehe Bilder).

Dazu kommen die aus menschlicher Perspektive gruseligen Gewohnheiten der Tiere. Augenfliegen, seit 70 Millionen Jahren in der Welt und auch heute noch mit rund 1400 Arten verbreitet, brauchen diesen opulenten visuellen Apparat, weil sie ständig auf der Suche nach anderen Insekten sind, in die sie ihre Eier legen können. Ihre Larven fressen die lebenden Wirte dann von innen auf.

Aber Scherz und populistischer Grusel beiseite: Tatsächlich sind solche Funde sehr selten. Dazu kommt, dass die klare Artbestimmung bei solch kleinen Fossilien oft schwierig ist. In den aktuellen Fällen ist das gelungen: "Anhand des charakteristischen Musters der dunkel gefärbten Flügel konnten wir Metanephrocerus belgardeae deutlich von anderen Arten abgrenzen", erklärt Kehlmeier.

Bei den zwei anderen Funden, in Bernstein eingeschlossenen Vertretern von Metanephrocerus groehni und Metanephrocerus hoffeinsorum, gelang das mit Hilfe von Hightech: Mikro-Computertomografien machten bei den Winzlingen sogar Genitalstrukturen sichtbar.

Weberknecht mit Rundumsicht

Apropos seltene Klein-Fossilien: Ein deutsch-britisch-amerikanisches Forscherteam zeigt in dieser Woche im Fachblatt "Current Biology" noch einen Fund mit Seltenheitswert. Hastocularis argus ist ein 305 Millionen Jahre alter, fossiler Weberknecht (Opiliones). Die filigranen Langbeine sehen aus wie Spinnen, sind aber bekanntlich keine, sondern eine eigene Ordnung in der Klasse der Spinnentiere (Arachnida).

Fossil-Scan eines Weberknechts: Links eine volle Ansicht, der kleine Maßstab unten rechts zeigt 4 Millimeter. Oben rechts ein Seitenprofil des Körpers, unten rechts eine starke Vergrößerung des Kopfbereiches (Maßstab: 1 mm). Rot eingezeichnet sieht man ein nach vorn orientiertes Mittenauge, grün einen Satz Seitenaugen.
Muséum national dHistoire naturelle

Fossil-Scan eines Weberknechts: Links eine volle Ansicht, der kleine Maßstab unten rechts zeigt 4 Millimeter. Oben rechts ein Seitenprofil des Körpers, unten rechts eine starke Vergrößerung des Kopfbereiches (Maßstab: 1 mm). Rot eingezeichnet sieht man ein nach vorn orientiertes Mittenauge, grün einen Satz Seitenaugen.

Mitunter beruhigt diese Information sogar Phobiker. Die, dass Weberknechte viel näher mit Skorpionen verwandt sind als mit Spinnen, sollte man ihnen dann wiederum vorenthalten. Anders als diese gefürchteten, gepanzerten Stachelträger sind Weberknechte allerdings klein und weich - und das macht Weberknecht-Fossile extrem selten.

Deshalb ist der aktuelle Fund schon für sich genommen ziemlich sensationell: Den Forschern gelang es, ein dreidimensional erhaltenes Exemplar zu bergen, das sie mit Hilfe hochauflösender Röntgenbilder virtualisieren konnten. Heraus kam ein detailliertes "Foto" eines seit mehr als 300 Millionen Jahren toten Tieres - vollständig erhalten und mit zahlreichen, noch nie zuvor gesehenen Details.

Hastocularis argus im Frontal-Porträt. Wie ungewöhnlich so ein Bild ist, machen zwei Zahlen klar: Dieses vollständig und dreidimensional erhaltene Fossil ist 305 Millionen Jahre alt und misst knapp einen Zentimeter - sowas muss man erst einmal finden
American Museum of Natural History

Hastocularis argus im Frontal-Porträt. Wie ungewöhnlich so ein Bild ist, machen zwei Zahlen klar: Dieses vollständig und dreidimensional erhaltene Fossil ist 305 Millionen Jahre alt und misst knapp einen Zentimeter - sowas muss man erst einmal finden

Dazu gehören nicht nur die filigranen Beine, sondern auch in diesem Fall höchst ungewöhnliche Augen. Arachniden verfügen oft über unterschiedliche Augensätze, die entweder zentral am "Kopf" positioniert sein können oder stärker zu den Seiten des Körpers für einen extrem großen Blickwinkel sorgen. Solche Seitenaugen fehlen heutigen Weberknechten, offenbar aber nicht ihren archaischen Vorfahren: Wo ein Arachnid Augen haben kann, hatte Hastocularis argus auch welche. Hier ist die Benennung also einmal Ausdruck wissenschaftlichen Humors - eben nomen est omen.

Es geht noch kleiner

Den sprichwörtlichen Vogel, was die Entdeckung von Kleinst-Fossilien angeht, schossen in dieser Woche aber Forscher von der Universität Missouri ab: In der aktuellen Ausgabe des "Journal of Paleontology" zeigen sie rasterelektronenmiskroskopische Aufnahmen der wahrscheinlich ältesten Embryonen, die je gefunden wurden.

Die an Eier erinnernden Blastozyten (eine Frühphase der Embryonalentwicklung) kommen aus dem Kambrium und damit auf das sagenhafte Alter von wahrscheinlich über 500 Millionen Jahren. Sie datieren damit in die Zeit der sogenannten kambrischen Explosion - die Phase der Evolution, in der mehrzelliges, komplexeres Leben sich gerade erst entwickelt und erstmals in größerer Masse verbreitet hatte.

Wessen Nachwuchs sie da genau gefunden haben, wissen die Forscher noch nicht. Was auch immer damals kreuchte und fleuchte, war entweder weich, saß verankert an Felsen und filterte Nährstoffe aus dem Wasser oder hatte eine harte Außenschale - Wirbeltiere gab es noch nicht, erste frühe Vorläufer allerdings schon.

Die Studie ist Teil des Kambrium-Teils einer Sonderausgabe des "Journal", in der es ausschließlich um neue Erkenntnisse über den Übergang zwischen der sogenannten Ediacara-Fauna, die wahrscheinlich vollständig ausstarb, und der folgenden kambrischen Explosion geht, mit der die Entwicklungslinie vielzelligen Lebens begann, wie wir es heute kennen.



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nilaterne 11.04.2014

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