Mord im Tierreich Erstmals tödliche Angriffe von Schimpansen auf Gorillas beobachtet

Dass Schimpansen mit Artgenossen teils äußerst brutal umgehen, ist bekannt. Nun haben deutsche Fachleute zum ersten Mal tödliche Attacken auf Gorillas beschrieben.
Schimpanse in Uganda (Archivbild)

Schimpanse in Uganda (Archivbild)

Foto: Yannick Tylle / Getty Images

Der Streit war weithin wahrzunehmen. »Zunächst hörten wir nur Schreie der Schimpansen und dachten, wir würden eine typische Begegnung zwischen benachbarten Schimpansengemeinschaften beobachten«, sagt Lara Southern, Doktorandin an der Universität Osnabrück. »Doch dann hörten wir Brusttrommeln, ein Imponierverhalten das charakteristisch für Gorillas ist, und stellten fest, dass die Schimpansen auf eine Gruppe von fünf Gorillas gestoßen waren.«

Southern beschreibt eine Szene, die sich im Jahr 2019 im Loango-Nationalpark in Gabun zugetragen hat, wo Schimpansen und Gorillas zusammenleben. Im Fachmagazin »Scientific Reports«  berichtet sie zusammen mit Simone Pika und Tobias Deschner vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig von insgesamt zwei Aufeinandertreffen zwischen den Menschenaffenarten mit bisher noch nie beschriebenem Ausgang: Beide Male tat sich eine Gruppe Schimpansen zum Angriff auf Gorillas zusammen und tötete je ein Jungtier.

Dass Schimpansen mit Artgenossen teils äußerst brutal umgehen, ist bekannt. In seltenen Fällen greifen sie sogar Mitglieder ihrer eigenen Gruppe an. So ist ein Fall  aus dem Senegal dokumentiert, bei dem Schimpansen einen ehemaligen Anführer töteten und sogar dessen Kadaver schändeten. Begegnungen zwischen Schimpansen und Gorillas waren bislang aber nicht als problematisch bekannt.

Southern und ihre Mitstreiter berichten nun im Detail darüber, wie sich die fatale Begegnung zwischen den Schimpansen- und Gorillagruppen in Gabun entwickelte: Die Schimpansen bildeten zunächst eine Koalition und griffen die Gorillas an. In beiden Fällen waren sie dabei deutlich in der Überzahl: Ihre Gruppen bestanden bei beiden Attacken aus je 27 Mitgliedern, die je fünf beziehungsweise sieben Gorillas attackierten.

Die Silberrücken und die Weibchen der Gorillagruppen verteidigten sich und ihre Kinder bei den Angriffen. Zwar sei den Gorillas die Flucht gelungen, doch die Schimpansen hätten insgesamt zwei Kinder ihren Müttern entrissen und getötet.

Womöglich ist die Nahrung knapp

»Interaktionen zwischen Schimpansen und Gorillas galten bislang als entspannt«, sagt Co-Autorin Simone Pika: »Wir haben beide Arten regelmäßig friedlich in Futterbäumen beobachtet, und unsere Kollegen aus dem Kongo wurden sogar Zeugen von gemeinsamen Spielen zwischen Schimpansen und Gorillas.« Tödliche Begegnungen zwischen beiden Menschenaffenarten seien bisher noch nie dokumentiert worden.

Die Forscherinnen und Forscher haben mehrere mögliche Erklärungen für die beobachteten Aggressionen. Sie sagen: Tötungen zwischen verschiedenen Arten können entweder als Jagdverhalten oder als Konkurrenz um Nahrung interpretiert werden. Womöglich gebe es durch das Zusammenleben von Schimpansen, Gorillas und Waldelefanten im Loango-Nationalpark eine stark erhöhte Konkurrenz um Nahrung. Vielleicht gebe es auch einen Rückgang der Produktivität des Regenwaldes, wie er in anderen Nationalparks in Gabun beobachtet worden sei. Verantwortlich dafür sei etwa der Klimawandel.

chs
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