Gefährliche Kohlebrände Untergrund-Feuer bedrohen riesige Landstriche

flydime

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2. Teil: Der Kampf gegen die Feuer: Fataler Fehler, Irregeleitete Suchtrupps


Anders als im Krater bei Darvaza seien die meisten Bodenfeuer in Indien nicht sichtbar, berichtet Hartwig Gielisch. Lediglich Dämpfe und Bodenhitze zeugen von der schwelenden Gefahr. Klüfte im Boden leiteten den Rauch oft weit entfernt vom Brandherd an die Oberfläche, so dass die Suchtrupps irregeleitet würden, erläutert Gielisch.

Experten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben zwar anhand von Satellitendaten zahlreiche Hitzeareale identifizieren können. Auch Infrarotkameras und Stechsonden haben geholfen, Brände im Untergrund zu orten. "Doch die Messungen nutzen wenig, solange nicht verstanden ist, auf welche Weise die Feuer fortschreiten", sagt DLR-Forscher Stefan Voigt. Die deutschen Forscher entwickeln Computermodelle, die das Ausbreiten von Kohlebränden simulieren sollen. Doch Erkundungen vor Ort sind unerlässlich.

Jahrelang haben die DMT-Experten Jharia in Indien erkundet. "Unsere Aufgabe ist es zunächst, die Brände aufzuspüren" - im Auftrag der indischen Regierung. Im Gebiet von Jharia beispielsweise "brennt die ganze Region", sagt Gielisch. 55 Feuer hätten er und seine Kollegen dort entdeckt.

Panzer auf der Glut

Dann ging es ans Löschen. Auch dabei ist Expertise dringend gefragt - wie fatale Löschversuche der letzten Jahre gezeigt haben: "Einwohner machten den Fehler, Brände mit Wasser löschen zu wollen - das war keine gute Idee", sagt Gielisch. Säure aus der Kohle sickerte in den Boden und vergiftete das Grundwasser - auf die Feuerkatastrophe folgte das Giftdesaster. Außerdem scheint Wasser die unterirdischen Brände sogar zu beschleunigen, es wirkt offenbar ähnlich wie Fett in einer heißen Bratpfanne: Das Wasser verstärkt den Hitzestau im Boden.

Mit Flugasche, einem Spezialschaum oder mit Zement gehen die Experten gegen die Kohlebrände vor. Mancherorts räumen zunächst Sprengungen und Bagger Brandherde aus. Dann gießen Arbeiter Betonmauern in den Untergrund, die das Feuer stoppen sollen. Zuletzt entscheidet das Geld über das Löschmittel: Am besten funktioniere ein teurer Löschschaum, berichtet Gielisch. Die selbsthärtende Substanz legt sich wie ein Panzer um die Glut und erstickt sie. Die kostengünstigere Lösung ist Flugasche, die in Kohlekraftwerken massenhaft anfällt. Vielerorts werfen auch einfach Bagger massenhaft Sand und Erde auf offene Erdspalten, um dem Feuer die Sauerstoffzufuhr abzuschneiden.

Täglich neue Brände entdeckt

Kohlefeuer gelten mittlerweile als weltweite ökologische Katastrophe: Die Brände setzen erhebliche Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) frei. Belastbare Zahlen gebe es aber nur für die USA, berichteten Experten auf der AGU-Tagung: Dortige Kohlefeuer erzeugten bis zu ein Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen durch den Menschen. Doch die Kohlebrände in China und Indien sind erheblich größer als in den USA. Schätzungen von Forschern des East Georgia College in den USA würden drei Prozent des menschengemachten CO2-Ausstoßes von den chinesischen Kohlebränden freigesetzt. Doch all diese Emissions-Zahlen sind stark umstritten. Der CO2-Ausstoß der Brände hängt unter anderem davon ab, wie effizient die Kohle verbrennt.

Vor Urzeiten scheinen Kohleflöze sehr effizient gebrannt zu haben - weltweit. Die Abgase hätten damals die Meere vergiftet und das Massenaussterben vor 250 Millionen Jahren mit verursacht, schrieben Forscher jüngst im Fachmagazin "Nature Geoscience". Es war der verheerendste Exitus aller Zeiten: 90 Prozent aller Meereslebewesen und 70 Prozent der Landbewohner starben damals aus.

Derzeit jedoch meinen Ingenieure, die Brände in den Griff kriegen zu können. In Indien habe man jahrelang schwelende Brände binnen zwei Tagen löschen können, berichtet Gielisch. In zehn Jahren sollen in Jharia alle Kohlefeuer erstickt sein. Doch selbst, wenn es gelingen sollte, ist das Problem nicht gelöst: In Indien und China werden nahezu täglich neue Brandherde entdeckt.

insgesamt 21 Beiträge
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malo1919 04.05.2011
1. Milchmädchen
600 000 000 Tonnen Kohle gehen so im Jahr verloren. Wenn man jetzt überschlägt: aus 1Kg Kohle entstehen je nach Art 2-3 kg CO2. gehen wir mal vom günstigsten aus 600mio Tonnen mal 2 1,2mrd Tonnen CO2. Der weltweite CO2 Ausstoß lag 2007 laut IWR 30.000 mio Tonnen und ich gehe mal davon aus das die Brände nicht mit einbezogen werden. Das sind also 4% des von uns produziertem CO2. Davon kann man viele Kohlekraftwerke betreiben
DüsseldorferZusatz 04.05.2011
2. Und in China fällt ein Sack Reiss....
Zitat von sysopMenschen ersticken, Häuser kollabieren, der Erdboden wird so heiß, dass Schuhe darauf schmelzen: Immer mehr Orte in China und Indien werden von Kohlefeuern unterwandert, der Boden wölbt sich und raucht,*Giftgase treten aus.*Deutsche Ingenieure sollen bei der Eindämmung helfen. http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/0,1518,760199,00.html
....äh... Kohle um.
alocasia 04.05.2011
3. Da
Da könnte man doch Prima Geothermie Anlagen installieren.
trabelschuter 04.05.2011
4. Gefährliche Kohlenbrände
Haben die Redakteure keine Themen. Dass deutsche Unternehmen an der Lokalisierung von Kohlenbränden in Indien und China arbeiten, ist seit 20 Jahren bekannt. Muss sowas immer wieder aufgewärmt werden. Einfach schwach, mehr fällt mir dazu nicht ein.
wikiliest-s 04.05.2011
5. Restrisiko auch anderswo
Man sieht: Gebiete können nicht nur durch GAUs bei Kernkraftwerken unbewohnbar gemacht werden... Vielleicht sollte man die Risikobilanz zwischen verschiedenen Energieträgern mal objektiv vergleichen: Bei Kohle ca. 10000 Tote pro Jahr im Kohlebergbau, immense CO2-Belastung der Atmosphäre, Ausstoß gesundheitsschädlicher Schadstoffe, durch Tagebau und besagte Brände verwüstete Landschaften ... Und Kernkraftwerke: ...
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