Geschenktipps Die schönsten Paläo-Bücher zum Fest

Titan Books

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Paläontologie-Fans sind Bücherwürmer, und die Verlage wissen das: In kaum einem Wissenschaftszweig gibt es so viele oppulent bebilderte Sachbücher. Viele davon sind prächtig geeignet als Präsente - aber nur manche können auch Informierte wirklich beeindrucken.

Dürfen Wissenschafts-Interessierte schwelgen und träumen? Aber sicher doch: Gerade die Naturgeschichte gewinnt durch ihre Visualisierung an Faszination. Wir alle haben irgendwann einmal begonnen, uns für Erd- und Evolutionsgeschichte zu interessieren, weil spektakuläre, inspirierende Bilder unsere Aufmerksamkeit weckten.

1. Das schönste Paläo-Buch des Jahres

Von allen Paläo-Büchern, die ich in diesem Jahr in die Hände bekommen habe, ist "Dinosaur Art" von Steve White für mich das beeindruckendste. Erschienen ist es seltsamerweise bei Titanbooks, einem Verlag, der eigentlich eher auf Grafic Novels spezialisiert ist. Er baut allerdings seinen Kunstbuch-Bereich aus, und das, wie man mir bei Titanbooks sagte, in naher Zukunft auch in Richtung der immer populärer werdenden Paläo-Kunst.

"Dinosaur Art" ist für Titan also ein erfolgreicher Versuchsballon: White stellt darin zehn wissenschaftliche Illustratoren und Paläo-Künstler und ihre Werke vor. Zu den oft beeindruckenden Bildstrecken stellt er Interviews mit den Künstlern, lässt sie ihre Biografien, Techniken, Inspirationen und wissenschaftlichen Inputs also selbst erklären. Das hat es so noch nicht gegeben. Im Mittelpunkt steht also das Bild und sein Schöpfer, und nicht unbedingt das darauf gezeigte urzeitliche Wesen.

White gelingt mit diesem Konzept ein Prachtband, der eben nicht noch einmal tausendmal Gelesenes wiederholt, sondern den so oft gesehenen Visualisierungen lang vergangener Zeiten und Welten eine ganze andere, neue Ebene hinzufügt.

Man kann, muss aber nicht alles davon mögen. Neben den Klassikern wie John Sibbick oder Douglas Henderson finden sich auch hoch spezialisierte Illustratoren, die die Grenzen und Möglichkeiten sowohl des Genres der Paläo-Illustration, als auch der wissenschaftlichen Erkenntnis austesten.

John Conways farbenfrohe, teils mit Protofedern "behaarte" Pterosaurier oder Luis Reys skandalös schrille, bunte und an überzeichnete Pop-Art erinnernde Saurier sind eine Art Lakmustest für unsere Vorstellungskraft. Sie nehmen von der Wissenschaft beschriebene Möglichkeiten, wie Saurier ausgesehen haben könnten beim Wort und zeigen sie uns. Ist das wirklich möglich, fragt man sich da unwillkürlich, ist es plausibel, ist es glaubhaft? Mitunter ist es jedenfalls schwer vorstellbar, aber keines der gezeigten Bilder ist ohne wissenschaftliche Unterfütterung.

Das Spektrum der Kunst in Whites Buch reicht von Understatement bis Übertreibung, von schwarz-weißen Studien in der Tradition wissenschaftlicher Illustration über Kreide und Kohle, Acryl, Aquarell bis Öl und digitale Pixel, von wissenschaftlicher Nüchternheit bis zu Graffiti-hafter Schrille.

Ist das alles nun "die beste Paläo-Kunst der Welt"? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit gehören die vorgestellten Maler definitiv zu den besten ihrer Zunft. Das Buch aber ist visuell ein Genuss und inhaltlich originell. Was will man mehr, außer vielleicht einer Übersetzung? Die ist bisher leider nicht in Sicht: Ein Lesegenuss ist "Dinosaur Art" darum leider nur für Leser mit guten Englisch-Kenntnissen.

(Update, 19.12.2013: Das Buch ist im Augenblick sowohl in Deutschland, als auch in England bei vielen Buchversendern vergriffen. Über Angebote des Buchhandels und über Drittanbieter, die Online-Plattformen wie Amazon nutzen, ist es aber noch zu haben. In Großbritannien aufgrund des günstigen Pfund-Kurses sogar besonders günstig für 14,50 bis 18 Pfund: Der günstige Preis gleicht die höheren Portokosten aus. Aus gleichem Grund fällt auch in Deutschland zurzeit der Preis bei Bestellungen, für die der Verlag zurzeit aber bis zu zwei Wochen braucht.)

2. Inventuren der Erdgeschichte: Einmal alt, einmal neu

1956 legte Lincoln Barnett mit"Die Welt in der wir leben" erst im "Life"-Magazin und dann in Buchform eine so großformatige wie umfassende Inventur der damals bekannten Erdgeschichte vor. Das Buch blieb in Deutschland über eineinhalb Jahrzehnte ein Bestseller, es fand seinen Weg in unzählige Bücherregale (und ist in Antiquariaten, bei ebay, Amazon oder ABEbooks oft für ein, zwei Euro zu haben!).

Meines steht noch immer da. Als ich es zum ersten Mal öffnete, kniete ich davor und blätterte einfach darin: Mit den Bildern konnte ich etwas anfangen, bevor ich lesen lernte. Das war, als ob man eine fremde Welt betrat!

