Früher Tod Fruchtfliegen sterben aus Sexfrust

Sex kann ins Verderben führen, wenn es zu viel oder gar keinen gibt. Das zeigen jetzt zwei Experimente, in denen Fruchtfliegen und Fadenwürmer vorzeitige Tode starben - die einen wegen Sex-Entzugs, die anderen durch Männerüberschuss.

Fruchtfliege: Früher Tod durch Sex-Entzug
Christi Gendron

Fruchtfliege: Früher Tod durch Sex-Entzug


Männer verkürzen gezielt das Leben ihrer Partnerinnen - zumindest bei bestimmten Fadenwürmern. Die mittlere Lebensspanne sinke im Beisein junger Männchen im Schnitt um mehr als ein Fünftel, berichten Forscher der kalifornischen Stanford University im Fachmagazin "Science". Ursache sei eine freigesetzte Substanz - und nicht etwa die Mühen des Geschlechtsverkehrs oder der Nachwuchsproduktion.

Die Wissenschaftler um Travis Maures hatten den Fadenwurm Caenorhabditis elegans untersucht, eines der am intensivsten erforschten Lebewesen überhaupt. Die nur etwa einen Millimeter langen, rund 20 Tage lebenden Würmer sind ein wichtiger Modellorganismus für Genetiker und Entwicklungsbiologen. C. elegans ist ein Zwitter: Als Hermaphrodit bildet der Wurm zuerst Spermien und dann Oozyten, er kann sich durch Selbstbefruchtung fortpflanzen. Es gibt aber auch Männchen, die mit Hermaphroditen kopulieren - in einer üblichen Population machen sie 0,01 bis 0,1 Prozent der Tiere aus.

Die Forscher fanden heraus, dass Hermaphroditen wesentlich rascher alterten, wenn sie von einer Vielzahl junger, paarungsbereiter Männchen umgeben waren. Der Effekt zeigte sich auch dann, wenn die Wurm-Zwitter in Schalen gesetzt wurden, in denen zuvor Männchen gelebt hatten. Diese setzten offenbar eine für ihre Partnerinnen giftige Substanz frei, schreiben die Wissenschaftler. Wahrscheinlich handle es sich um ein Pheromon, da Männchen mit fehlerhafter Botenstoffproduktion keine Alterungsprozesse auslösten. Zudem zeigten Hermaphroditen ohne funktionierende Pheromonwahrnehmung keine Symptome.

Frustrierte Fruchtfliegen-Männchen

In weiteren Analysen wiesen die Forscher nach, dass die von den Männchen ausgeschiedene Substanz die Aktivierung bestimmter Erbgutabschnitte massiv beeinflusste. Betroffen waren vielfach Gene, die in Nervenzellen oder bei neurodegenerativen Krankheiten eine Rolle spielen. Möglicherweise sei das Pheromon ein Bestandteil der Samenflüssigkeit der Männchen, heißt es in der Studie.

Die Mutter des eigenen Nachwuchses früh ins Grab zu bringen, mache für die Wurmmännchen durchaus Sinn: Seien Kopulation und Eiablage erfolgt, werde der Hermaphrodit nicht mehr gebraucht. Die Mutter sei dann nur noch ein unliebsamer Nahrungskonkurrent. Mit dem Alterungssekret werde zudem das Risiko verringert, dass sich der Hermaphrodit mit weiteren Männchen paare.

In einer weiteren Studie, die ebenfalls in der aktuellen Ausgabe von "Science" erschienen ist, hatten dagegen die Männchen das Nachsehen. Die Forscher um Christi Gendron von der University of Michigan in Ann Arbor hatten Fruchtfliegen in einem Experiment besonders gemein mitgespielt: Sie sperrten Männchen zusammen mit anderen Männchen ein - nur dass eine der beiden Gruppen genetisch so verändert, dass sie weibliche Pheromone verströmte.

Das Resultat: Die Männchen, die ständig Sex-Signale erhielten, aber keinen Sex bekamen, hatten kleinere Fettspeicher und starben früher. Die Nervenzellen in ihren Gehirnen, die mit dem Belohnungssystem in Verbindung stehen, wurden durch den Gedanken an Sex scharfgestellt. Doch die Belohnung blieb aus.

Was passiert, wenn sie eintrifft, wurde deutlich, als einigen Männchen dann doch die Paarung mit Weibchen erlaubt wurde: Ihre Fettspeicher wuchsen, ihre Lebensspanne verlängerte sich. Das Fazit der Forscher: Wenn Sinneseindrücke dem Gehirn das eine sagen, die Realität aber das Gegenteil tut, könnte das negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben. Die Belohnungssysteme im Gehirn könnten demnach eine Rolle für den Alterungsprozess spielen.

mbe/dpa



insgesamt 2 Beiträge
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analyse 30.11.2013
1. Wenn die Fettspeicher wachsen,verlängert sich die
Lebensspanne !Gut das das mal festgestellt wurde,sonst hätte man den Unterschied zwischen Fruchtfliege und Mensch gar nicht bemerkt !
Dengar 30.11.2013
2. Denkende Drosophilae
Da wird mir aber nächsten Sommer ganz übel...
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