G8-Gipfel USA sollen Klima-Erklärung verwässert haben

Der Klimaschutz sollte das große Thema des G8-Gipfels in Schottland sein. Jetzt aber stellt sich heraus, dass die Erklärung der Staats- und Regierungschefs zu den Folgen der globalen Erwärmung wachsweich ausfallen soll - auf Druck der USA.


US-Präsident Bush: In Klimafragen mit fester Meinung
REUTERS

US-Präsident Bush: In Klimafragen mit fester Meinung

Der britische Premierminister Tony Blair hatte es vollmundig verkündet, und es wirkte wie der Wunsch nach der lange überfällige Dividende seiner Vasallentreue zu den USA im Irak-Krieg: Der G8-Gipfel, der im Juli unter britischem Vorsitz in Schottland stattfindet, sollte den Klimaschutz kraftvoll thematisieren - und US-Präsident George W. Bush endlich zu Zugeständnissen bewegen.

Doch daraus wird nichts, glaubt man den Berichten britischer und amerikanischer Medien. Demnach enthält die Erklärung, die von den Staats- und Regierungschefs der sieben größten Industrienationen und Russland verabschiedet werden soll, keine eindeutige Aussagen mehr zum Zusammenhang zwischen dem Treibhausgas-Ausstoß und der Erderwärmung. In dem Papier, das unter anderem dem britischen Fernsehsender Channel 4 zugespielt wurde, würden auch ursprünglich geplante Mehrausgaben für Forschung nicht mehr erwähnt.

Dahinter steckt den Berichten zufolge einmal mehr die US-Regierung, die nach wie vor den Standpunkt vertritt, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen dem Ausstoß von Kohlendioxid und der globalen Erwärmung nicht hinreichend bewiesen sei. Die "Washington Post" berichtet, dass aus dem Entwurf für das Gipfeltreffen auf Druck der USA Passagen gestrichen wurden, in denen vor Dürren und Überschwemmungen aufgrund der Erderwärmung gewarnt wird. Auch von Grenzwerten für den Ausstoß von Kohlendioxid und von strengeren Umweltstandards für Energieprojekte in der Dritten Welt sei nun keine Rede mehr.

Ein Sprecher des britischen Umweltministeriums sagte, es handele sich lediglich um eines von vielen vorläufigen Papieren, die während der laufenden Verhandlungen produziert worden seien. Wichtig sei allein das Dokument, auf das man sich zum Abschluss des Gipfeltreffens zwischen dem 6. und 8. Juli einige.

Die Wortwahl des Dokuments mit dem Titel "Klimawandel, saubere Energie und nachhaltige Entwicklung" gilt als wichtiger Meilenstein bei den Bemühungen, die größten Industrienationen der Welt zur ökologischen Zusammenarbeit zu bewegen. Alle G8-Nationen haben sich im Rahmen des Kyoto-Protokolls verpflichtet, ihre Kohlendioxid-Emissionen bis 2012 auf das Niveau von 1990 zu reduzieren - abgesehen von den Vereinigten Staaten, die mit Abstand größten Verursacher von CO2-Emissionen weltweit.

"Bush ist eine internationale Bedrohung"

Umweltschützer zeigten sich besorgt und forderten Blair auf, sich US-Präsident Bush in der Klimafrage entgegenzustellen. "Präsident Bush ist eine internationale Bedrohung", sagte Greenpeace-Direktor Stephen Tindale. Ähnlich äußerte sich der frühere Bewerber um die US-Präsidentschaft, John Kerry. "Die Regierung verfolgt eine gefährliche Vogel-Strauß-Politik", sagte er der "Washington Post". "Kopf in den Sand und so tun, als passiere nichts."

Nach Angaben der Zeitung ist auf Betreiben der US-Regierung etwa eine Passage gestrichen worden, die "zunehmend zwingende Beweise für den Klimawandel, darunter steigende Temperaturen in den Ozeanen und der Atmosphäre, abschmelzende Eisdecken und Gletscher, steigende Meeresspiegel und Veränderungen in den Ökosystemen" anführte. "Die Trägheit des Klimasystems bedeutet, dass eine weitere Erwärmung unvermeidbar ist", habe es in dem Textstück weiter geheißen. "Falls man nicht sofort handelt, steigt das Risiko negativer Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung, die menschliche Gesundheit und die Umwelt."

Die US-Verhandlungsführer hätten die komplette Passage entfernt und durch folgenden Satz ersetzt: "Der Klimawandel ist auf lange Sicht eine ernste Herausforderung, die jeden Teil der Welt betreffen könnte."

Erst vor einer Woche war bekannt geworden, dass ein ranghoher Berater von Präsident Bush Regierungsdokumente über wissenschaftliche Aspekte der Erderwärmung geändert hatte - auch hier mit dem Ziel, die Rolle des Kohlendioxid-Ausstoßes durch den Menschen herunterzuspielen. Philip Cooney hat nach dem Bericht der "New York Times" seinen Rücktritt als Stabschef des Umweltrats im Weißen Haus eingereicht - um im Herbst eine Stelle beim Ölkonzern Exxon Mobil anzutreten.



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