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17. September 2010, 08:40 Uhr

Fund in Affenfleisch

HIV-Vorläufer ist Tausende Jahre älter als gedacht

Wann sprang der Erreger der Immunschwächekrankheit Aids vom Affen auf den Menschen über? Forscher haben jetzt herausgefunden, dass die Affenvariante des Virus viel älter ist als bisher gedacht. Der Fund wirft nun neue Fragen über den Verbreitungsweg von HIV auf.

Woher kommt der gefürchtete Erreger HIV und wann fing er an, sich auszubreiten? Auf diese Fragen suchen Wissenschaftler schon länger nach Antworten - jetzt sind sie zu einer überraschenden Erkenntnis gelangt: Offenbar ist das Ur-Virus des Aidserregers nicht Hunderte - sondern viele Tausende von Jahren alt.

Zu diesem Schluss kommt ein US-Forscherteam um Preston Marx vom Tulane National Primate Research Center in Covington. Die Forscher hatten Affen auf der Insel Bioko vor der westafrikanischen Küste untersucht und dabei SI-Viren entdeckt. SIV, das Simiane Immundefizienz-Virus ("simian" = affenartig) gilt als das Ursprungsvirus für das menschliche Immunschwächevirus HIV.

Wie die Wissenschaftler jetzt im Wissenschaftsmagazin "Science" berichten, haben sie anhand ihrer Funde das Alter von SIV mit Hilfe von Computermodellen auf mindestens 32.000 bis 75.000 Jahre berechnet. Sie nutzten dabei die sogenannte molekulare Uhr der Viren.

SIV könnte sogar noch älter sein, schreiben die Forscher. Die SI-Viren wurden bereits vor Jahren bei einer Reihe von Affen nachgewiesen, darunter Schimpansen. Experten schätzten ihr Alter mittels molekularbiologischer Untersuchungen bisher auf mehrere hundert Jahre. Marx und Kollegen untersuchten nun das Wildfleisch verschiedener Affenarten auf Bioko. Die Insel hat sich vor 10.000 bis 12.000 vom afrikanischen Festland abgespalten. "Als aus der früheren Halbinsel eine Insel entstand, wurden die dortigen Virus-Stämme von denen auf dem Festland getrennt und entwickelten sich dadurch unabhängig weiter", erklärt Marx.

Wie entstand das todbringende HI-Virus?

Bei vier von sechs Arten fanden die Forscher SI-Viren. Insgesamt seien die Erreger bei 22 von 79 Tieren nachgewiesen worden. Alle diese Erreger stammten von solchen Viren ab, die auch bei ihren jeweiligen Verwandten vom Festland vorkommen. Sie seien aber genetisch sehr unterschiedlich und hätten sich über einen langen Zeitraum getrennt voneinander weiter entwickelt.

"Das Simiane Immundefizienz-Virus löst anders als HIV kein Aids bei den meisten befallenen Primaten aus", erklärt Marx. Aus ihren Ergebnissen glauben die Forscher einen Hinweis auf die mögliche Weiterentwicklung der Erkrankung beim Menschen ableiten zu können: "Wir vermuten, dass es Tausende von Jahren dauerte, bis sich das Virus bei den Affen in eine nicht tödliche Infektion verwandelt hat - ein ähnlich langer Zeitraum könnte also auch beim Menschen zu erwarten sein", sagt Marx.

Die Ergebnisse werfen auch Fragen nach dem Ursprung des menschlichen Aids-Erregers auf: Wenn Menschen schon seit Jahrtausenden neben SIV-infizierten Affen gelebt und deren Fleisch gegessen haben, warum begann die HIV-Epidemie erst im 20. Jahrhundert? "Den Knackpunkt, warum sich das Virus von einer Affen-Infektion in den todbringenden Erreger beim Menschen verwandelt hat, kennen wir bisher noch nicht - es muss aber definitiv einen gegeben haben", sagt Marx.

cib/dpa/ddp

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