Geschacher um Welt-Klimabericht Gabriel wirft USA "wissenschaftlichen Vandalismus" vor

Umweltminister Gabriel hat massive Vorwürfe gegen die USA und China erhoben. Die politische Entschärfung des Uno-Klimaberichts sei "wissenschaftlicher Vandalismus" polterte er. Doch auch die gekürzte Studie ist erschütternd: Gewaltige Naturkatastrophen werden prognostiziert - die vor allem die Ärmsten der Armen treffen.


Brüssel – Schon 2020 werden Milliarden von Menschen in Afrika und Asien unter Wasserknappheit leiden und Millionen unter Hungersnöten, so die Horrorszenarien. Auch die wohlhabenderen Regionen der Welt kommen dem Bericht zufolge keinesfalls ungeschoren davon. Der Himalaya werde bald abschmelzen. Weltweit werde der Meeresspiegel ansteigen. Bis zu 30 Prozent der Tier- und Pflanzenarten seien vom Aussterben bedroht, wenn die Temperaturen um 1,5 bis 2,5 Grad steigen, heißt es weiter. Krankheiten breiteten sich aus, große asiatische Mündungsgebiete würden überflutet. Im Mittelmeerraum drohen Dürren und Ernteausfälle. In Frankreich, Griechenland, Italien und Spanien dürften häufiger Gluthitzen wie im Sommer 2003 auftreten, als es zehntausende Todesfälle gab, überdurchschnittlich viele Wälder brannten und die Trinkwasservorräte um ein Drittel schrumpften. Wenn die arktischen Eisschilde wegbrechen, dann sei auch "Holland nicht mehr zu retten".

Junge an einer Wasserstelle in Kenia: Vor allem die Ärmsten der Armen sind betroffen
DPA

Junge an einer Wasserstelle in Kenia: Vor allem die Ärmsten der Armen sind betroffen

Der Uno-Bericht ist die wichtigste Studie über die Auswirkungen des Klimawandels auf verschiedene Weltregionen seit 2001. Schon mit den dramatischen Ergebnissen des ersten Teils, der im Februar in Paris vorgestellt wurde, hatten die 2500 Wissenschaftler des Weltklimarats (IPCC) international Bestürzung ausgelöst: Bis zum Ende des Jahrhunderts wurde ein Temperaturanstieg von bis zu 6,4 Grad Celsius vorhergesagt.

Dem zweiten Teil zufolge ist die Erderwärmung absolut keine ferne Bedrohung mehr. "Der gesamte Klimawandel ist etwas Konkretes im Hier und Jetzt und nicht etwas in weiter Zukunft", sagte Neil Adger als britischer Co-Autor der Studie. Mit-Autor Osvaldo Canziani warnte vor der Ausbreitung von Malaria und anderen Fieberkrankheiten. "Wir müssen weniger verbrauchen, weniger Abfall produzieren und nachhaltiger leben", forderte er. Die Ressourcen der Erde seien begrenzt: "Wenn alle Menschen in der Welt etwa auf dem Niveau meines Landes - Argentiniens - leben wollten, bräuchten wir vier Mal die Erde."

Die Ergebnisse waren nach einer Marathon-Sitzung der Uno-Länder heute mit mehreren Stunden Verzögerung vorgestellt worden: Die Abschluss-Beratungen waren dabei fast zur Groteske geraten. Zahlreiche Länder meldeten Änderungswünsche an. Dabei ging es um die an politische Entscheidungsträger gerichtete "Zusammenfassung".

IPCC - der Klimarat der Vereinten Nationen
Ziele
ESA 2004
Der Intergovernmental Panel on Climate Change, zu Deutsch der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaveränderungen mit Sitz in Genf, wurde 1988 vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) und der World Meteorological Organization (WMO) gegründet, die ebenfalls zur Uno gehört. Der Inder Rajendra Kumar Pachauri ist seit Mai 2002 Vorsitzender des IPCC.

Der auch als Weltklimarat bezeichnete IPCC soll umfassend, objektiv und ergebnisoffen die wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Informationen über den von Menschen verursachten Klimawandel bewerten. Das Gremium, dem Hunderte von Wissenschaftlern in aller Welt zuarbeiten, soll die Folgen und Risiken der Klimaveränderung abschätzen und ausloten, wie man sie abschwächen oder sich an sie anpassen kann.

