Grube Messel Urzeit-Schildkröten beim Sex verewigt

Sie starben vor 47 Millionen Jahren beim Sex: Paläontologen haben in der Grube Messel in Hessen neun versteinerte Paare kopulierender Wirbeltiere entdeckt. Der Fund könnte die Theorie über die Entstehung der berühmten Fossil-Lagerstätte über den Haufen werfen.

Versteinerung im Schiefer: Abgesunken in giftige Tiefe
dapd/ Senckenberg Naturmuseum

Versteinerung im Schiefer: Abgesunken in giftige Tiefe


Hamburg/Messel - Der Fund ist eine paläontologische Sensation: Wissenschaftler haben Fossilien von kopulierenden Wirbeltieren entdeckt. In der Grube Messel bei Darmstadt stießen sie auf neun Paare von urzeitlichen Weichschildkröten, die während des Geschlechtsakts gestorben und in dieser Position konserviert worden waren.

Die Forscher fanden die Fossilien in eindeutiger Pose: Die hinteren Enden ihrer Schilde waren aneinandergedrückt, und die Männchen hatten teilweise noch ihren Schwanz unter die Schale des Weibchens gebogen und ihn neben den ihrer Partnerin gelegt, berichtet das deutsch-schweizerische Forscherteam im Fachmagazin "Biology Letters". Das sei typisch für die Paarungsstellung.

Der Fund der kopulierend gestorbenen Schildkröten deute auch darauf hin, wie die Tiere einst in dem ehemaligen Vulkansee starben. Vermutlich seien sie bei der Paarung in tiefere, giftige Wasserschichten des Sees abgesunken und dort schnell gestorben, schreibt das Forscherteam, zu dem neben Paläontologen der Universitäten Tübingen und Zürich auch Wissenschaftler des Senckenberg Forschungsinstituts in Frankfurt und des Hessischen Landesmuseums Darmstadt gehören.

Die Grube Messel gehört wegen ihrer reichen Fossilbestände zu den Weltnaturerbe-Stätten der Vereinten Nationen. In den Ölschieferablagerungen des einstigen Vulkansees finden sich zahlreiche Relikte von Tieren und Pflanzen aus der Zeit vor rund 47 Millionen Jahren.

Männchen besteigt Weibchen

In dem Messeler Ölschiefer fanden die Forscher auch die insgesamt 51 Exemplare der Weichschildkröten Allaeochelys crassesculpta, von denen 18 als Paar erhalten waren. "Dieser Fund hat große Bedeutung für die gesamte Fossilgeschichte der Grube Messel", schreiben die Paläontologen. Denn die kopulierenden Schildkrötenpaare sprächen gegen bisherige Szenarien für den Tod der zahlreichen urzeitlichen Tiere in dem einstigen Vulkansee.

Bisher vermutete man, dass der See periodisch giftige vulkanische Gase ausstieß, oder dass toxische Algenblüten im Sommer das Trinkwasser der im und am See lebenden Tiere vergiftete. Keines dieser beiden Szenarien könne aber erklären, warum die Schildkröten ausgerechnet bei der Paarung gestorben seien: "Es ist unplausibel, dass die Schildkröten freiwillig in giftigem Wasser schwimmen, um ihre Partner werben und sich dann schließlich dort paaren", betonen Walter Joyce von der Universität Tübingen und seine Kollegen. Es sei daher äußerst unwahrscheinlich, dass es im Sommer, zur Paarungszeit der Schildkröten, eine giftige Algenblüte im See gegeben habe.

Nach Ansicht der Forscher deutet der Tod der kopulierenden Schildkröten auf ein ganz anderes Szenario hin: "Wenn ein Wasserschildkrötenmännchen ein Weibchen erfolgreich bestiegen hat, bleibt das Paar meist geraume Zeit bewegungslos im Wasser", erklären Joyce und seine Kollegen. Dabei könne das Paar in beträchtliche Tiefen absinken. Sie vermuten daher, dass die Urzeit-Schildkröten im ungiftigen Oberflächenwasser des Sees mit ihrer Paarung begannen, dann aber in tiefere, giftige Wasserschichten absanken.

Das durch Vulkangase oder organische Ablagerungen toxische Tiefenwasser sei für die Tiere tödlich gewesen, sagen die Forscher. Denn die Haut heute noch lebender und höchstwahrscheinlich auch der urzeitlichen Weichschildkröten war ungepanzert und relativ durchlässig, weil diese Tiere auch über sie atmeten. Am Grund des Sees angekommen, rutschten die toten Männchen vom Rücken der Weibchen herunter und ihre Fossilien lagerten sich Seite an Seite ab - so wie sie nun gefunden wurden.

boj/dapd



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
miauwww 20.06.2012
1. Pannenartikelueberschrift
Man denkt immer, hier kann das Niveau schon nicht mehr sinken, aber es geht doch: 'Urzeit-Schildkröten beim Sex verewigt': soll das etwa witzig sein?
frunabulax 20.06.2012
2. Nur nochmal zur Erinnerung
Unsere Politiker hatten doch mal die glorreiche Idee dieses Naturerbe in eine Mülldeponie zu verwandeln!
c182q 20.06.2012
3. Idee
Zitat von frunabulaxUnsere Politiker hatten doch mal die glorreiche Idee dieses Naturerbe in eine Mülldeponie zu verwandeln!
Was heißt "hatten eine Idee"? Die Grube wurde ja schon jahrelang teilweise zugeschüttet mit z.B. Bauschutt etc, die Mülldeponie wäre da nur der Schlußpunkt gewesen. Jahrelang haben Privatleute viele heute bestaunte Fossilien gerettet.
Airkraft 20.06.2012
4. Ein wirklich...
Zitat von sysopdapd/ Senckenberg NaturmuseumSie starben vor 47 Millionen Jahren beim Sex: Paläontologen haben in der Grube Messel in Hessen neun versteinerte Paare kopulierender Wirbeltiere entdeckt. Der Fund könnte die Theorie über die Entstehung der berühmten Fossil-Lagerstätte über den Haufen werfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,839810,00.html
schöner Tod!
Sique 20.06.2012
5. Verstehe ich nicht.
Zitat von miauwwwMan denkt immer, hier kann das Niveau schon nicht mehr sinken, aber es geht doch: 'Urzeit-Schildkröten beim Sex verewigt': soll das etwa witzig sein?
Aber genau das ist passiert - die Tiere hatten Sex, sind dabei offenbar sehr plötzlich gestorben und so konserviert worden. Sie wurden beim Sex verewigt. Warum darf man das nicht so in die Überschrift schreiben?
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