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Fotoprojekt zu Graspflanzen: Unterschätzte Schönheit

Foto: Ingo Arndt

Projekt "GrasArt" Sehen Sie hier: Fotos von... Gras

Eigentlich fotografiert Ingo Arndt Tiere. Doch dann entdeckte er ein neues Motiv: die größten Graslandschaften der Erde.
Zur Person
Foto: Ingo Arndt/ Knesebeck Verlag

Der Fotograf Ingo Arndt, 1968 in Frankfurt am Main geboren, interessiert sich seit seiner Kindheit für die Natur und hat sich als Tierfotograf einen Namen gemacht. Seine Bilder erscheinen in verschiedenen Magazinen und Zeitschriften wie "National Geographic" oder "Geo". Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter einen "World Press Photo"-Award. Zudem war er mehrfach "Wildlife Photographer of the Year".

SPIEGEL ONLINE: Herr Arndt, andere fotografieren Bäume oder zumindest Blumen. Warum fotografieren Sie Gras?

Arndt: Ich wollte unbedingt einen ökologisch relevanten Lebensraum porträtieren. Aber nichts, was man schon überall gesehen hat. Über Graslandschaften gibt es so gut wie nichts. Dabei spielen sie in der Natur eine wichtige Rolle. Nach Wald und Ozeanen sind sie das drittwichtigste Ökosystem auf unserem Planeten. Unglaublich viele Tiere leben im und vom Gras. Nicht nur Säuger, die sich von den Pflanzen ernähren und dort weiden. Auch etliche Insekten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind eigentlich Tierfotograf. Gras zu fotografieren, klingt ein wenig langweilig, oder?

Arndt: Keineswegs. Ich war sehr überrascht, wie bunt Gras sein kann. Es ist nicht nur grün. Bei einigen Gräsern gibt es einen Farbverlauf, das erkennt man aber nur unter der Lupe. Die Pflanzen schimmern dann rötlich. Manchmal auch orange oder gelb. Zudem ist Gras ganz schön clever.

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Ingo Arndt

GrasArt

Verlag: Knesebeck
Seitenzahl: 256
Für 14,99 € kaufen

Preisabfragezeitpunkt

05.02.2023 15.26 Uhr

Keine Gewähr

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SPIEGEL ONLINE: Wieso?

Arndt: Die Pflanzen haben im Laufe der Evolution Kristalle als Abwehrmittel gegen Tiere gebildet. Wenn die das Gras gefressen haben, hat das Gebiss stark gelitten. Allerdings haben sich die Tiere im Laufe der Zeit angepasst und widerstandsfähigere Zähne gebildet.

SPIEGEL ONLINE: Wo waren Sie für Ihr Buch überall?

Arndt: In den zweieinhalb Jahren, die ich an dem Projekt gearbeitet habe, bin ich zusammengerechnet ungefähr zehn Monate am Stück unterwegs gewesen und habe die sieben größten Graslebensräume auf der Erde besucht: In Amerika die Pampa, die Prärie und die Everglades, in Afrika die Savanne, in Asien die Steppe und Bambuswälder und in Europa Schilfgebiete. In der Pampa in Südamerika war ich aber zweimal.

SPIEGEL ONLINE: Warum?

Arndt: Ich wollte unbedingt einen Puma fotografieren. Das ist mir beim ersten Besuch nicht gelungen. Mein Ziel war es aber, die Ökosysteme möglichst komplett abzubilden, also auch ihre Bewohner zu zeigen. Auch in der Savanne war ich mehrfach und im Donaudelta. Das ist das größte Schilfgebiet der Erde, da habe ich von einem Boot aus fotografiert. Auf so einem wackligen Untergrund gelingen aber keine Bilder von Vögeln. Deshalb bin ich auch dort noch einmal hingefahren.

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Fotoprojekt zu Graspflanzen: Unterschätzte Schönheit

Foto: Ingo Arndt

SPIEGEL ONLINE: Worin lag die Schwierigkeit bei dem Projekt?

