Gefahr im Mittelmeer Italien installiert Tsunami-Warnsystem

Die Tsunami-Katastrophe in Asien hat in Europa das Sicherheitsbewusstsein geschärft - denn auch im Mittelmeer können jederzeit verheerende Monsterwellen entstehen. Italien installiert nun als erstes europäisches Land ein Tsunami-Frühwarnsystem.

Mindestens 300 Tsunamis rollten in den vergangenen 4000 Jahren an die Küsten des Mittelmeers, viele weitere wurden vermutlich nicht überliefert. Die meisten waren zwar weniger gewaltig als die Monsterwellen an Weihnachten in Südasien. Aufgrund der großen Wellenlängen von mehreren hundert Kilometern spülen aber selbst zwei Meter hohe Tsunamis große Wassermengen mit starken Strömungen an die Küste und richten bisweilen schwere Verwüstungen an.

Besonders gefährdet sind die Küsten Italiens und Griechenlands, wo es immer wieder zu schweren Seebeben kommt, die Flutwellen auslösen können. Das beweist eine Karte, die Forscher um Gottfried Grünthal vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ) jetzt erstellt haben, auf der die schwersten bekannten Erdbeben in Europa der vergangenen rund 1000 Jahre eingetragen sind. Daraus ergeben sich die von Tsunamis bedrohten Küsten.

Bei Warnungen zählt jede Sekunde

Italien reagiert nun als erstes europäisches Land auf die Gefahr und richtet ein Tsunami-Warnsystem ein. In drei Jahren soll das acht Millionen Euro teure System an den Küsten des Landes jederzeit vor den Flutwellen warnen können, erklärt Alessio Piatanesi vom Nationalen Institut für Geophysik und Vulkanologie in Rom (INGV). Nach den Plänen des INGV sollen 30 neue Erdbebenmessgeräte, sogenannte Seismometer, an den Küsten des Mittelmeers installiert werden.

Für ein Tsunami-Warnsystem sind Seismometer erforderlich, weil die meisten Tsunamis von starken Seebeben ausgelöst werden. Je mehr Seismometer in einer Region platziert sind, desto schneller und genauer kann ein Beben lokalisiert werden - und bei der Tsunami-Warnung zählt jede Sekunde. Denn das Mittelmeer ist schmal: Egal, wo ein Seebeben einen Tsunami auslöst, die Monsterwelle trifft innerhalb weniger Minuten auf eine Küste.

Italien betreibt bereits ein Seismometer-Netzwerk. Doch besonders die afrikanische Küste ist bisher viel zu grobmaschig mit den Messgeräten bestückt, als dass rechtzeitige Tsunami-Warnungen möglich wären. Deshalb sollen die meisten neuen Seismometer entlang der Küste von Marokko bis zur Türkei installiert werden.

Seismometer-Netzwerk wird ausgebaut

Ergänzt wird das Warnsystem mit 200 Gezeiten-Messgeräten. Sie sollen küstennah postiert werden und ungewöhnliche Wasserschwankungen melden. Zudem verankern die INGV-Forscher im tiefen Wasser 16 sogenannte Tsunameter, die per Satellit Informationen über die Wellenhöhe liefern. Die Drucksensoren am Meeresboden, die mit Funkbojen an der Wasseroberfläche verbunden sind, registrieren zentimeterkleine Änderungen des Meeresspiegels. Denn auf offener See machen sich die Monsterwellen kaum bemerkbar. Erst in flachen Küstengewässern türmen sie sich zu ihrer Furcht erregenden Größe auf.

Noch würde eine Tsunami-Warnung viele Küstenbewohner allerdings gar nicht erreichen: Es fehlen die Ansprechpartner etwa beim Küstenschutz. In vielen italienischen Orten sollen deshalb nach den Plänen des INGV lokale Warnzentren eingerichtet werden, die Evakuierungen organisieren können. "Wir brauchen Katastrophenpläne", sagt der INGV-Geophysiker Massimo Cocco. Die Bevölkerung müsse das Risiko kennen und wissen, was im Notfall zu tun sei. "Evakuierungen müssen regelmäßig geübt werden", fordert Cocco.

Im Sommer soll das italienische Parlament das Tsunami-Warnsystem für das Mittelmeer beschließen. Vermutlich werden sich weitere Länder an dem Projekt beteiligen. Denn auch Frankreich, Griechenland und Spanien planen Warnsysteme. Die INGV-Forscher haben ihre Pläne vor einigen Tagen der EU in Brüssel vorgestellt.

Frühwarnsystem auch im Atlantik?

Bei dem Treffen wurde auch eine Ausweitung des Warnsystems auf den Atlantik diskutiert. Denn dort besteht ebenfalls die Gefahr von Seebeben, die Tsunamis auslösen. "Wir brauchen ein Frühwarnsystem für den Atlantik", sagt der angesehene Umweltforscher Hartmut Graßl vom Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg.

Im Atlantik gibt es zwar weniger Tsunamis als im Mittelmeer. Ein Beben in der Straße von Gibraltar am 1. November 1755 aber schickte verheerende Flutwellen an die Küsten, denen allein in Lissabon Zehntausende zum Opfer fielen. Auch das Abrutschen einer als instabil identifizierten Vulkanflanke auf der Kanareninsel La Palma wäre verheerend. Noch in Frankreich und England würden sieben Meter hohe Brecher an die Küsten donnern, haben Geologen ermittelt.

Die INGV-Forscher schlagen vor, 8 zusätzliche Seismometer, 35 Gezeiten-Messgeräte und 16 Tsunamometer an den Atlantikküsten Europas zu installieren. Zwei Millionen Euro würde das System dem INGV zufolge kosten.

Auch die Nordseeküste sollte mit einem Warnsystem ausgestattet werden, fordert Graßl. Dort sind Tsunamis dem norwegischen Geologen Tore Kvalstad zufolge zwar "ähnlich unwahrscheinlich wie ein Meteoriteneinschlag". Andererseits könnten mit vergleichsweise wenig Geld für ein Warnsystem Tausende mögliche Todesopfer und Milliardenschäden verhindert werden, meint Graßl.

Die letzten vernichtenden Monsterwellen gab es vor 8150 Jahren in der Nordsee. Im Flachmeer vor Norwegen löste sich eine riesige Gesteinslawine, stürzte in die Tiefsee und löste Tsunamis an sämtlichen Küsten Nordeuropas aus. Forscher um Tore Kvalstad vom Norwegischen Technischen Institut in Oslo haben jüngst die Gefahr neuerlicher Rutschungen untersucht. Sie kommen zu dem Schluss: Die Hänge sind stabil. Dass Tsunamis in der Nordsee dennoch nicht ausgeschlossen werden können, zeigt die Karte der GFZ-Forscher: Schwere Seebeben im Nordatlantik sind selten, aber möglich.

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