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Tsunami-Gefahr in Europa: Warnsystem scheitert an Bürokraten

Foto: Stefano Tinti

Gefahr von Riesenwellen Bürokraten vermasseln Europas Tsunami-Warnsystem

Europas Mittelmeer- und Atlantikküsten sind von riesigen Flutwellen bedroht. Seit sechs Jahren arbeiten Forscher an einem Alarmsystem. Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE blockieren Politiker und Funktionäre von Uno, EU und mehreren Einzelstaaten die Entwicklung. Jetzt soll Deutschland helfen.

Mallorca und die Cote d'Azur entgingen am 21. Mai 2003 nur durch Zufall einer Katastrophe. Ein Erdbeben vor der Küste Nordafrikas hatte Tsunamis ausgelöst. Mit 300 Kilometer pro Stunde rasten sie Richtung Europa. Nach einer halben Stunde, um kurz vor neun Uhr abends, fluteten ein Meter hohe Wasserwalzen die Hafenanlagen in Mallorcas Hauptstadt Palma. "Ein etwas stärkeres Beben hätte weitaus höhere Wellen erzeugt", sagt der Tsunamiforscher Stefano Tinti von der Universität Bologna.

Schon oft kam es schlimmer: In den letzten 4000 Jahren überschwemmten mindestens 300 Tsunamis Gestade des Mittelmeers; eine Vielzahl der Überschwemmungen ereignete sich vermutlich abseits von Siedlungen und wurde nicht dokumentiert. Auch die europäischen Atlantikküsten sind bedroht. Beide Regionen sind dicht besiedelt, Touristenstrände reihen sich aneinander, Industrieanlagen und Atomkraftwerke stehen an den Küsten.

Die Gefahr wurde erkannt: Nach der Tsunami-Katastrophe an Weihnachten 2004 in Südasien schickten sich die Anrainerstaaten an, ein Warnsystem einzurichten. 2008 sollte es fertig sein. 2008 vertröstete man die Bewohner auf 2011.

Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union (EGU) in Wien ziehen Forscher nun Bilanz - ihr Fazit: Kaum etwas ist geschehen. Dabei stehen die notwendigen Geräte bereit. "Das Konzept liegt seit langem vor", sagt Gerassimos Papadopoulos vom Nationalen Forschungszentrum in Athen. Nach Recherchen von SPIEGEL ONLINE verhindert jedoch eine Bürokratenposse die Einrichtung des Warnsystems.

Es drohen extreme Katastrophen

Wie ernst die Lage ist, haben zahlreiche Vorträge auf der EGU-Tagung in Wien gezeigt. Es drohen extreme Katastrophen:

Beispiel Italien: Am 28. Dezember 1908 überschwemmten 20 Meter hohe Wellen die Küsten Siziliens und Kalabriens, 80.000 Menschen starben. Ähnliche Katastrophen hatten sich dort bereits 1693 und 1783 ereignet. Neue Studien zeigen, was 1908 passiert war: Anscheinend hatte ein Seebeben eine gigantische Unterseelawine ausgelöst. Jüngst haben Forscher weitere gefährliche Tiefseeberge und Spuren alter Rutschungen vor Süditalien entdeckt.

Beispiel Griechenland: Nach der Explosion des Vulkans Santorin 1628 vor Christus stürzten Teile des Berges ins Meer und trieben bis zu 50 Meter hohe Wellen gegen die Küsten Griechenlands. Dabei soll die minoische Kultur auf Kreta im wahren Sinne des Wortes untergegangen sein. Zuletzt ertranken 53 Anwohner 1956 bei einem Tsunami in der Ägäis. Und vor Kreta haben Geologen nun am Meeresgrund eine besonders gefährliche Erdplattengrenze identifiziert, deren Rucken sogar ozeanweite Tsunamis auslösen könnte.

Beispiel Portugal, Spanien: Ein Seebeben im Atlantik und nachfolgende Tsunamis legten 1755 weite Teile Lissabons in Trümmer, Zehntausende starben. In den vergangenen 500 Jahren gab es sechs ähnlich starke Beben vor der portugiesischen Küste, mit teils fatalen Folgen. Portugiesische Forscher präsentierten in Wien das Ergebnis ihrer Tsunami-Modellierung: Alle Strände, die Innenstadt und Industrieanlagen in Lissabon würden im Falle eines Ereignisses wie 1755 meterhoch geflutet. Noch schlimmer erginge es nach aktuellen Computersimulationen der spanischen Stadt Cadiz: Tsunamis würden sie nahezu vollständig überschwemmen.

