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25. Juni 2007, 13:31 Uhr

Geoforschung

Nur heißes Gestein hält New York in der Höhe

Nur Hitze hält weite Teile Nordamerikas über dem Meeresspiegel, haben Geologen ausgerechnet. Ihre eher theoretische Arbeit zur Physik der Erdkruste motzten sie mit einem Gedankenspiel auf: Wie tief würden US-Städten sinken, wenn der Untergrund abkühlte?

"Kontinentale thermale Isostasie - Teil eins: Methoden und Empfindlichkeit" - ein Fachaufsatz mit einem solchen Titel ist in der Regel vor allzu großer öffentlicher Aufmerksamkeit sicher. Und selbst unter Geologen dürfte die Schar derer klein sein, die sich brennend für theoretische Überlegungen zur Temperatur des Gesteins in 200 Kilometern Tiefe interessieren.

Skyline von Manhattan: 434 Meter unter der Wasseroberfläche des Atlantik würde die Stadt liegen, wenn nicht Hitze im Untergrund Nordamerika in die Höhe drückte
REUTERS

Skyline von Manhattan: 434 Meter unter der Wasseroberfläche des Atlantik würde die Stadt liegen, wenn nicht Hitze im Untergrund Nordamerika in die Höhe drückte

Dennoch müsste man ein so spannendes Thema dem Fachmann und Laien näher bringen können, haben sich David Chapman und sein Doktorand Derrick Hasterok von der University of Utah anscheinend gedacht: Denn zur Veröffentlichung in der Fachzeitschrift "Journal of Geophysical Research - Solid Earth" reichten sie gleich noch einen weiteren Aufsatz ein - "Teil zwei: Anwendung auf Nordamerika" . Den würzten sie mit den Zutaten für ein unheimliches Szenario: New York City 434 Meter unter dem Meeresspiegel, Boston 555 Meter, Miami und New Orleans mehr als 730 Meter unter der Wasserlinie, Los Angeles ganze 1145 Meter unter dem Meer.

So klingt das Thema schon deutlich interessanter.

"Wenn man die Hitze wegrechnet, die Nordamerika in der Höhe hält, dann läge ein Großteil des Kontinents unter Wasser", sagte sagte Hasterok. Nur in den Rocky Mountains, der Sierra Nevada und im pazifischen Nordwesten behielte man trockene Füße. Wie die beiden Geologen auf das - ebenso illustre wie hypothetische - Szenario gekommen sind, entbehrt jedoch nicht eines gewissen Ernstes.

Nur wenige der "Provinzen" blieben über Wasser

Sie analysierten bereits vorhandene Daten zur Verbreitungsgeschwindigkeit von Druckwellen im Untergrund. Dergleichen Angaben sammeln Geologen beispielsweise, wenn zu Messzwecken an weit entfernten Orten Sprengladungen gezündet werden. Dann verglichen Hasterok und Chapman diese Daten mit Messungen an bekannten Steinarten und mit Angaben über die Temperatur in der Tiefe, die man aus vereinzelten Bohrungen gewinnen konnte.

Denn über die Erde unter seinen eigenen Füßen weiß der Mensch weniger als über die Oberfläche des Mondes und anderer Planeten. Lange ist schon bekannt, dass die Dichte eines Gesteins mitbestimmt, welchen Auftrieb es im Untergrund entwickelt: Leichte Gesteine steigen auf, schwere mit höherer Dichte sinken ab, so eine Faustregel der Geophysiker.

Doch die Temperatur im Untergrund - sie ist keineswegs gleichmäßig verteilt - spielt hier auch eine Rolle, weil sie für zusätzlichen Auftrieb sorgen kann. Im Gegensatz zum Boden des Ozeans habe man den Einfluss der Hitze in der Erdkruste aber bislang nie herangezogen, um die Erhebungen auf den Kontinenten zu erklären, schreiben Chapmann und Hasterock.

Nordamerika teilten die Geoforscher sodann in "tektonische Provinzen" ein, also Bereiche, die auf gemeinsamen Gesteinsplatten ruhen. "Dann haben wir die Effekte der Zusammensetzung und der Dicke der Erdkruste weggerechnet, um zu isolieren, welcher Anteil der Höhe einer Gegend auf die Temperatur des darunterliegenden Gesteins zurückzuführen ist", sagte Chapman.

Diesen Wert zogen die Forscher einfach von der aktuellen Höhe bekannter US-Städte ab. Die Pressestelle der University of Utah veröffentlichte diese Liste als Blickfang - nun dürfen sich die geologischen Zahlenspieler eines breiten Presseechos sicher sein, auch wenn Hasterok pflichtschuldig darauf hinweist: Es würde Milliarden Jahre dauern, bis das Gestein unter Nordamerika so weit abkühlte, dass es nach unten sinke und dabei Atlanta, Dallas oder Chicago mit sich ziehe - oder vielmehr das, was dann noch von den Städten übrig wäre.

stx

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