Geklaute E-Mails Top-Klimaforscher munitioniert seine Gegner

Raus aus dem Elfenbeinturm: Wochenlang hat der britische Klimaforscher geschwiegen, der im Zentrum der Affäre um gestohlene Forscher-E-Mails steht. Nun hat Phil Jones seine Strategie geändert - und liefert seinen Gegnern unfreiwillig weitere Argumente.
Wetterstation in den Alpen (Weissfluhjoch, 2006): "Minimale Dinge"

Wetterstation in den Alpen (Weissfluhjoch, 2006): "Minimale Dinge"

Foto: A1885 epa Keystone Della Bella/ dpa/dpaweb

Grauer Strickpullover, kariertes Hemd, Fusselhaare, freundlicher Blick - genau dieses eine Foto von Phil Jones kursiert im Internet. Offiziell erhältlich ist es nicht, auf seinen Wunsch hin. Der Mann hat sich rar gemacht - und das, obwohl er seit Wochen im Zentrum eines medialen Wirbelsturms globalen Ausmaßes steht. Als Hacker in die Computer der von ihm geleiteten Climatic Research Unit an der University of East Anglia eindrangen und mehrere tausend E-Mails und Dokumente stahlen, sagte der britische Klimaforscher - nichts. Das war unmittelbar vor dem Klimagipfel von Kopenhagen, die aufgeschreckte Weltpresse gierte nach Antworten. Doch Jones blieb stumm.

Irgendwann ließ er dann über die Pressestelle seiner Hochschule ein kurzes, einigermaßen krude formuliertes Statement verbreiten. Und dann wieder Stille, wochenlang. Inzwischen laufen mindestens vier unabhängige Untersuchungen der Vorfälle. Eine weitere ist bereits abgeschlossen. Und nun hat sich der 57-jährige Klimaforscher offenbar entschieden, seine Kommunikationsstrategie zu überdenken. In mehreren Interviews, unter anderem mit dem Fachmagazin "Nature"  und der BBC  tritt Jones die Flucht nach vorn an - mit mittelmäßigem Erfolg.

In den Gesprächen versucht der Forscher, seine Sicht auf die Dinge darzustellen und seine wissenschaftliche Arbeit vor Kritik zu schützen. Denn es gibt mittlerweile zahlreiche Fragen. Zum Beispiel die zu einer 20 Jahre alten Studie über das Thema, ob Städte in China die Lufttemperaturen stark beeinflussen - möglicherweise so stark, dass Temperaturanstiege zu Unrecht dem Klimawandel zugeschrieben werden.

Eigene Fehler "nicht akzeptabel"

Jones hatte damals zusammen mit einem Kollegen erklärt, der Einfluss der Städte sei gering. Kritiker warfen ihm später jedoch vor, er könne die Herkunft und Qualität seiner Daten nicht belegen. Und im Interview räumt der Forscher nun tatsächlich Fehler ein. Es sei "nicht akzeptabel", dass die Daten zu den Postionen der betreffenden Wetterstationen nicht mehr auffindbar seien, gestand Jones ein. Die Datensätze seien nicht so gut geführt worden, wie eigentlich nötig. Er denke darüber nach, bei "Nature", wo die Studie damals veröffentlicht wurde, einen Korrekturhinweis einzureichen.

Spätere Studien hätten jedoch den von ihm und seinem Kollegen beschriebenen Effekt bestätigt - und gezeigt, dass die genaue Lage der Wetterstationen nicht entscheidend sei. Seine Kritiker würden sich "minimale Dinge" in den Daten heraussuchen und sie über alle Maßen aufblasen, beklagte Jones.

Wie das funktioniert, lässt sich gut an einer anderen Passage der Interviews sehen. Ungewollt liefert der Wissenschaftler auf seiner Selbstverteidigungsmission seinen Kritikern weitere Munition - weil diese ihn missverstehen wollen und weil der Forscher offenbar weiterhin nicht versteht, dass Wissenschaftlersprache in Massenmedien an ihre Grenzen gerät.

Auf eine entsprechende Frage des BBC-Umweltexperten Roger Harrabin antwortet Jones, dass es zwischen 1995 und heute keine "statistisch signifikante" globale Erwärmung gab. Prompt posaunt die "Daily Mail" , der Wissenschaftler habe eine Kehrtwende vollzogen. Seit 1995 habe es keine globale Erwärmung gegeben, sage er nun. Doch tatsächlich erklärt Jones in dem Interview, dass die Temperaturen sehr wohl angestiegen seien - und dass das nur durch menschlichen Einfluss zu erklären sei. Das Problem sei lediglich, dass für statistische Signifikanz längere Betrachtungszeiträume besser seien.