Beispiel Kanaren bis Großbritannien: Äußerst selten - vermutlich alle paar zehntausend Jahre - rutschen riesige Gerölllawinen von den Kanarischen Inseln ins Meer. Bis zu 500 Meter hohe Wellen würden dabei entstehen, berichteten spanische Geologen nun auf der EGU-Tagung. Die Wellen würden auch an den Küsten Europas schwerste Verwüstungen anrichten.

Beispiel Großbritannien bis Norwegen: Vor 8150 Jahren löste sich im Flachmeer vor Norwegen eine riesige Lawine, stürzte in die Tiefsee und schickte Tsunamis an sämtliche Gestade Nordeuropas. 1607 brandeten Tsunamis an die Küsten Großbritanniens; dort stehen heute zwei Atomkraftwerke.

Bis heute gibt es keine Einigung

Nach der Tsunami-Katastrophe in Südasien 2004 wurden all diese Gefahrenzonen bereits ausgiebig diskutiert. Anfang 2005 gründete die Unesco deshalb im Auftrag der Vereinten Nationen eine Arbeitsgruppe, die ein Tsunami-Warnsystem für das Mittelmeer und den Nordatlantik entwickeln sollte. Politiker zeigten großes Interesse, das Tsunami-Thema dominierte die Schlagzeilen. Doch der Schwung verflog schnell.

Die Arbeitsgruppe traf sich alle paar Monate. Es wurden Bestandsaufnahmen gefertigt, Pläne gemacht, Beschlüsse gefasst. Doch seltsam: Bei jedem Treffen ging die Diskussion von neuem los.

Vor allem wurde darüber gestritten, wer bestimmen soll. Tsunami-Alarm ist schließlich eine hoheitliche Angelegenheit jedes Staates: Wenn etwa Italien einen Tsunami entdeckt, darf es seine Warnung nicht direkt an die Bevölkerung benachbarter Länder schicken. Es gibt außerdem keinen Zugriff auf die Daten anderer Länder, etwa auf den Stand von Pegelmessern, die die Ausbreitung gefährlicher Wellen zeigen.

Ein internationales Warnzentrum müsste her, das die Daten aufnimmt und an die zuständigen Behörden der einzelnen Staaten weiterleitet. Doch wo soll das Warnzentrum stehen? Frankreich, Spanien, Italien und Griechenland meldeten Ansprüche an.

Bis heute gibt es keine Einigung. Auch der Vorschlag, das Warnzentrum unter neutrale Führung der Europäischen Union zu stellen, wurde abgelehnt. Besonders die Unesco hegte Bedenken - die Uno-Organisation hätte Einfluss abgeben und der EU Interna offenbaren müssen.

Jeder Staat entwickelt sein eigenes System

Auch die Vertreter der europäischen Staaten haderten damit, der EU die Kontrolle zu überlassen. Gleichzeitig suchten aber die Forscher den Kontakt zur EU, um das Warnsystem finanzieren zu können. 100 Millionen Euro würde ein mittelmeerweites System kosten, hatten Forscher errechnet. Gemessen an den Kosten für Großforschungsprojekte erschien die Summe erschwinglich.

Doch die EU habe in den vergangenen 20 Jahren nur acht Millionen Euro für Tsunamiforschung locker gemacht, klagten die Wissenschaftler auf der EGU-Tagung in Wien. Aus dem neuen EU-Forschungsplan sei das Thema gar gänzlich gestrichen worden. "Mit dem Thema können Politiker nicht punkten", sagt ein Forscher abwinkend.

Jeder Staat entwickelt nun sein eigenes Warnsystem - so als ob Tsunamis Staatsgrenzen respektieren würden. Eigene Vorschriften für Notfälle werden entwickelt. Spanien hat sich sogar ganz aus dem Projekt zurückgezogen, das Land glaubt sich weniger bedroht als die meisten anderen Mittelmeeranrainer. Auch Frankreich lehnt Kooperationen weitgehend ab, es will 2013 sein Alarmsystem fertiggestellt haben. Die afrikanischen Länder haben bislang keine Pläne für Warnsysteme.

