Geschützte Mäuse Erkältungsmedikament macht Malaria ungefährlich

Zumindest im Tierversuch sind die Ergebnisse ermutigend: Mit einem einfachen Erkältungsmedikament haben Forscher bei Mäusen die Überlebensrate nach einer Malaria-Infektion massiv gesteigert. Nun hoffen sie auf Testerfolge auch beim Menschen.


Washington - Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Statistisch gesehen stirbt allein in Afrika etwa alle 30 Sekunden ein Kind an Malaria. Jedes Jahr fallen mindestens eine Million Menschen der Krankheit zum Opfer, die bereits seit einigen tausend Jahren existiert. Portugiesische Forscher hoffen nun, einen neuen Ansatz im Kampf gegen das heimtückische Leiden gefunden zu haben. Wichtigstes Hilfsmittel ist ein Wirkstoff, der normalerweise bei Erkältungen eingesetzt wird - und im Versuch mit Mäusen beeindruckende Ergebnisse zeigte.

Die Substanz, so die Forscher, löste bei den Tieren eine körpereigene Strategie aus, die Schäden am Gewebe minimiert. Auf diese Weise sei es gelungen, die Überlebensrate der Tiere bei Malaria-Infektionen von 20 auf 100 Prozent zu steigern, berichten Wissenschaftler um Elsa Seixas vom Instituto Gulbenkian de Ciência in Oeiras im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences".

Die Malaria-Erreger - es handelt sich um Parasiten der Gattung Plasmodium - sammeln sich nach einer Übertragung von Stechmücken auf den Menschen zuerst in der Leber. Dort vermehren sie sich und gelangen in den Blutstrom, wo sie die roten Blutkörperchen befallen. Nach einer weiteren Reifungsphase platzen die betroffenen Blutzellen und setzen die Erreger erneut frei. Dabei gelangt zudem der rote Blutfarbstoff Hämoglobin in die Blutbahn.

Zerstörerisches Häm

Das kann jedoch zum Problem werden: Reagiert der Körper mit einer Entzündungsreaktion auf den Angriff der Parasiten, zerstören die eigentlich gegen die Erreger gerichteten, vom Immunsystem produzierten aggressiven freien Radikale den Blutfarbstoff und setzen dabei dessen zentrales Molekül, das sogenannte Häm, frei.

Das Häm übt eine zerstörerische Wirkung auf die Leber aus - vor allem, wenn es mit bestimmten Entzündungsfaktoren kombiniert wird. Das konnten die Wissenschaftler jetzt bei genetisch veränderten Mäusen zeigen. Die Leberschäden enden nicht selten tödlich. Doch es gab zwei mögliche Gegenmaßnahmen: Entweder der Körper reagierte mit der Produktion eines Schutzenzyms namens HO-1 auf den Angriff - oder die Mäuse bekommen den auch als ACC bekannten Wirkstoff N-Acetylcystein verabreicht.

Malaria
Die Krankheit
AP
Malaria zählt zu den tödlichsten Infektionskrankheiten der Welt: Statistisch gesehen stirbt allein in Afrika etwa alle 30 Sekunden ein Kind an der Krankheit. Pro Jahr fallen ihr insgesamt mindestens eine Million Menschen zum Opfer, die meisten davon Kinder unter fünf Jahren. Der Erreger der Malaria tropica, der einzellige Parasit Plasmodium falciparum, wird durch den Stich weiblicher Stechmücken der Gattung Anopheles von bereits infizierten Menschen auf gesunde übertragen.
Schutzmaßnahmen
Einen Impfstoff gegen Malaria gibt es derzeit nicht. Deshalb gilt es, eine Ansteckung von vornherein zu vermeiden, indem man sich in moskitosicheren Räumen aufhält, mit Insektiziden imprägnierte Moskitonetze benutzt und langärmlige Kleidung trägt.
Chemische Vorbeugung
Prophylaxe-Medikamente bieten keinen absoluten Schutz vor einer Malaria, erhöhen aber die Sicherheit. Über die Art der Malaria-Prophylaxe muss individuell der Arzt entscheiden, anhand des Reisezieles, der Reisezeit, der Reisedauer und des Reisestils. Dabei müssen Vorerkrankungen und Unverträglichkeiten sowie Besonderheiten bei der Medikamenteneinnahme beachtet werden. Bei Reisen in Gebiete mit hohem Malaria-Risiko ist eine Chemoprophylaxe empfehlenswert. Wenn in Gebieten mit niedrigem oder mittlerem Malaria-Risiko keine regelmäßige Chemoprophylaxe durchgeführt wird, sollte ein Reservemedikament mitgeführt werden. Es sollte nur bei verdächtigen Symptomen, fehlender ärztlicher Versorgung und nur im Notfall eingenommen werden ("Standby").

In beiden Fällen, schreiben die Forscher, werden die Leberzellen vor den verheerenden Folgen des Häm-Angriffs geschützt, ohne dass der Malaria-Erreger direkt beeinflusst wird. Das sei vielversprechend: Weil der neue Ansatz nicht den Erreger angreife, sondern dem Körper Hilfe zur Selbsthilfe leiste, könnten auch keine der gefürchteten Resistenzen auftreten.

Erst kürzlich hatten Wissenschaftler erneut darauf hingewiesen, dass die Malaria-Erreger immer häufiger Resistenzen gegen gängige Medikamente entwickelten. Im Kampf gegen die Parasiten wollen Forscher daher zukünftig auf Laserwaffen und intelligente Insektizide setzen. Auch radioaktive Bestrahlung und Genmanipulationen der Anopheles-Mücke, die den Erreger in sich trägt, wurden bereits diskutiert.

Doch wie es nun scheint, könnte auch die denkbar einfache Substanz ACC vielversprechend sein. Sollte sich die Simpel-Strategie nicht nur bei Mäusen, sondern auch bei Menschen als wirksam erweisen, wäre eine Zulassung des Wirkstoffs möglicherweise recht schnell möglich. Er wird heute bereits als Nahrungsergänzungsmittel und als schleimlösendes Medikament verkauft.

Bei Malaria zielt die Abwehrreaktion des Körpers normalerweise darauf ab, die Anzahl der Erreger zu verringern, schreiben die Forscher. Ähnlich wie bei einer Sepsis kann diese Immunstrategie jedoch den Körper so stark belasten, dass sie tödlich wirkt. Daher sei es sehr hilfreich, wenn man wie in dieser Studie einen alternativen Schutzmechanismus unterstützt, der dem Körper mehr Kraft und Zeit verschafft, sich nach und nach gegen die Infektion zu wehren.

Die Wissenschaftler glauben, dass sich dieser Ansatz auch bei resistenten Malariaformen und anderen Infektionskrankheiten bewähren könnte - vorausgesetzt, die Reaktion des menschlichen Körpers ähnelt der der Maus, was leider nicht immer der Fall ist.

chs/ddp



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