Weltweite verheerende Auswirkungen Forscher warnen: Gefahr von Vulkanausbrüchen wird dramatisch unterschätzt

Die Coronapandemie hat der Menschheit ihre Verletzlichkeit gezeigt. Ein Vulkanausbruch könnte sich ähnlich auswirken. Wissenschaftler beklagen nun einen verantwortungslosen Mangel in der Überwachung solcher Feuerberge.
Cumbre-Vieja-Ausbruch auf La Palma

Cumbre-Vieja-Ausbruch auf La Palma

Foto: Jose A. Bernat Bacete / Getty Images

Rauchende Vulkane sind für viele Menschen auf der Erde Alltag – etwa auf Hawaii, in Indonesien oder Mittelamerika. Manche Vulkane aber beunruhigen Expertinnen und Experten. Dazu zählen auch die Phlegräischen Felder in direkter Nachbarschaft des Vesuvs und der Millionenstadt Neapel in Italien. Dieses Gebiet wird sogar als Supervulkan bezeichnet, es gehört zu den Regionen mit dem höchsten Vulkanrisiko der Welt. Ein Ausbruch hätte verheerende Folgen nicht nur für Neapel und Italien. Ein ähnlich hohes Risiko geht auch von Vulkanen wie dem Yellowstone in den USA oder den Tambora auf der indonesischen Insel Sumbawa aus.

Fachleute vom Centre for the Study of Existential Risk (CSER) an der Universität Cambridge und von der Uni Birmingham warnen nun, dass ein massiver Vulkanausbruch die Welt in eine Krise von ähnlichem Ausmaß stürzen könnte wie die Coronapandemie.

In einem Paper, veröffentlicht im Fachmagazin »Nature« , mahnen sie eindringlich, die Gefahr ernst zu nehmen und mehr Geld in die Beobachtung von Vulkanen und die Vorbereitung auf den Ernstfall zu stecken. Die Welt sei bedauernswert unvorbereitet für einen massiven Vulkanausbruch und die wahrscheinlichen Folgen für globale Lieferketten, Klima und Nahrungsmittel, heißt es darin.

Den Wissenschaftlern zufolge liegt die Wahrscheinlichkeit für einen Ausbruch der Stärke 7 oder größer (der Vulkanexplosivitätsindex umfasst acht Stufen) in 100 Jahren bei einem Sechstel. Die Analyse von Schwefelkonzentrationen in Eisbohrkernen ergab demnach, dass solche Ausbrüche statistisch gesehen alle 625 Jahre auftreten.

Eruptionen dieses Ausmaßes hätten in der Vergangenheit abrupte Klimaveränderungen und den Kollaps ganzer Zivilisationen ausgelöst, warnte die Risikoexpertin Lara Mani vom CSER einer Mitteilung zufolge. Sie vergleicht die klimatischen Folgen eines massiven Vulkanausbruchs mit dem Einschlag eines Asteroiden von einem Kilometer Durchmesser auf der Erde.

Vulkan mit unaussprechlichem Namen: Der Eyjafjallajökull auf Island

Vulkan mit unaussprechlichem Namen: Der Eyjafjallajökull auf Island

Foto: Etienne De Malglaive / Getty Images

Obwohl das kombinierte Risiko einer Asteroiden- oder Kometenkollision mit der Erde nur ein Hundertstel der eines massiven Vulkanausbruchs betrage, werde sehr viel mehr Geld in die Beobachtung von Asteroiden gesteckt als in die Erforschung von Vulkanen, bemängeln die Forscher. »Das muss sich dringend ändern. Wir unterschätzen das Risiko für unsere Gesellschaften durch Vulkane massiv«, sagte Mani.

Als Weckruf sollte den Forschern zufolge der Ausbruch auf der Südseeinsel Tonga im Januar dieses Jahres dienen. Hätte er länger angedauert, mehr Asche und Gas emittiert oder in einer Region mit mehr kritischer Infrastruktur stattgefunden, wären die Folgen wohl verheerend gewesen, so die Wissenschaftler.

Feuer am Tambora – das Jahr ohne Sommer

Der letzte Ausbruch der Stärke 7 ereignete sich im Jahr 1815 in Indonesien und hatte dramatische klimatische Folgen, die auch in Europa zu spüren waren, und zu Hungersnöten, gewaltsamen Aufständen und Epidemien führten. Das auf diesen Ausbruch des Vulkans Tambora folgende Jahr 1816 wird auch als »Jahr ohne Sommer« bezeichnet. »Wir leben jetzt in einer Welt mit der achtfachen Bevölkerung und dem vierzigfachen Handel von damals. Unsere komplexen Netzwerke könnten uns noch empfindlicher machen für die Erschütterungen eines großen Ausbruchs«, sagte Co-Autor Mike Cassidy, Vulkanologe von der Universität Birmingham.

Abhilfe erhoffen sich die Experten von einer besseren Überwachung vulkanischer Aktivität und der Erforschung von Methoden, um Ausbrüche und ihre Folgen abzumildern. Sie fordern etwa einen Satelliten, der nur für die Überwachung vulkanischer Aktivitäten bestimmt ist.

Die Forscher warnen, es könne noch Dutzende gefährliche Vulkane geben, von denen die Menschheit nichts wisse, besonders in bisher von der Wissenschaft vernachlässigten Regionen wie Südostasien. Bei weniger als einem Drittel der Vulkanausbrüche seit 1950 seien Seismometer zur Erfassung der Bodenschwingungen in der Nähe gewesen, und wiederum nur ein Drittel der erfassten Daten sei bislang in eine globale Datenbank eingeflossen.

Zudem fordern sie, mehr Forschung in Geo-Engineering-Methoden zu investieren, um beispielsweise von Vulkanen ausgestoßenen Aerosolen etwas entgegenzusetzen oder Magmakammern unter aktiven Vulkanen zu beeinflussen. Das Risiko für einen massiven Ausbruch, der die globale Gesellschaft zerstöre, sei erheblich, so Mani. »Der aktuelle Mangel an Investitionen ist einfach verantwortungslos«, sagte sie.

joe/dpa
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