Ein paar davon ließen mich nie mehr los: Halb im Wasser stehende, äsende Bronto-, fressende Allo-, am Himmel kreisende Pterosaurier. Spektakuläre Reproduktionen von Rudolph Zallingers berühmten Wandgemälden "The Age of Reptiles" (1947, siehe Youtube-Video zum Making-of) und sein eigens für die Artikelserie entworfenes"Age of Mammals". Wie mir ging es einer ganzen Generation. Auch der Paläontologe Robert Bakker sagt heute noch, dass für ihn alles mit diesen Bildern begann. "The World we live in" dürfte zu den einflussreichsten populärwissenschaftlichen Büchern aller Zeiten zählen - und hat mit seinem zeittypischen Pathos bis heute einen nostalgischen Charme.

Youtube: Making-of zu Zallingers "Age of Reptils" (1947)
Es hat seitdem etliche Generalinventuren der Evolutionsgeschichte in Bildband-Format gegeben, und man kann natürlich über ihren Sinn und Zweck streiten. Wenn man in einem einzigen bildreichen Buch unser Wissen über vier Milliarden Jahre Erdgeschichte zusammenfassen will, wird daraus natürlich ein Bilderbogen, der alles nur anreißt.

So ist das auch mit der Dorling-Kindersley-Publikation "Die Urzeit". DK ist kein Fachverlag, aber einer, der sich auf die Produktion schöner Bücher versteht. Das gelingt auch hier.

"Die Urzeit" ist, wenn man so will, eine Art "Die Welt in der wir leben" für das neue Jahrtausend. Ein Buch, das Kinder als Bilderbuch wahrnehmen werden, das ihnen einige spannende Kapitel zum Durchblättern bietet. Für nicht naturwissenschaftlich Gebildete öffnet es Türen zu Wissensbereichen, die ihnen oft versperrt bleiben. Alles ist bebildert, visualisiert, erklärt. Und selbst Informierte finden darin manches, weil das Buch trotz seines Bildreichtums und seines am Zeitstrahl orientierten Aufbaus lexikalischen Charakter hat.

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Buchtipp: Die Urzeit - bildmächtiges Lexikon
Natürlich kann man keine großen Vertiefungen erwarten. "Die Urzeit" ist kein Buch, das sich der Paläontologe kauft, um etwas Neues zu erfahren. Aber vielleicht ist es eines, dass er jemandem schenkt? Denn bei aller Knappheit glänzt "Die Urzeit" vor allem mit Sachlichkeit. Oberflächlichkeiten und populistisch-dümmliche Klöpse von Galileo-Format sucht man zum Glück vergeblich. Vergangenes Leben wird sowohl als Illustration, als auch in seiner Fossil-Form vor- und oft sogar gegenübergestellt.

Für wen das alles gut ist? Ähnlich wie 1956 "Die Welt in der wir leben" für Menschen verschiedenen Alters, die bereit sind, sich auf die Entdeckung der Erdvergangenheit einzulassen. "Die Urzeit" ist ein Blätter-und- entdecke-Buch, Staunestoff, den man nicht nur am Band, sondern auch nach Lust und Laune lesen kann, ein Erklärbuch, mit dem man gezielt Wissenslücken füllt - ein "Was ist was?" für Erwachsene, wenn man so will.

3. Nichts dabei? Wie wäre es damit?

  • Mark P. Witton: Pterosaurs. Princeton Univers. Press; Englisch; 291 Seiten; 25,95 Euro. Mehr als ein Bildband: Witton ist ein anerkannter Pterosaurier-Experte, der neben paläontologischer Forschung auch zeichnerisches Talent hat. Mehr zum Buch: hier.
  • Richard Milner: Charles R. Knight. Sprache: Englisch. Abrams; 180 Seiten; 15.99 £. Die einzige wirklich gute Biografie über den Architektur-, Natur- und Wissenschaftsillustrator, der einst die Saurier wieder zum Leben erweckte, leider nur als Import. Mehr zum Buch: hier.
  • Brian Switek: My Beloved Brontosaurus. Scientific American; 256 Seiten; 15,95 Euro. Der Wissenschaftsjournalist und Blogger Switek hat eine seltene Gabe, Forschungsergebnisse unterhaltsam zu machen - und den Zauber der Forschung auch Laien zu vermitteln. Noch ein Buch, das nach Übersetzung schreit: mehr dazu hier.
  • Dr. Alice Roberts: Die Anfänge der Menschheit. Dorling Kindersley; 256 Seiten; 29,95 Euro. Das "Familienalbum" der Gattung Homo. Dank der hier fotografisch gezeigten Skulpturen der Brüder Kennis begegnet man unseren Vorfahren hier unmittelbarer als je zuvor.Mehr zum Buch: hier.
  • Richard Dawkins: Der Zauber der Wirklichkeit. Ullstein; 272 Seiten; 26,99 Euro. Einer der einflussreichsten Evolutionsbiologen und umstrittensten Religionskritiker unserer Zeit hat eine Evolutions-Einführung für Einsteiger geschrieben. Parteiisch, mitunter ein wenig zu eifernd und auch etwas schwer, ist das Buch trotzdem ein bildmächtiges Prachtstück. Mehr dazu: hier.



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3 Leserkommentare
50penny 17.12.2013
genie_der_genies 17.12.2013
Raúl gonzales 17.12.2013

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