Frostige Ursuppe Das Leben kam aus der Kälte

Statt unter extrem heißen Bedingungen könnte das irdische Leben vor Milliarden Jahren in der Kälte entstanden sein. Und das möglicherweise nicht nur einmal.

Von Alexander Stirn


Seit fast einem Jahrhundert gehen Forscher davon aus, dass sich alles irdisches Leben in einer Art Ursuppe gebildet hat. Dort, in den ursprünglichen Ozeanen, klumpten sich organische Stoffe zusammen, die ersten kettenartigen Moleküle entstanden.

Einschlag auf der jungen Erde: Hilfe aus dem Weltraum?
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Als die organischen Moleküle immer komplexer wurden, passierte es schließlich: Die Makromoleküle hatten es erstmals geschafft, sich aus eigener Kraft selbst zu kopieren. Zusammen mit Aminosäuren außerirdischen Ursprungs - zum Beispiel durch Einschläge von Asteroiden auf die Erde gebracht - konnten sich schließlich Proteine, Membranen und damit Zellen bilden.

Wie die Ursuppe genau aussah, darüber herrscht unter Wissenschaftlern noch keine Einigkeit. Oftmals wird der Urahn aller Ozeane - der Name "Suppe" impliziert es geradezu - als heißer, vielleicht sogar brodelnder Tümpel dargestellt.

Weit gefehlt, meinen Jeffrey Bada und Antonio Lazcano. Wie die Forscher von der University of California in San Diego und der Universidad Nacional Autónoma de México im Wissenschaftsmagazin "Science" schreiben, war die Ursuppe vermutlich alles andere als warm.

Denn um die einzelnen Urmoleküle zusammenzuklumpen und schließlich zu einer Kettenreaktion zu bewegen, bedarf es nicht nur bestimmter Katalysatoren wie Lehm oder Metall-Ionen. Auch vergleichsweise tiefe Temperaturen beschleunigen den Prozess - das zeigen Laborexperimente - deutlich. Womöglich lag die Ursuppe, so die Spekulation der Forscher, sogar unter einer dicken Eisschicht.

Bada und Lazcano führen noch ein Indiz für ihre Theorie an: Die Trägerin der Erbinformationen, die DNS, aber mehr noch deren empfindlichere Schwester RNS, überleben am besten bei kalten Temperaturen. So kann fossile DNS in den nördlichen Breiten für rund 100.000 Jahre erhalten bleiben, in wärmeren Regionen sind es dagegen nur 1000 bis 10.000 Jahre.

Auch die Hypothese, dass der Stammbaum des Lebens in seinen Anfängen auf extrem Hitze liebende Organismen zurückgeht, lassen die beiden Forscher nicht gelten. Zum einen sei dies nicht mit hundertprozentiger Sicherheit nachgewiesen, zum anderen könnten Wärme liebende Organismen in den Urzeiten auch auf andere Weise entstanden sein - zum Beispiel in Folge gewaltiger Asteroideneinschläge und den damit verbundenen extremen Temperaturen.

Überhaupt: Das erste Leben auf der Erde könnte sich, so Bada und Lazcano, ausgerechnet in der eisigen Zeit gebildet haben, die zwischen zwei Kometeneinschlägen und den damit verbundenen tödlichen Folgen lag. Das hieße allerdings auch, dass das irdische Leben womöglich mehrere Anläufe gebraucht hat, bis es sich schließlich gegen das Bombardement aus dem Weltall durchsetzen konnte.



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