Am weitesten fortgeschritten scheint Italien zu sein. Eine Armada von Erdbebensensoren und zwei Dutzend Pegelmesser vor den Küsten sind in Betrieb, um gefährliche Seebeben und Wellen aufzuspüren. Ähnlich vorangekommen ist Griechenland, das mit Süditalien und Ostlibyen am stärksten von Tsunamis bedroht ist. Die Portugiesen planen in Kürze immerhin die Verankerung dreier Warnbojen vor der Küste Lissabons. Einen Zeitplan gibt es aber noch nicht.

Es scheint jedoch zweifelhaft, ob selbst auf nationaler Ebene in absehbarer Zeit zuverlässig Wellenalarm gegeben werden kann: Denn auf dem offenen Meer bleiben Tsunamis bislang unentdeckt, keine einzige Warnboje wurde installiert. Und die Pegelmesser am Ufer von Inseln und Küsten liefern nur sporadisch Daten, ihre Erfassung kann dauern. Doch schnelle präzise Daten sind lebenswichtig: Das Mittelmeer ist schmal: Egal, wo ein Tsunami entsteht, nach wenigen Minuten trifft er auf eine Küste.

Computermodelle, die den Verlauf von Riesenwellen im Ernstfall rasch ermitteln könnten, wurden aber für das Mittelmeer noch nicht entwickelt - obwohl die Pläne bereitliegen. Und schließlich weiß niemand, ob ein Alarm an den Küsten überhaupt ankommt. In Italien soll es in diesem Jahr immerhin Tsunami-Übungen geben. "Wir wollen sehen, ob Warnungen möglich sind", sagt Tinti.

Deutsche Technik könnte helfen

Abhilfe soll nun ausgerechnet ein Land schaffen, das gar nicht am Mittelmeer liegt: Deutschland. Experten um Joachim Wächter vom Geoforschsungszentrum Potsdam (GFZ) haben das internationales Forscher-Konsortium Tridec gegründet, das die Alarmübertragung ermöglichen soll: "Unsere Software liefert schnelle Informationen", sagt Wächter. Ziel sei es, Tsunami- und Erdbebendaten so rasch auszuwerten, dass sogar Eisenbahnen angehalten und Ampeln auf Rot gestellt werden können. Die EU-Kommission unterstützt das Projekt mit knapp sieben Millionen Euro.

Wenigstens auf Wissenschaftsebene scheint die Kooperation nun also in Gang zu kommen: Neun Forschungsinstitute aus Anrainerstaaten von Mittelmeer und Atlantik wollen den GFZ-Forschern ihre Daten zur Verfügung stellen, so dass die Tsunami-Software auf die verschiedenen Regionen zugeschnitten werden kann. Es wäre bereits das zweite Mal, dass Technologie aus Deutschland den Durchbruch brächte: Auch in Indonesien warnt inzwischen ein deutsches Alarmsystem vor Tsunamis.

Deutsche Steuergelder für die Sicherheit in anderen Ländern? Internationale Geoforscher verweisen auf den Nutzen für Deutschland: Der Werbeeffekt für deutsche Forschung habe dafür gesorgt, dass deren Warnsystem-Technologie mittlerweile in aller Welt Absatz fände. Es wird aber wohl noch Jahre dauern, bis sie am Mittelmeer einsatzfähig ist.

Einstweilen bleibt nur die Hoffnung, dass es bei Tsunamis so glimpflich ausgeht wie am 21. Mai 2003 auf Mallorca: Nachdem die Erdbebenwarte in Madrid das schwere Seebeben vor der Küste Algeriens registriert hatte, alarmierte sie die Behörden der Balearen-Inseln. Aufgrund der großen Entfernung zum Bebenherd blieb genügend Zeit, auf improvisierten Kanälen den Alarm an die Strände zu bringen - und die Küsten zu räumen.

"Hoffentlich", sagt Tsunami-Experte Jörn Lauterjung vom GFZ, "muss es nicht erst zur Katastrophe kommen, bevor ein richtiges Warnsystem installiert wird".