Gebietsforderungen Russland startet größte Arktis-Expedition seit zehn Jahren

Es ist die größte Expedition seit langer Zeit: Mit einem Forschungsschiff und einem Atomeisbrecher pflügen russische Forscher derzeit durch den Arktischen Ozean nach Norden. Sie wollen Daten sammeln, damit ihr Land große Meeresgebiete in der Arktis beanspruchen kann.

Forschungsschiff "Akademik Fjodorow" (2007): Neue Expedition in die Arktis
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Forschungsschiff "Akademik Fjodorow" (2007): Neue Expedition in die Arktis


Moskau - Mit der größten Arktis-Expedition seit zehn Jahren arbeitet Russland derzeit daran, seinen Anspruch auf Teile der gewaltigen Rohstoffvorkommen in der Arktis zu untermauern. Vom Hafen in Archangelsk aus sind der Atomeisbrecher "Jamal" und das Forschungsschiff "Akademik Fjodorow" in See gestochen. Sie sollen in den kommenden drei Monaten Daten sammeln - auf einer Expedition, die nach Angaben russischer Medien rund fünf Millionen Euro kostet.

Es geht um viel: Die Forscher wollen Beweise dafür finden, dass sich das russische Festland auch unter Wasser fortsetzt - in Form des Lomonossow- und des Mendelejew-Rückens am Meeresgrund. Wenn es tatsächlich keine Unterbrechungen der geologischen Formationen gibt, kann die Regierung in Moskau auf große Meeresgebiete hoffen. In den Arealen dürften dann Rohstoffe ausgebeutet werden.

Einen entsprechenden Vorstoß hat Russland schon einmal Anfang des Jahrtausends gestartet, war damals aber zurückgewiesen worden. Weil die Uno-Kommission die schlechte Datenlage kritisiert hatte, waren russische Expeditionen bereits 2005 und 2007 aufgebrochen. Die spektakuläre Tauchfahrt zum Boden des Nordpolarmeers im Sommer 2007 hatte dagegen keinen wissenschaftlichen Sinn. Nun müssen die Experten unter Leitung des Wissenschaftlers Wladimir Sokolow nacharbeiten. In den kommenden Jahren sollen die russischen Unterlagen dann erneut bei den Vereinten Nationen eingereicht werden.

Russland schließt Streit um die Arktis nicht aus

An Bord der Schiffe sind auch Vertreter des Verteidigungsministeriums. Russland hat immer wieder klargemacht, seine Interessen in der Arktis notfalls auch mit Gewalt durchzusetzen. Präsident Dmitrij Medwedew hatte im März erklärt, er rechne mit einer deutlichen Verschärfung der Rivalität um die Rohstoffvorkommen der Arktis. Die "aktiven Versuche" anderer Arktis-Anrainer, den Zugang Russlands einzuschränken, seien "unzulässig und ungerecht". Das Abschmelzen der nördlichen Eiskappe als Folge des Klimawandels werde den Streit um den Zugang zur Polarregion vermutlich weiter anfachen, sagte Medwedew.

Die Arktis-Anrainer Dänemark, Kanada, Norwegen, Russland und die USA hatten sich 2008 zur friedlichen Lösung des Territorialstreits verpflichtet - und diese Absicht auch bei einem gemeinsamen Treffen in diesem Frühjahr in Kanada bekräftigt.

Russland beansprucht einen 1,2 Millionen Quadratkilometer großen Teil der Arktis einschließlich des Nordpols. Auch Kanada und Dänemark bereiten im Auftrag von Grönland Gebietsforderungen in der hohen Arktis vor. Diese könnten sich mit dem russischen Antrag überschneiden. Norwegen hat bereits ein Areal von 235.000 Kilometern zugesprochen bekommen. Aus geologischen Gründen hatte die Regierung in Oslo keinen Anspruch auf den Nordpol erhoben.

Umweltschützer warnen eindringlich vor einer industriellen Ausbeutung der Arktis. Sie befürchten Umweltkatastrophen, die noch verheerender ausfallen könnten als die im Golf von Mexiko. Nach Schätzung von US-Geologen lagern im nördlichen Polargebiet etwa 30 Prozent der bislang unentdeckten globalen Erdgasvorkommen. Außerdem sollen dort 13 Prozent der unentdeckten Ölvorräte sowie Gold, Silber, Eisen, Kohle und Zink schlummern.

chs/dpa

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