Gestrandet Südafrikaner jagen Buckelwale in die Luft

Erneut ist vor der südafrikanischen Küste ein verirrter Buckelwal gestrandet. Auch diesmal wussten sich die Behörden nur mit Sprengstoff zu helfen. Zu Recht?

Von Alexander Stirn


Dutzende Tierschützer und Rettungskräfte waren versammelt, als vor zwei Wochen an einem südafrikanischen Strand ein Sprengsatz detonierte - direkt unter einem zehn Tonnen schweren Buckelwal. Was nach einem feigen Anschlag und nach schlimmer Tierquälerei klingt, war ein Gnadenstoß für den Meeressäuger, zumindest in den Augen der örtlichen Tierschützer.

Gesprengter Buckelwal: Explosion als Erlösung?
AFP

Gesprengter Buckelwal: Explosion als Erlösung?

Die hatten stundenlang versucht, das gestrandete Tier wieder in tiefere Gewässer zu bugsieren. Vergebens. Die Sprengung habe dem Tier, so die offizielle Begründung, drei weitere qualvolle Tag erspart, bis schließlich der natürliche Tod eingetreten wäre.

Doch deshalb ein Exemplar einer vom Aussterben bedrohten Tierart gleich in die Luft zu jagen, das war vielen Tierfreunden doch zu viel. Hätte eine Giftspritze, so die bange Frage, nicht dieselbe Wirkung gehabt? Angeblich nicht: Der Einsatz von Gift sei wegen der Größe des zehn Meter langen Tieres und seines hohen Gewichts kaum effektiv gewesen, behaupteten damals die Sprengstoff-Befürworter. Explosion als Erlösung.

Erst jetzt wird klar, dass die Detonation noch einen zweiten, offensichtlich nicht unwillkommenen Effekt hatte: die weitgehende Entsorgung des gewaltigen Tieres. Erst am Wochenende war vor Südafrika ein weiterer Buckelwal gestrandet. Das rund neun Meter lange Tier konnte zwar von Tierschützern aus dem flachen Wasser ins Meer gezogen werden, doch nach Angaben des Meeresbiologischen Instituts wurde der Wal wenig später wieder in Küstennähe gesehen.

Das offensichtlich kranke Tier schwamm sich schließlich auf den Felsen nahe des Hafens von Port Elizabeth fest, wo es angeblich noch vor dem Eintreffen der Tierschützer starb. Medienberichten zufolge wurde der tote Meeressäuger 16 Kilometer weit ins offene Meer geschleppt, mit Sprengstoff bestückt und in die Luft gejagt.

Den Worten des stellvertretenden Hafenkapitäns Brian Phipps zufolge war die Detonation die beste Möglichkeit, um das Tier los zu werden und eine Gefahr für die Schifffahrt im Hafen zu beseitigen. Explosion als Entsorgung.

Ab ins Museum - oder ins Labor

Auch vor der Küste Norwegens ist in den vergangenen Tagen ein Wal gestrandet, dem allerdings das zerstörerische Schicksal seiner südlichen Verwandten erspart bleiben soll. Den 23 Meter langen und 80 Tonnen schweren Blauwal fanden Marinesoldaten vor der norwegischen Insel Jan Mayen im Nordpolarmeer.

Lebender Buckelwal: Mysteriöse Krankheit
AP

Lebender Buckelwal: Mysteriöse Krankheit

Auch er hatte keine Chance, dafür einflussreiche Fürsprecher: Wie die Osloer Zeitung "Aftenposten" berichtete, soll das Skelett später im Walfangmuseum von Sandefjord ausgestellt werden soll. Auch Wissenschaftler nutzen derart traurige Ereignisse gerne, wie 1998 den Tod von drei Pottwalen vor St. Peter Ording, um das Leben und die möglichen Krankheiten der Tiere genauer untersuchen zu können.

Blauwale und Buckelwale gehören zu den am meisten gefährdeten Walen. Blauwale sind die größten Tiere der Erde und können bis zu 33 Meter lang werden. Meeresbiologen schätzen den Bestand der zeitweilig durch massive Jagd fast vor der Ausrottung stehenden Meeressäuger auf 3500 Tiere. Bei den Buckelwalen sind weniger als zehn Prozent der ursprünglichen Population heute noch am Leben. Weltweit gibt es etwa 6000 Exemplare.

Warum die Tiere immer wieder auf Grund schwimmen, stellt Biologen trotz intensiver Studien vor ein Rätsel. Die Spekulationen reichen von unerklärlichen Selbstmordabsichten, über geistige Umnachtung bis hin zu mysteriösen Irrfahrten. Zuletzt hat die These neuen Aufschwung bekommen, eine bislang unbekannte Krankheit treibe die Tiere an den Strand. Möglicherweise greifen Viren, die mit dem Erreger der menschlichen Hirnhautentzündung verwandt sind, das Gehirn der Meeressäuger an.

Gesichert scheint dagegen, was mit den Tieren passiert, sobald sie der Küste zu nahe kommen: Das Echolotsystem der Wal, eigentlich für größere Wassertiefen ausgerichtet, versagt im seichten Wasser. Die Tiere werden in die Irre geleitet, Gezeiten geben ihnen den Rest. Ist erst einmal das Wasser unter den Walen verschwunden, werden die inneren Organe vom auf ihnen lastenden Gewicht regelrecht zerquetscht. Die Meeressäuger verenden qualvoll.



© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.