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Gemeinsame Expedition: Kanadier und Amerikaner im hohen Norden

Foto: PAUL DARROW/ REUTERS

Gebietsforderungen USA und Kanada starten zur Arktis-Vermessung

Mit zwei Eisbrechern macht sich ein US-kanadischer Forschertrupp in die Arktis auf, um neue Gebietsansprüche auszuloten. Die Russen haben eine ähnliche Expedition losgeschickt. Alle wollen sich unterseeische Öl- und Gasschätze sichern - und hoffen dafür auf ein wundersames Küstenwachstum.

Anchorage - Wer der Arktis einen Teil ihrer Geheimnisse entlocken will, der muss sich die richtige Zeit dafür aussuchen. Deswegen starten Expeditionen zur Erkundung des Meeresbodens im hohen Norden stets im Hochsommer - weil dann die Eisbedingungen naturgemäß am besten sein sollten. Das Arktische Meereis erreicht sein Minimum im September.

Vor wenigen Tagen hat Russland einen Konvoi aus einem Messschiff und einem Eisbrecher Richtung Nordpol geschickt - und nun machen sich Kanada und die USA gemeinsam auf den Weg. Zwei Eisbrecher stechen an diesem Montag in See, das US-Schiff "Healy" aus Alaska und die kanadische "Louis S. St.-Laurent" aus der Provinz Nunavut. Auf hoher See sollen sich beide Schiffe treffen, um dann bis auf 84 Grad nördlicher Breite vorzustoßen. Das ist knapp 600 Kilometer unterhalb des Nordpols.

Die Expedition ist auf 42 Tage angesetzt und soll beiden Ländern Informationen darüber liefern, wie weit nach Norden sie ihre Hoheitsgebiete ausdehnen können. Es geht um Regionen, in denen Öl und Gas vermutet werden - und damit um unterseeische Bodenschätze im Multimilliardenwert.

An Land liegt das Delta des Mackenzie, das reiche Vorkommen verspricht. Und auch weit draußen im Ozean vermuten Geologen attraktive Lagerstätten. Nach der Seerechtskonvention der Vereinten Nationen haben Staaten generell den Zugriff auf einen 370 Kilometer breiten Streifen vor ihren Küsten. Dort dürfen sie auch wirtschaftlich aktiv werden. Die Länder können ihren Einflussbereich aber noch vergrößern: Dazu müssen sie bei der Uno beweisen, dass sich ihre Landmasse auch unter Wasser noch weiter fortsetzt. Genau darum geht es auch bei der aktuellen Messmission.

Wenn die Uno auf Basis von gelieferten Daten zustimmt, können die Staaten die Ressourcen auch in den Meeresgebieten noch problemlos ausbeuten. Norwegen hat auf diese Weise im vergangenen Jahr 235.000 Quadratkilometer erfolgreich unter seine Kontrolle gebracht.

Kanada und die USA hatten sich schon in den Sommern 2008 und 2009 für Messexpeditionen zusammengetan. Diemal aber geht es noch weiter nach Norden als in den Vorjahren. Heikel sind gleich zwei Dinge: Erstens kann nur Kanada nach aktuellem Stand tatsächlich eine Gebietsforderung bei der Uno stellen - und zwar nach derzeitiger Planung im Jahr 2013. Das liegt daran, dass die USA bis heute die Seerechtskonvention nicht ratifiziert haben. Das heißt, Washington sammelt die Daten erst einmal nur auf Vorrat.

Streit wegen Vertrag von 1825

Und zweitens streiten sich beide Staaten seit den siebziger Jahren um ein größeres Gebiet in der Beaufortsee. Es geht um ein 21.500 Quadratkilometer großes Areal, in dem Öl und Gas vermutet werden. Die USA und Kanada sind sich nicht einig, wie ein russisch-britischer Vertrag aus dem Jahr 1825 zu interpretieren ist, der die Landgrenze zwischen dem späteren US-Bundesstaat Alaska und dem Yukon festlegt.

Im Prinzip entspricht die kanadische Forderung einer geraden Linie von der Landgrenze bei 141 Grad westlicher Länge direkt nach Norden. Die USA wollen hingegen das sogenannte Äquidistanzprinzip angewendet sehen, also die Grenze im gleichen Abstand von beiden Küsten ziehen. Mögliche Gebietsforderungen beider Staaten in der Arktis könnten den strittigen Bereich nun noch vergrößern, weil sich auch außerhalb des 370 Kilometer breiten Küstenstreifens Überlappungen ergeben.

Für die Wissenschaftler auf den beiden Eisbrechern ist die Debatte über die Grenzziehung aber nach eigenem Bekunden unwichtig. "Das ist Sache der Diplomaten und keine wissenschaftliche Entscheidung", sagt Jonathan Childs vom Geologischen Dienst der USA. Die Forscher würden sich auf das Sammeln von Daten zur Vermessung des Meeresgrundes und zur Dicke von Gesteinsschichten konzentrieren.

Geheimgespräche in Ottawa

Immerhin, im Streit zwischen den USA und Kanada in der Beaufortsee könnte sich etwas bewegen, nach Jahrzehnten des Stillstands. Die "Vancouver Sun" berichtete Ende Juli, dass sich beide Staaten in Ottawa zu ersten Geheimgesprächen getroffen haben. Im kommenden Jahr solle dann in Washington weiterverhandelt werden.

Auch Russland und Norwegen haben jahrzehntelang über ein rund 175.000 Quadratkilometer großes Seegebiet in der Barentssee gestritten. Im April dieses Jahres gab es dann eine überraschend schnelle Grundsatzeinigung: Das Gebiet wird mehr oder weniger zu gleichen Teilen beiden Staaten zugeschlagen. Die Ausbeutung von Öl und Gas wird dadurch möglich - was den Ausschlag für die zügige Lösung gegeben haben könnte.

Solche Motive dürften auch im Spiel sein, falls nun der Streit zwischen den USA und Kanada gelöst wird. Investitionssicherheit ist für Ölfirmen wichtig; niemand wagt sich in ein Gebiet, dessen rechtlicher Status nicht klar ist.

Schwierig wird die Einigung allerdings durch ein Detail: weit vor den Küsten greifen die alten Argumentationsmuster der beiden Staaten nicht mehr. Wenn man in der jetzt untersuchten Region das bisher von den USA in der Beaufortsee favorisierte Äquidistanzprinzip anwendet, kommt das auf einmal Kanada entgegen - weil die sogenannte Banks-Insel im Weg steht. Umgekehrt würde die von Kanada eigentlich favorisierte Methode eher die USA bevorteilen.

mit Material von Reuters
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