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04. Januar 2018, 11:17 Uhr

Lügen und Geografie

"Fast alle Länder fälschen Landkarten"

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Städte verändern ihre Lage, Militäranlagen verschwinden, Wüsten ergrünen: In Atlanten wird häufig gelogen - die Fälschungen haben in Deutschland besondere Tradition.

Die Versteigerung war geplant, und die jüngst entdeckte Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert versprach, viel Geld einzubringen. Schließlich sollte sie von dem einflussreichen deutschen Kartographen Martin Waldseemüller stammen, der Amerika getauft hatte.

Doch das Auktionshaus Christie's in London hat die Versteigerung zurückgezogen, um weitere Nachforschungen vorzunehmen, wie Christie's auf Anfrage des SPIEGEL mitteilte. Der Verdacht: Die 500 Jahre alte Karte ist gefälscht.

Was klingt wie eine Besonderheit, ist eher der Normalfall: Landkarten werden seit jeher gefälscht. Meist jedoch ist nicht die ganze Karte ein krimineller Schwindel wie anscheinend im Fall der Waldseemüller-Karte, sondern es stecken strategische Motive dahinter.

Die wandernde Stadt

Ihren Höhepunkt erreichte die Fälscherei im Kalten Krieg. Im September 1965 fassten die Länder des Warschauer Pakts den Beschluss, Landkarten zu verzerren. Genaue Karten gab es nur fürs Militär.

Manche Städte verschwanden von Landkarten, andere verschoben sich: Logaschkino in Sibirien etwa veränderte seine Lage mit jeder neuen Ausgabe. "Offenbar gibt es eine solche Stadt", kommentierte die amerikanische Zeitschrift Military Engineer, doch wo sie liege sei "eine Frage höchster Ungewissheit".

Stadtpläne erschienen ohne Gitterlinien und ohne Maßstab; Entfernungen mussten geschätzt werden. Viele Straßen und selbst gut bekannte Gebäude in der Hauptstadt Moskau wie das des KGB waren nicht auf den Karten verzeichnet.

West-Berlin "nicht besiedelt"

Die ungenauen Karten der DDR behinderten die Bauvorhaben des Landes - Behörden mussten auf Pläne des Deutschen Reichs aus den Dreißigerjahren zurückgreifen. Am besten waren in der DDR noch Wanderkarten, doch im Grenzgebiet wurden Straßen und Siedlungen getilgt, so dass sie als Vorlagen für Fluchtpläne unbrauchbar waren.

Selbst West-Berlin war auf DDR-Karten nicht verzeichnet, es war als "nicht besiedeltes Gebiet" benannt. Dass es korrekte Daten gab, zeigte sich prompt nach der Wende: Kurz nach der Auflösung der DDR wurden Atlanten Ostdeutschlands zum Verkaufsschlager: "Jetzt ohne Verzerrung" stand vorne drauf.

Auch Westdeutschland täuschte während des Kalten Krieges mit seinen Landkarten - aus militärischen Gründen: In Schwaben lag bei Memmingen eine ausgedehnte "landwirtschaftliche Nutzfläche". In Wirklichkeit handelte es sich um einen Militär-Flughafen.

Getarnte Militäranlage bei München

Und im Wald nahe Hohenbrunn bei München stand keine Fabrik, wie auf Karten zu lesen war. Dort lag das größte Munitionsdepot Süddeutschlands.

In anderen westlichen Staaten verschwanden Erdöldepots, Radiostationen oder Aufbereitungsanlagen für Nuklearbrennstoff aus den Karten, und aus Atombunkern wurden Lagerhäuser.

Das Militär übernahm in der Sowjetunion bereits in den Dreißigerjahren die Kontrolle der Landkarten. Diktator Josef Stalin ordnete die Fälschung aller öffentlich zugänglichen Atlanten an.

Als der Feind 1941 kurz vor Moskau stand, bewährte sich die Strategie: Die Deutschen steckten im Sumpf fest, ihre Karten hatten Straßen gezeigt, wo in Wirklichkeit morastige Einöde lag.

Zuvor waren die Karten dem deutschen Militärattaché in Moskau zugespielt worden, der sie an die Soldaten weitergegeben hatte. Bei einem gefangen genommenen deutschen Offizier wurden die gefälschten Karten der Umgebung Moskaus wiedergefunden.

Konkurrenten abschrecken

Auch Napoleon Bonaparte, der preußische König Friedrich II. oder die mittelalterlichen Oberhäupter europäischer Städte ließen präzise Vermessungen ihrer Ländereien durchführen, veröffentlichten jedoch falsche Karten.

Ein Bruder von Christoph Columbus, Kartograf in Lissabon, zog die Südspitze Afrikas so weit in die Länge, dass die Umsegelung des Kontinents aussichtslos erscheinen sollte. Konkurrenten sollten abgeschreckt werden.

Ihre Karten verwahrten die portugiesischen Entdecker wie Goldschätze: Im Indienhaus in Lissabon, wo Portugal seine Entdeckungsfahrten organisierte, lagen alle Atlanten in einer Truhe. Auf Kartenspionage stand die Todesstrafe.

Locken mit falscher Karte

Napoleon Bonaparte war das egal. In einem Verließ in Versailles ließ er Karten jener Länder abzeichnen, in die er einmarschieren wollte.

Doch Landkarten sollten nicht nur in die Irre führen, manche sollten locken: Frühe europäische Einwanderer in Australien etwa köderten neue Arbeitskräfte aus der Heimat, indem sie eine Fantasiekarte Australiens verschickten. Der karge Kontinent wurde als ein Land mit großen Flüssen, ausgedehnten Seen und Wäldern dargestellt, wo eigentlich Wüste lag.

Und um Investoren zu gewinnen für ihre Expeditionen nach Amerika, brachten Pioniere Karten in Umlauf, die offene Seewege rund um Amerika zeigen. Dabei war die Nordwestpassage auch im späten Mittelalter eine Eislandschaft.

Andere sorgten dafür, dass Landkarten schnellstmöglich aus dem Umlauf verschwanden: 1912, der Erste Weltkrieg stand bevor, waren Karten des deutschen Militärhafens Wilhelmshaven plötzlich vergriffen. Und vor dem Falkland-Krieg 1982 waren amtliche britische Seekarten des Südatlantiks auf einmal ausverkauft.

Die Straße als Falle

Selbst im Satellitenzeitalter und trotz Google gibt es noch versteckte Orte. Der 2015 verstorbene Kartograf Kurt Brunner von der Universität der Bundeswehr München war zahlreichen gefälschten Landkarten in Europa, Südamerika, den USA und Asiens auf die Spur gekommen. "Fast alle Länder fälschen Landkarten, um Orte geheimzuhalten", resümierte Brunner.

Grenznahe Regionen etwa in der Türkei, in Mazedonien, Georgien, Griechenland oder Albanien werden auf Karten noch immer als "unerschlossenes Gebiet" ausgewiesen, bestenfalls große Durchfahrtswege sind dargestellt - einsame Landstraßen führen durch scheinbar karge Wildnis.

Weil auch Google Maps auf dieses Material angewiesen ist, findet sich dort ebenfalls weiße Fläche.

Doch Kartendienste fälschen auch bewusst: Sie platzieren Straßen, sogenannte Trap Streets (Fallenstraßen), die es nicht gibt. Auf diese Weise sollen Fälscher überführt werden, die Karten einfach kopieren.

SPIEGEL TV Doku: "Die Macht der Lüge"

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