Vielfalt der Rassen Wider das Einheitshuhn

Die Abermillionen von Hühnern in Legebatterien und Mastställen stammen aus wenigen Zuchtlinien. Nur selten findet man noch alte Haushuhnrassen - dabei gelten sie als eine Art Gen-Versicherung.

Echo Photojournalism/ Emanuela Colombo

Auf der Erde leben etwa 22 Milliarden Hühner, das sind pro Mensch drei. Die Tiere werden seit Jahrzehnten gezüchtet. Entstanden sind so Hochleistungstiere, die entweder mehr als 300 Eier pro Jahr legen oder binnen eines Monats vom Küken zum schlachtreifen Tier heranwachsen.

Doch in Zeiten von Slow Food und Biohöfen haben Landwirte alte Haushuhnrassen wieder entdeckt. Sie heißen Bergischer Kräher, Brabançonne oder Lakenfelder Huhn und gehören doch zur selben Unterart Gallus gallus domesticus wie die auf Leistung getrimmten Tiere in großen Ställen. Aber sie unterscheiden sich teils erheblich von ihren Artgenossen.

Die italienische Fotografin Emanuela Colombo hat nun diverse Hühner alter Rassen und exotischer Zuchtrassen in Szene gesetzt. Mal scheinen die Tiere vor der Kamera zu posieren wie richtige Models, mal erwischt Colombo sie leicht unscharf mitten in einer schnellen Bewegung - siehe Fotostrecke oben.

Hochgezüchtet und effizient

Überraschend ist die Vielfalt der Farben und Formen. Manche Rassen wirken wegen der wenigen kleinen Federn fast schon nackt - andere plustern sich so sehr auf, dass man den Körper unter den vielen Federn nicht mal mehr erahnen kann.

Schaut man allein auf den Ressourceneinsatz, um Eier oder Fleisch zu bekommen, dürfte man die alten Rassen eigentlich gar nicht halten. Denn sie legen oft nur halb so viele Eier wie ein Tier aus dem Großstall. Und auch beim Körperwachstum können sie nicht mit ihren hochgezüchteten Artgenossen mithalten. Sie verbrauchen deshalb mehr Futter und erzeugen auch mehr Stickstoff und Phosphate.

Doch weil sie langsamer wachsen, gilt ihr Fleisch als besonders schmackhaft, nicht zuletzt, weil es fester ist. Obendrein punkten manche Tiere mit ihren Eiern, denn es gibt sie anders als von herkömmlichen Hühnern auch mit grüner oder schokoladenbrauner Schale.

Ein Huhn für zwei

Alte Haushuhnrassen und auch die vor allem wegen ihres exotischen Aussehens gehaltenen Rassen haben aber auch eine wichtige Funktion als Genpool. Bei Hochleistungshühnern ist die Vielfalt im Erbgut meist nur gering. Die sogenannten Hybridhühner entstehen durch Kreuzung verschiedener für Mast oder Eierlegen optimierter Ausgangslinien.

Die alten Rassen bieten eine viel größere Vielfalt. "Wir wissen nicht, welche Eigenschaften noch alle in ihnen stecken", sagt Steffen Weigend vom Friedrich-Loeffler-Institut in Neustadt. Die Tiere stellten so eine Art Lebensversicherung der Haushuhnpopulation dar.

Und tatsächlich züchten Forscher heute auch aus alten Rassen sogenannte Zweinutzungshühner. Bei diesen legen die Weibchen vergleichsweise viele Eier und die Männchen wachsen zugleich relativ schnell. Das soll das bislang praktizierte massenhafte Töten männlicher Küken überflüssig machen.

hda



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
cindy2009 29.07.2016
1. prima
Die Hühner können also beide Ansprüche bedienen. Dann kann das Schreddern ein Ende nehmen.
Jo-achten-van-Haag 29.07.2016
2. Besonders schmackhaft,
jja, ja da wird nur wiedergegeben was andere so erzählen. Was nützt mir der Geschmack wenn das Teil als Brathähnchen zäh ist und die Haut dick wie eine Schuhsohle. Wir haben das ausgetestet. Unter anderem mit dem Bressehuhn und weiteren so gelobten Zweinutzungshühnern. Resultat ist, für das klassische Brathähnchen geht nichts über ein mit Sachverstand in Freilandhaltung gefüttertes Masthähnchen. Hier ist es ja auch egal ob Huhn oder Hahn das Mastergebnis ist super auch geschmacklich. Und für die Eierproduktion kann man so ein Zweinutzungshuhn hernehmen. Die Eierzahl ist ausreichend, so etwa 240 pro Jahr und später taugt es auch noch als sehr fleischiges Suppenhuhn bzw. Hahn. Die Hähne sind in diesem Fall auch mastfähig. Das wäre eine Lösung zu Vermeidung des Küken-schreddern. Aber da muss für die Eier ein etwas höherer Preis her. Ansonst ist der Artikel ok.
de_populist 29.07.2016
3. Vielfaltsfanatiker
Wahrscheinlich sollen wir auch wieder Sorten von Ur- und Wildkorn anbauen, obwohl diese ineffizient und kaum genießbar sind, da wir ja unbedingt Vielfalt im Genpool brauchen..
flitzblitz 29.07.2016
4. @5
wenn sie aus dem genpool fallen wäre das sicher verkraftbar für die menschheit. alte rassen zu züchten hat auch was mit artenschutz zu tun weil viele vom aussterben bedroht sind.
deichdepp 30.07.2016
5. unnötiger Genpool? Cavendish...
Schon mal was von Tropical Race, dem Pilz, der der gängisten Bananen-Sorte Cavendish den Garaus machen könnte, gehört? Da wäre man froh, wenn auf einen breiten Gen-Pool zurückgreifen könnte, um natürlich vorkommende Resistenzen einkreuzen zu können. Was bei einer nahezu ausschließlich geklonten, in Monokultur angebauten Pflanze schwierig ist. Aber die chemische Keule wirds schon richten... Dass die jedoch mit Bedacht eingesetzt werden sollte, könnte sich auch schon rumgesprochen haben (Stichwort: multiresistente TBC, geht hier zwar um Antibiotika, die aber genauso zu den Bioziden gehören wie Fungizide etc.). Ist natürlich nix für Populisten, da zu komplex und faktenbeladen. ;-)
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