Geopolitik am Nordpol Der eiskalte Krieg

Wem gehört der Nordpol - und wem die Rohstoffe in der Arktis? Fünf Anrainer-Nationen ringen um Anteile. Ein Frontbericht.

Resolute Bay, kanadische Arktis, 74° 42' N, 94° 50' W. Fröhlich grinsend kommt Jacob Verhoef mit einer Tasse Kaffee, es ist sicher schon seine zehnte an diesem Tage, aus der Kantine. Wie ein Kriegsherr sieht er nicht gerade aus mit seinem gemütlichen Bauch und dem karierten Flanellhemd. Doch gemeinsam mit Forscherkollegen stellt sich der Geologe in wahrhaft konspirativer Weise vor eine Karte der Arktis.

In der Mitte der Nordpol, viel Wasser, darum herum reihen sich die konkurrierenden Nationen: Kanada, Russland, die USA, Dänemark und Norwegen. Verhoef und seine Mitstreiter stehen zwar im blauen Wellblechbau des Polar Continental Shelf Projects (PCSP) in Resolute Bay, einer Behörde, die dereinst gegründet wurde, um den Seeboden des kanadischen Kontinentalschelfs in der Arktis zu erforschen. Doch irgendwie hat es auch etwas von einem militärischen Lagezentrum, wo Generäle ihre Armeen mit langen Holzschiebern hin- und herbewegen.

Verhoef malt stattdessen mit seinen Fingern die Seegrenzen neu. Mal streift er über die Meerenge zwischen Kanada und Grönland, dann fährt er die Strecke zwischen Nordpol und Alaska hinab. Das Gemurmel seiner Zuhörer nimmt an Lautstärke zu. Das sind die Regionen, wo es "Gezänk geben wird", wie es Verhoef ausdrückt.

Er benutzt ganz bewusst die zukünftige Verbform. Denn über alle territorialen Fragen der Arktis wird sich ein Gremium der Vereinten Nationen mit der skurrilen Abkürzung UNCLOS beugen. "Die werden aber sicher nicht in den nächsten zehn Jahren zu einer Entscheidung kommen", sagt Verhoef.

"Damit werden die Russen nicht durchkommen"

Das liegt an der komplizierten Regelung, wie es in der Internationalen Seerechtskonvention festgeschrieben steht. Demnach gehen die Ansprüche eines jeden Mitgliedslandes über die 200-Seemeilenzone hinaus, wenn das Land nachweisen kann, dass der eigene Kontinentalschelf über diese Zone hinausreicht. "Die Juristen hatten damals keinen blassen Schimmer, was sie mit ihren Formulierungen für ein Durcheinander anrichten würden", sagt Verhoef, und sein akademischer Kriegsrat schüttelt empört mit den Köpfen. Wenn es nach ihm gehen würde, sagt der niederländischstämmige Professor, wäre "nach 200 Seemeilen einfach Schluss" gewesen.

Verhoef besitzt eine Autorität in solchen Fragen. Er ist der Direktor am Geological Survey of Canada. Dort kennen ihn die aufmerksamen Zuschauer der Abendnachrichten. Wann immer es über den Streit zwischen Kanada, Russland, Dänemark und den USA um die Arktis geht, erscheint Verhoef auf dem Bildschirm. Sein Markenzeichen ist die eckige Brille aus Metall, die grünliche Besiedelungstendenzen am Steg aufweist. Das dicke Glas verkleinert die lebhaft hüpfenden Pupillen.

Jede Nation muss ihre Forderungen wissenschaftlich begründet bei der UNCLOS einreichen. Dort sitzen Forscher mit deren Verdikt dann - Verhoef rollt seine Pupillen genervt nach oben - Völkerrechtler und Staatschefs in die politische Schlacht ziehen werden. Die Russen gingen am ungeniertesten zu Werke, findet Verhoef. Sie hätten sich einfach die beiden längsten Gebirgsrücken des Nordpolarmeeres, den Lomonossow-Rücken und den Alpharücken, herausgegriffen, zu ihrem Kontinentalhang erklärt, um sich zwei Drittel des Seegebietes einzuverleiben.

"Damit werden sie aber nicht weit kommen", frohlockt Verhoef. Aber keine Armee wird die Russen zurückschlagen. Sein Gegenangriff erfolgt mit Daten, die er zusammen mit seinen Alliierten, dem Dänischen Geologischen Dienst, vergangenes Jahr an Bord zweier Eisbrecher gemessen hat. Sie stammen aus jenem Seegebiet, in dem der Lomonossow-Rücken an Kanada und Grönland stößt.

"Ein Riesenfund, und der Streit bricht los"

Es war eine Schlacht gegen das dickste Treibeis, das man aus dem Nordpolarmeer kennt. "Haushohe Presseisrücken waren das", brüstet sich Verhoef vor seinen Wissenschaftskameraden in Resolute Bay. Doch die Plackerei habe sich gelohnt. Man habe Beweise gefunden, orakelt er, dass der Lomonossow-Rücken mit seinem Heimatland verbunden ist.

Denkbar ist in diesem kalten Krieg der Datenjäger aber auch, dass der unterseeische Gebirgsrücken sowohl ans sibirische, wie auch ans kanadische Schelf andockt. Dann müssten die Kontrahenten in der Mitte des Nordmeeres den Grenzstrich ziehen. Es geht eher um die Prestigefrage, wem der Nordpol gehört. "Rohstoffe werden die Völker wohl auch in hundert Jahren noch nicht aus der Tiefsee fördern", sagt Verhoef.

Brisanter ist da schon die westliche Flanke der kanadischen Arktis, die es gegen die Begehrlichkeiten des großen Bruders USA zu verteidigen gilt. "In der Beaufort-See vergeben beide Staaten bereits kräftig Öllizenzen", warnt Verhoef. Der Grenzverlauf sei dabei aber noch keineswegs geklärt. "Ein Riesenfund, und der Streit bricht los", lautet Verhoefs geopolitisches Mantra.

Doch auch hier könnte er seine Nation retten. Schon bald nach seinem Besuch in Resolute Bay bricht der geologische Grenzschützer an Bord des Eisbrechers "Louis S. St. Laurent" auf in die Beaufort-See. Mit Mess-Sonden wird er den Schlick durchdringen und um jeden Meter Schelf kämpfen. Dafür bezahlt ihn sein Vaterland schließlich.


Die Anrainer stecken die Grenzen neu ab, Ölkonzerne schicken ihre Geologen. Was die Eisschmelze für Ureinwohner und Wildtiere bedeutet, lesen Sie in der ausführlichen Reportage "Der Kampf um den Nordpol" in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL ONLINE.

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