Gesang in Strophen Mäuse zwitschern für Sex

Biologen haben eine Entdeckung gemacht, die sie nach eigenen Angaben "schockiert" hat: Ihre Labormäuse zwitschern. Und das nicht einfach so. Die Nager singen in Strophen und Refrains, um ihre Weibchen zu verführen. SPIEGEL ONLINE bringt den Mausgesang zu Gehör.

Von Volker Mrasek


Mäuse: Singen um die Gunst der Weibchen
M. Luo / L. C. Katz

Mäuse: Singen um die Gunst der Weibchen

Vor Jahren verblüffte bereits der Psychobiologe Jaak Pankseep mit seinen ganz besonderen Laborbefunden. Der gebürtige Este und Forscher an der Ohio State University in Bowling Green hatte ein inniges Verhältnis zu seinen Versuchsratten entwickelt. Statt ihnen irgendwelche Teststoffe einzutrichtern, kraulte Pankseep den Tieren die Bäuche - und stellte fest, dass sie dann munter zirpen.

Für den Biologen war klar: Die Nager kichern, wenn man sie kitzelt. Und die Nachricht von den lachenden Laborratten machte Schlagzeilen - auch wenn niemand das Giggeln der Vierbeiner je vernahm. Denn es ertönt im Ultraschallbereich, und der liegt jenseits von 20 Kilohertz und damit in einem Frequenzband oberhalb der menschlichen Hörschwelle.

Jetzt schreiben Versuchstiere schon wieder unerhörte Forschungsgeschichte. Diesmal sind es keine Ratten, sondern Labormäuse. Und ihre Halter versichern nach wochenlangen Lautanalysen: Die Tiere singen. Und das mit einem Repertoire unterschiedlicher Tonsilben, das dem vieler Singvögel in nichts nachsteht. Da könnten es die Maus-Musen durchaus mit einem Zebrafinken aufnehmen, schreiben Timothy Holy und Zhongsheng Guo jetzt im Online-Fachjournal "PLoS Biology".

Unter allen Säugetieren seien bisher nur der Mensch sowie Wale und Fledermäuse als Gesangskünstler hervorgetreten. Geht es nach den beiden Wissenschaftlern von der Washington University in St. Louis in den USA, dann muss der Chor nun auch für Mäuse geöffnet werden. "Was sie von sich geben, erinnert tatsächlich stark an Vogelgesang", findet Neurobiologe Holy. "Das klingt wie ein Zirpen und Zwitschern."

Allerdings: Das Mäuse-Tirili erreicht genauso wenig unser Ohr wie das Gelächter der Ratten. Es hallt gleichfalls mit Ultraschall durch die Laborflure, vielleicht aber auch durch die ganze Welt draußen. Für Holy wäre es jedenfalls "eine Überraschung, wenn es neben Labormäusen nicht noch andere singende Nagetiere gibt".

Männchen singen um weibliche Gunst

Bei den Darbietungen der Vierbeiner handelt es sich offenkundig um Liebeslieder oder Werbegesänge, denn die schmachtenden Interpreten sind ausschließlich Männchen. Holy und Guo setzten ihnen in den Versuchsreihen Baumwollbausche vor, die zuvor mit dem Urin weiblicher Mäuse getränkt worden waren und deshalb Sexuallockstoffe des anderen Geschlechtes, sogenannte Pheromone, verströmten.

Aus fast allen Männchen brach es daraufhin abrupt hervor. Nur zwei der insgesamt 45 Gesangskandidaten entpuppten sich trotz des artgerechten Aphrodisiakums als mundfaul und schwiegen. Die Masse aber "sang minutenlang, fast ohne Ende", wie Timothy Holy ebenso erstaunt wie gerührt beobachtete.

Aus älteren Studien war bereits bekannt, dass Mäuse Ultraschall-Laute von sich geben. Auch Holy und Guo interessierten sich für die höchsten Tiertöne, doch zunächst nur als Signalgeber: Die Forscher installierten ein Spezialmikrofon im Versuchslabor, setzten männliche und weibliche Mäuse diversen stofflichen Reizen aus, und das Ultraschall-Fiepen der Nager sollte anzeigen, auf welche sie tatsächlich reagieren.

Mäuse tremolieren in breitem Spektrum

Bei näherer Begutachtung der Tonaufnahmen war Holy dann aber "regelrecht schockiert", wie er sagt. Denn es zeigte sich: Die männlichen Mäuse quieken nicht bloß vor sich hin, sondern tremolieren geradezu, und das "in einem erstaunlich breiten Frequenzspektrum zwischen 30 und 100 Kilohertz", sagt Holy im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Zum Vergleich: Ratten kichern um die 50 Kilohertz, Fledermäuse nutzen für ihre Ultraschall-Echoortung laut Holy das 40- bis 70-Kilohertzband. Krabbelnde und fliegende Mäuse müssten sich demnach gegenseitig hören - wenn sie denn aufeinander träfen.

Um das Laborgezwitscher überhaupt hörbar zu machen, mussten die Forscher ihre Ultraschallaufnahmen manipulieren. "Das Einfachste ist, sie zu verlangsamen, so als ob man ein Tonband beim Laufen leicht festhielte", sagt Holy. Dadurch rutscht die Tonhöhe um einige Oktaven ab und geradewegs in den für Menschen hörbaren Bereich. Allerdings gehen beim Abspielen in Zeitlupe Tempo und ursprünglicher Liedrhythmus verloren. Deswegen frisierten Holy und Guo ihre Aufnahmen mit einem speziellen Computerprogramm zur Nachbearbeitung von Sprache und Musik. Auf diese Weise gelang es ihnen, die Tonhöhe nach unten zu drücken und dennoch die ursprüngliche Liedmelodie beizubehalten.

Kriterien von Gesang erfüllt

Es sei klar, dass "wir nicht wissen können, wie die Lieder im Ultraschall wirklich klingen", räumt Holy ein. Doch die Hörschnipsel vermittelten sicher einen brauchbaren Eindruck vom Gesangsduktus und -rhythmus der Originale. Die sind erstaunlich vielseitig: Die Mausmännchen jonglieren demnach mit einer ganzen Reihe verschiedener Tonsilben, die sie - so die Forscher - "keineswegs zufällig arrangieren". Sie variieren fortwährend die Stimmhöhe, ihre Lieder kennen unterschiedliche Strophen und haben sogar Refrains. Das ist das Ergebnis der umfassenden akustischen Analyse. "Die Lautäußerungen der Mäuse", folgert Timothy Holy, "erfüllen damit eindeutig die Kriterien von Gesang."

Der Neurobiologe will sich jetzt wieder seinen eigentlichen Forschungsthemen widmen, die mit Tiergeträller eigentlich nichts zu tun haben. Doch für ausgereizt hält er das Thema noch lange nicht. Selbst Hausmaus-Halter könnten dazu beitragen, den Kreis der Liedinterpreten im Tierreich weiter auszudehnen. Wer wolle, solle sich ruhig einmal einen Fledermaus-Detektor besorgen und ihn vor dem Käfig seines Vierbeiners postieren. "Damit", glaubt Holy nach den jüngsten Erfahrungen mit seinen Laborzöglingen, "könnten sich durchaus Maustöne einfangen lassen."



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