Arndt: Es war nicht leicht, überhaupt noch natürliche Graslandschaften zu finden, in denen nicht irgendwo Merkmale der Zivilisation im Objektiv auftauchen. Von den Great Plains, den Prärielandschaften in Nordamerika, sind gerade noch vier Prozent der ursprünglichen Fläche vorhanden. Einige große Areale, die noch natürlich erhalten sind, gehören irgendwelchen Superreichen. Ted Turner besitzt dort riesige Flächen und züchtet Bisons. Dort hätte ich gerne gearbeitet, aber ich erhielt keine Genehmigung. Also hab ich durch den Zaun fotografiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt noch natürliche Grasflächen?

Arndt: Ja. Im Osten der Mongolei befindet sich die Dornod Mongol. Da bin ich tagelang nur durch unberührte Landschaften gefahren - Gras bis zum Horizont. Selbst die Hirten mit ihren Jurten wagen sich da nicht hin. Bei Regen verwandelt sich die Landschaft in eine Schlammwüste, wer dann mit dem Jeep steckenbleibt, hat ein echtes Problem, da sind sie in einem riesigen Funkloch. In diesen Weiten habe ich mich schon sehr klein gefühlt - und auch ein wenig einsam. Aber es ist auch ein Gefühl von Freiheit entstanden.

SPIEGEL ONLINE: Woher wussten Sie überhaupt, wo Sie nach fotogenen Graslandschaften suchen sollten?

Arndt: Ich habe lange recherchiert und mit verschiedenen Forschern gesprochen. Das war notwendig, denn den einen Grasspezialisten, der alle Arten sofort bestimmen konnte, habe ich nicht gefunden. Für einige gibt es nicht mal deutsche Namen. Zudem habe ich auch Reiseveranstalter oder Naturschutzorganisationen gefragt. Ich habe vor Ort dann nach den besten Locations gesucht. Aber es war generell schwierig, Reisen zu planen. Auch wegen des Klimawandels.

SPIEGEL ONLINE: Was hat der damit zu tun?

Arndt: Die klimatischen Jahreszeiten verschieben sich. Ich wollte die Landschaften immer in der Blütezeit der Gräser fotografieren. Aber inzwischen ist nur noch schwer vorhersehbar, wann das passieren wird. Deshalb war ich manchmal zu früh da und manchmal waren die Gräser bereits verblüht. Die Natur verändert sich, vor 20 Jahren konnte man das ziemlich genau planen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie die Blütenaufnahmen doch noch hinbekommen?

Arndt: Wenn ich vor Ort keine Bilder machen konnte, habe ich mir zu Hause die Grassamen bei Gärtnereien oder Spezialisten besorgt und in meinen Garten gepflanzt. Im nächsten Jahr waren die Gräser so groß, dass ich in der Blütezeit meine Nahaufnahmen machen konnte.

SPIEGEL ONLINE: Warum haben Sie nicht auf die Makros verzichtet?

Arndt: Es gibt mehr als 15.000 Grasarten. Diese vielen Formen und Farben zeigen sich nur aus der Nähe. Aber es war nicht einfach, die Bilder vor Ort zu machen. Der Wind hat oft mein Lichtzelt weggeblasen, das ist mein Ministudio für unterwegs. Und er beschädigt häufig auch die Grashalme, pustet etwa die Blüten weg. Deshalb musste ich manchmal ewig im Gras rumkriechen, bis ich einen unbeschädigten Grashalm gefunden hatte.

SPIEGEL ONLINE: Mähen Sie nach dem Projekt in Ihrem Garten eigentlich noch Ihren Rasen?

Arndt: Ja, das mache ich schon noch. Aber ich lasse jetzt immer einige kleine Ecken, in denen es wachsen darf. Dort sieht es dann irgendwann ein wenig wie im Grasland der Mongolei aus.

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