Doch angesichts solcher Spitzfindigkeiten mag so mancher Klimaskeptiker bereits mit dem Lesen aufgehört haben. Jones kümmert sich zu wenig um die Frage, wie Kritiker seine Aussagen missinterpretieren könnten.

Todesdrohungen und Selbstmordgedanken

Denn die Briten sind verunsichert - ungeachtet der weiterhin klaren Faktenlage zum menschlichen Einfluss auf die Erderwärmung. Eine Meinungsumfrage der BBC  hatte gezeigt, dass die Zahl der Klimaskeptiker in Großbritannien zuletzt rapide gestiegen ist. Während im November nur 15 Prozent der Befragten der Behauptung zustimmten, Klimawandel finde gar nicht statt, waren es im Februar schon ganze 25 Prozent.

Anfang des Monats hatte Jones erklärt, dass er mehrmals daran gedacht habe, sein Leben zu beenden. Diesen Punkt habe er aber wohl überwunden, so der Forscher damals, der auch von Morddrohungen gegen seine Person berichtete. Mittlerweile will sich Jones nicht mehr zu persönlichen Fragen äußern. Stattdessen spricht er über das mittelalterliche Klimaoptimum und warum er diese zumindest in Europa und Nordamerika ungewöhnlich warme Periode zwischen dem 9. und dem 14. Jahrhundert nicht für ein globales Phänomen hält.

Seine Kritiker fordert Jones auf, eigene Studien vorzulegen. So könnten sie ihre Thesen belegen. Dafür könnten Temperaturdaten aus den USA genutzt werden, die öffentlich zugänglich seien. Denn im Zuge der E-Mail-Affäre hatte sich Jones auch mit dem Vorwurf auseinander setzen müssen, seine eigenen Datensätze nicht öffentlich zugänglich gemacht zu haben - aus Urheberrechtsgründen, wie er stets erklärte.

Vier parallele Untersuchungen

In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie es mit der Karriere des Forschers weiter geht. Mittlerweile läuft die externe Aufarbeitung der Angelegenheit - und zwar gleich vierfach. Ein Gremium unter der Leitung von Muir Russell, dem Ex-Vizechef der Universität Glasgow, untersucht im Auftrag der University of East Anglia die E-Mail-Affäre im Detail. Wurde wissenschaftlich alles richtig gemacht? Wurden Daten unterdrückt? Und so weiter.

Der Start der Untersuchung verlief allerdings holprig: Der Chefredakteur des Fachmagazins "Nature" musste schon vor Beginn der eigentlichen Arbeit seinen Abschied aus dem Untersuchungsgremium verkünden. Ihm war Parteilichkeit vorgeworfen worden, weil er nach dem Hack einem chinesischen Journalisten erklärt hatte, die betreffenden Forscher hätten sich aus seiner Sicht nichts zuschulden kommen lassen.

Ein weiteres Untersuchungsgremium prüft, ebenfalls im Auftrag der Universität, die wissenschaftliche Leistung der Climatic Research Unit im Allgemeinen. Dabei sollen Experten der renommierten Royal Society helfen. Dazu kommen eine weitere Prüfung durch einen Ausschuss des britischen Parlaments - und schließlich die Ermittlungen der Polizei zu dem Datendiebstahl. Noch immer ist nicht klar, ob die Mails von Profi-Hackern gestohlen wurden und ob die Datendiebe möglicherweise Hilfe aus den Reihen der Universitätsangestellten hatten.

Eine weitere Untersuchung ist bereits zu Ende. Sie hatte ergeben, dass die CRU-Forscher zu Unrecht der Öffentlichkeit Informationen vorenthalten hatten. Eine Strafe dafür gab es nicht, weil die Vorfälle länger als sechs Monate zurücklagen.

In seinen Interviews hat Jones nun Fehler eingestanden, seine Position aber im Großen und Ganzen verteidigt. Wie viel Erfolg er damit langfristig haben wird, muss sich zeigen. Von der neuen Offenheit, so scheint es, hat der Forscher mittlerweile auch schon wieder genug. Derzeit plane man keine weiteren Interviews, lässt die Pressestelle der University of East Anglia auf Anfrage wissen. Man werde sich melden, wenn sich daran etwas ändere.

Jones ist in den Elfenbeinturm zurückgekehrt.

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