Nationalpark Loango Schimpansen nutzen Insekten, um Wunden zu heilen

Ein deutsches Forschungsteam hat in einem Nationalpark in Gabun eine erstaunliche Entdeckung gemacht: Die dort lebenden Schimpansen fangen Insekten, um sie zerdrückt auf Verletzungen zu legen – bei sich und bei Artgenossen.
Diese drei Schimpansen, Suzee, Sassandra und Olive, sind Teil einer Gruppe, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Osnabrück und Leipzig im Loango-Nationalpark in Gabun beobachtet haben

Diese drei Schimpansen, Suzee, Sassandra und Olive, sind Teil einer Gruppe, die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Osnabrück und Leipzig im Loango-Nationalpark in Gabun beobachtet haben

Foto: Tobias Deschner / dpa

Schimpansen sind kluge und soziale Wesen. Offenbar sind sie sogar so klug, dass sie Insekten als Heilmittel für die Versorgung von Wunden verwenden – und so sozial, dass sie auch die Verletzungen von Artgenossen auf diese Weise versorgen.

Diese Beobachtungen machten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vom Institut für Kognitionswissenschaft an der Universität Osnabrück und dem Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig erstmals beim »Ozouga«-Schimpansenprojekt  im Nationalpark Loango in Gabun, an der zentralafrikanischen Westküste. Über ihre Entdeckung berichten sie in der Fachzeitschrift »Current Biology«. 

22 Fälle von »Insekten-Heilmittel« wurden dokumentiert

In dem Nationalpark studiert ein Team um den Primatologen Tobias Deschner und die Kognitionsbiologin Simone Pika von der Universität Osnabrück das Verhalten einer Gemeinschaft von rund 45 Schimpansen.

Über 15 Monate hinweg, zwischen November 2019 und Februar 2021, dokumentierten die Forscherinnen und Forscher insgesamt 76 Fälle, in denen Tiere offene Wunden hatten. In 22 dieser Fälle könnten sie beobachten, dass die Affen gezielt Insekten in die Wunde legten – 19 Mal auf Verletzungen am eigenen Körper, dreimal sogar auf Wunden von Artgenossen.

Die Primaten hätten dafür ein Insekt aus der Luft gefangen oder von einem Blatt genommen und es zwischen den Lippen zerdrückt, berichten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Anschließend platzierten die Schimpansen das »Insekten-Heilmittel« mit dem Mund oder den Fingern auf der Wunde und bewegten es mit der Fingerspitze hin und her. Danach holten sie das Insekt mit Fingern oder Mund wieder aus der Wunde. Dieser Vorgang wurde mehrfach wiederholt.

Verstehen Affen, wie antimikrobielle Substanzen wirken?

Vieles ist an dieser Beobachtung erstaunlich. Zum einen sei bemerkenswert, dass sich die Schimpansen innerhalb ihrer Gemeinschaft in dieser Weise umeinander kümmerten, sagte die beteiligte Wissenschaftlerin Simone Pika: »Solche prosozialen Verhaltensweisen für Gruppenmitglieder sind bis jetzt nur sehr selten bei nicht menschlichen Tieren beobachtet worden.«

Zum anderen ist verblüffend, dass die Schimpansen offenbar eine heilende Wirkung von der Anwendung der Insekten auf Wunden erwarten. Es sei bereits bekannt, dass viele Tiere Pflanzenteile oder andere Dinge für medizinische Zwecke nutzen. Schimpansen oder auch Bonobos verzehrten zum Beispiel bestimmte Blätter, um sich gegen Darmparasiten zu schützen. Dass aber auch Insekten, die bestimmte Substanzen enthaltend, zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung genutzt werden, sei bislang nur vom Menschen bekannt, sagte Pika. Es gibt Insekten, die zum Beispiel antimikrobakterielle Substanzen enthalten. Solche Stoffe verringern das Risiko, dass sich Wunden infizieren.

Ob die von den Schimpansen gefangenen Insekten tatsächlich bestimmte, etwa die Wundheilung fördernde Substanzen enthalten, ist bisher unklar. Die Insektenarten konnten bislang nicht identifiziert werden, heißt es in der Studie. Es scheine sich um geflügelte, fliegende Insekten zu handeln, da sie mit schnellen Bewegungen gefangen worden seien. Die Insekten seien etwa fünf Millimeter groß und in der Regel dunkel gefärbt. Dass die Affen die Insekten verschluckt hätten, sei nicht beobachtet worden. Ein Ziel der Forscherinnen und Forscher sei es nun, die Reste der genutzten Insekten zu sammeln und zu analysieren.

vki/dpa
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