Der IPCC führt keine eigenen Forschungsprojekte durch, sondern analysiert die Ergebnisse wissenschaftlicher Veröffentlichungen, die dem Peer-Review-Verfahren - der Prüfung von Fachartikeln durch unabhängige Gutachter - gefolgt sind. Mehr auf der Themenseite...
Arbeitsgruppen
Der IPCC hat bisher 1990, 1995, 2001 und 2007 Berichte über den Stand der Klimaforschung abgegeben. An dem Bericht sind drei Arbeitsgruppen beteiligt: Arbeitsgruppe I stellt den Stand der Klimaforschung dar, fasst Daten und Computersimulationen zusammen und trifft Aussagen über die künftige Entwicklung. Arbeitsgruppe II berichtet über die möglichen Folgen der Erwärmung für Mensch und Umwelt, Arbeitsgruppe III über mögliche Gegenmaßnahmen.
Ergebnisse bisher
Im ersten Klimareport des IPCC von 1990 war noch von einem natürlichen Treibhauseffekt die Rede, der von Emissionen des Menschen verstärkt werde. Der Bericht von 2007 aber gab die Verantwortung eindeutig dem Menschen - und sorgte so weltweit für Schlagzeilen.

Der Report basiert auf Hunderten Modellrechnungen, ausgefeilten Computermodellen, zahllosen Studien und Messreihen. 450 Hauptautoren liefern die bisher genaueste Beschreibung dessen, was die Temperatur der Atmosphäre etwa seit dem Jahr 1800 in die Höhe treibt. Am letzten Bericht des IPCC haben 2500 Experten sechs Jahre lang gearbeitet.

Forscher klagten über die Einmischung der Politik, gaben dem Drängen der USA und Chinas aber letztlich nach. Unter anderem hatten die USA sich über einen Abschnitt über die zu erwarteten Klimaschäden in Nordamerika und die daraus resultierenden Folgen echauffiert, hieß es. Im Entwurf hatte es zunächst geheißen, als Folge der Erderwärmung werde es auf dem Kontinent unter anderem Wirbelstürme, Trockenheit, Überflutungen und Brände geben.

China habe in den Verhandlungen darauf bestanden, eine Textstelle zu entfernen, wonach gewisse Schäden mit "sehr hoher Wahrscheinlichkeit" eintreten würden. Anwesende Wissenschaftler seien daraufhin aufgestanden und hätten einen Erhalt dieses Hinweises verlangt.

"Ökologischer Kolonialismus"

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) kritisierte das politische Geschacher als skandalös, letztlich hätten sich China und die USA aber kaum durchsetzen können, so der Bundesminister. "Wir sind froh, dass wir diese Art des wissenschaftlichen Vandalismus am Ende haben verhindern können", sagte Gabriel zu Reuters TV. "Die Menschen haben ein Recht darauf zu erfahren, welche Konsequenzen ihnen drohen, wenn wir den Klimawandel nicht stoppen."

In Deutschland müsse man sich nun Gedanken darüber machen, wie man mit den Folgen des Klimawandels umgehe. Das gelte etwa für Trockenperioden im Südwesten und Nordosten des Landes. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesumweltministerium, Michael Müller (SPD) bezeichnete die Verhandlungen als "Erlebnis der erschreckenden Art". "Offenkundig muss ein Teil der Regierungen die Katastrophe erst spüren, bevor sie handeln", kritisierte Müller. Da die Weltregionen aber unterschiedlich vom Klimawandel betroffen seien, sei dies nichts anderes als "ökologischer Kolonialismus".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte ein gemeinsames Vorgehen der internationalen Gemeinschaft zum Schutz der Umwelt. "Der Bericht bestätigt, dass der Klimawandel eine Tatsache ist", sagte Merkel der "Süddeutschen Zeitung". "Deswegen brauchen wir ein schnelles und entschiedenes Handeln, um den Temperaturanstieg weltweit zu begrenzen und den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringen."

Die Bundesregierung werde weiter Vorreiter beim Klimaschutz sein. "Ich werde das Thema auch beim G-8-Gipfel im Juni in Heiligendamm ansprechen", sagte Merkel. "Mein Ziel ist es, möglichst alle Staaten in die Verantwortung für den Klimaschutz einzubinden."

Die Lösungsvorschläge der Uno will die Gemeinschaft in einem dritten und letzten Teil ihres Weltklimaberichts Anfang Mai präsentieren. Die Berichte sollen die Grundlage für Verhandlungen zur Fortsetzung des Kyoto-Klimaschutzprotokolls nach 2012 sein. Am 17. April wird der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York erstmals über den Klimawandel debattieren. Die Diskussion soll von der britischen Außenministerin Margaret Beckett geleitet werden, wie der britische UN-Botschafter Emyr Jones Parry ankündigte.

EU-Umweltkommissar Stavros Dimas sieht sich in dem Bericht im Ziel bestätigt, die globale Erwärmung auf höchstens zwei Grad zu begrenzen. "Wir müssen also weltweit rasch handeln, wenn wir den Klimawandel stabilisieren und damit das Schlimmste verhindern wollen", betonte Dimas.

ase/AFP/dpa/Reuters



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