Geowissenschaftler Reinhard Hüttl "Der Klimawandel vollzieht sich vor unseren Augen"

Die Wissenschaftler am Geoforschungszentrum Potsdam machen den Klimawandel messbar. Vor allem der Blick in die Vergangenheit ist für die Forscher aufschlussreich.
Bewässerungssystem auf einem Feld bei Bornheim im Rhein-Sieg-Kreis: Es bleibt eben nicht ohne Folgen, wenn jedes Jahr weltweit 37 Milliarden Tonnen CO2 aus Industrie, Verkehr und Heizungen freigelassen werden

Bewässerungssystem auf einem Feld bei Bornheim im Rhein-Sieg-Kreis: Es bleibt eben nicht ohne Folgen, wenn jedes Jahr weltweit 37 Milliarden Tonnen CO2 aus Industrie, Verkehr und Heizungen freigelassen werden

Foto: Jürgen Schwarz / imago images

Um die vielleicht größte Herausforderung der Zukunft zu verstehen, muss man besonders weit in die Vergangenheit schauen. Das ist nur eine der zahlreichen Besonderheiten, mit denen es Politik, Gesellschaft und Wissenschaft zu tun haben, wenn sie sich mit der Klimakrise befassen. Fachfremde haben oft Mühe, in den großen Zeitreihen der Erdgeschichte zu denken, Reinhard Hüttl ist in ihnen Zuhause. Der Geowissenschaftler ist Vorstandsvorsitzender des Deutschen Geoforschungszentrums in Potsdam und kennt sich aus mit den "dynamischen Veränderungen" auf der Erde.

Gerade erst hat sein Institut, zusammen mit Forschern vom Kieler Geomar-Zentrum, eine viel beachtete Publikation vorgelegt. Darin analysierten die Forscher eines der größten Massensterben auf dem Planeten vor 252 Millionen Jahren. Ausgelöst wurde es vermutlich durch hohe vulkanische Aktivitäten im heutigen Sibirien.

Insgesamt verschwanden 95 Prozent allen Lebens im Meer und rund 70 Prozent der Tiere und Pflanzen an Land. Das Massensterben geschah übrigens lange, bevor ein Asteroid die Dinosaurier auslöschte. Die damaligen Veränderungen durch den gigantischen Eintrag von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen in die Erdatmosphäre lassen für die Klimazukunft der nächsten Jahrzehnte nichts Gutes ahnen, so das Ergebnis der Studie in "Nature Geosciences" von Hana Jurikova und Mitforschern aus Hüttls Forschungszentrum.

Klimawissenschaftler Hüttl am Geoforschungszentrum Potsdam: "Wir beobachten mittlerweile beunruhigende Verstärkungsmechanismen"

Klimawissenschaftler Hüttl am Geoforschungszentrum Potsdam: "Wir beobachten mittlerweile beunruhigende Verstärkungsmechanismen"

Foto: David Ausserhofer

"Es hat die Menschen immer gestört, wenn irgendwo die Erde wackelt oder ein Berg Feuer spuckt", sagt er. Doch heute sei etwas ganz Entscheidendes anders als damals: Der Mensch ist den Gewalten nicht mehr nur ausgeliefert, er verändert sie. Er erschafft sich durch den Klimawandel selbst eine neue Bedrohung.

Hüttl ist einer der einflussreichsten Figuren in der deutschen Wissenschaft. Er war bis vor drei Jahren Präsident der Wissenschaftsakademie Acatech, ein Zusammenschluss deutscher Spitzenforscher, auf deren Wort man in der Politik hört. Bundeskanzlerin Angela Merkel kommt, wenn Hüttl und seine Gemeinschaft zu großen Empfängen laden. Sie hat ihn schon mehrmals in ihre Beratergremien geholt, etwa nach Fukushima 2011 in die Energie-Ethikkommission. Zudem ist Hüttl unter anderem Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Waldpolitik und dem Forschungs- und Technologiebeirat Bioökonomie.

Wo ist das Wasser geblieben?

Der 63-jährige Institutsleiter ist kein lauter Aktivist, wie manch andere, die sich mit den Folgen des Klimawandels befassen. Ruhig und sachlich erklärt er: "Der Klimawandel auf der Erde ist keine Modellrechnung mehr. Er vollzieht sich vor unseren Augen, er ist messbar, und als Wissenschaftler habe ich die Verantwortung, die Gesellschaft darauf hinzuweisen."

Hüttl hat dafür ein plastisches Beispiel. Er berichtet von einer der neuesten Publikationen seines Hauses, Daten der Satelliten-Duos "Grace" und dann "GRACE-FO", die "seit 20 Jahren alle 90 Minuten über unsere Köpfe sausen", wie er sagt.

Stark vereinfacht ausgedrückt, könnte man sagen, sie wiegen die Gewichtsänderungen der Länder, die sie überfliegen, auch Deutschland. Dort konnten seine Wissenschaftler nachweisen, dass 37,5 Milliarden Tonnen Wasser in den Trockensommern der vergangenen Jahre in der Republik verloren gegangen sind. "Die vertrocknenden Bäume, die wir in den Wäldern sehen, sind eine Folge dieses Wandels", sagt Hüttl. Andere Daten seines Forschungszentrums helfen bei der Suche nach der Ursache dieser klimatischen Veränderung. Wiederum sind es Massemessungen, in diesem Fall der Verlust des arktischen Eises "Dort steigen die Temperaturen zwei-, mancherorts dreimal so schnell an wie in den gemäßigten Breiten", sagt Hüttl.

Das Wetter gerät durcheinander

Die Wärme im Norden bringt die Wettersysteme auf der Nordhalbkugel durcheinander. Der Jetstream, also jene starke West-Ost-Winde in acht bis zwölf Kilometern Höhe, verlieren an Kraft, und damit verringert sich auch der Nachschub an Regen.

"Wir beobachten mittlerweile beunruhigende Verstärkungsmechanismen", sagt er. "Zunehmende Waldbrände setzen weitere Treibhausgase frei, ebenso der auftauende Permafrostboden in den Polarregionen." Es bleibe eben nicht ohne Folgen, wenn jedes Jahr weltweit 37 Milliarden Tonnen CO2 aus Industrie, Verkehr und Heizungen freigelassen werden. Kohlendioxid, das über Jahrmillionen von den geologischen Prozessen auf dem Planeten sicher unter die Erde gebracht worden ist.

DER SPIEGEL

Immerhin hat sich für Hüttl in der gesellschaftlichen Wahrnehmung seiner Forschung einiges verändert: Man vertraue den Erkenntnissen mittlerweile. "Es gibt kaum einen Politiker mehr, der ernsthaft daran zweifelt." Gleiches gelte für die Wirtschaft, wo mittlerweile klar sei, dass man sich in Sachen Klimaschutz bewegen müsse. "Die Ansage der EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen zur Klimaneutralität sei eine eindeutige Positionierung", findet Hüttl. Jetzt sei es Aufgabe dieser Wissenschaftlergeneration, die technischen Lösungen dafür bereitzustellen.

Anmerkung der Redaktion: Das Geoforschungszentrum hat am 23. Oktober bekannt gegeben: Wegen einer Compliance-Untersuchung wurde Reinhard Hüttl auf seinen eigenen Wunsch von seinem Amt bis auf weiteres entbunden . Dies war dem SPIEGEL bei der Veröffentlichung des Artikels nicht bekannt.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.