Gestrandeter Finnwal bei Neapel Gefährdete Giganten

Im Mittelmeer leben einige Tausend Finnwale. Obwohl sie geschützt sind, leiden sie unter Plastikmüll und dem Schiffsverkehr. Sichtbar wird das oft erst, wenn – wie jetzt – ein totes Tier gefunden wird.
Ein Finnwal im Mittelmeer: Expertinnen und Experten gehen von 3000 Exemplaren im westlichen Mittelmeer aus

Ein Finnwal im Mittelmeer: Expertinnen und Experten gehen von 3000 Exemplaren im westlichen Mittelmeer aus

Foto: N. Pierantonio / Tethys Research Institute

Wer an der Küste des Mittelmeers steht, wird kaum bemerken, dass sich in dessen Wassern zahlreiche Meeressäuger wie Pott- oder Finnwale tummeln. »Viele Menschen wissen nichts darüber, selbst hier in Italien. Die sind dann immer ganz verblüfft, wenn man ihnen davon erzählt«, sagt Maddalena Jahoda vom Tethys -Forschungsinstitut mit Sitz in Mailand dem SPIEGEL.

Jahoda und ihre Kollegen sind normalerweise vom Hafen Sanremo aus mit dem Zweimaster »Pelagos« unterwegs. Seit mehr als 30 Jahren nimmt die Organisation zahlende Gäste mit hinaus aufs Meer, die den Walforscherinnen und Walforschern bei der Arbeit helfen – und dabei mehr über die riesigen Meeressäuger erfahren.

Für die Tiere wurde vor gut 20 Jahren ein 87.000 Quadratkilometer großes, internationales Schutzgebiet eingerichtet. Es liegt zwischen den Küsten der Côte d’Azur in Frankreich, Ligurien und der Toskana in Italien sowie der Nordküste von Sardinien. Komplett eingeschlossen ist dabei die französische Insel Korsika sowie das kleine Küstenmeer von Monaco. In einem Drittel davon ist Tethys regelmäßig unterwegs. Der nun im Golf von Neapel aufgetauchte riesige Kadaver eines Finnwalweibchens ist eine Erinnerung daran, welche marine Vielfalt sich in den Gewässern tummelt – und wie wenig Forscherinnen und Umweltschützer bis heute darüber wissen.

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Eine Herausforderung ist bereits die Frage, wie viele Finnwale es eigentlich in der Region gibt. Vom zweitgrößten Tier des Planeten leben mehrere Tausend Exemplare im Mittelmeer, doch die genaue Zahl kennen selbst Expertinnen und Experten nicht .

»Es ist nicht einfach, das abzuschätzen«, sagt Jahoda. Auf Basis von Überfliegungen des Gebiets gehe man aber von 3000 Finnwalen im westlichen Mittelmeer aus. Die Daten seien noch unveröffentlicht. Die Weltnaturschutzunion (IUCN), in deren Roter Liste der Finnwal als gefährdet eingestuft  wird, vermutet insgesamt 5000 Tiere im gesamten Mittelmeerraum.

Umweltschützerinnen und Umweltschützer gehen von 40 tödlichen Zusammenstößen pro Jahr aus

Die Finnwale können auf Nahrungssuche bis zu 15 Minuten unter Wasser bleiben und tauchen 200 Meter oder sogar noch tiefer ab. Jahoda berichtet sogar, in einem Fall habe man einen Tauchgang von nicht weniger als 470 Metern registriert. Nach genetischen Untersuchungen gehen Forscherinnen und Forscher davon aus, dass die Tiere im Mittelmeer eine eigene Subpopulation bilden. Wahrscheinlich mischen sie sich kaum mit ihren aus mehreren Gruppen bestehenden Verwandten, die im Rest der Weltmeere leben und auf Wanderungen dort Tausende Kilometer zurücklegen können.

Ein Finnwal auf einem Tauchgang vor der italienischen Küste, der bis zu 15 Minuten dauern kann

Ein Finnwal auf einem Tauchgang vor der italienischen Küste, der bis zu 15 Minuten dauern kann

Foto: Doug Perrine / Nature Picture Library /IMAGO

Auch die Finnwale im Mittelmeer wandern offenbar im Takt der Jahreszeiten , wenngleich auch darüber nicht sonderlich viel Konkretes bekannt ist. Im Winter, so scheint es , sind die Tiere auch gern vor der nordafrikanischen oder spanischen Küste unterwegs, im Sommer eher im Bereich des Schutzgebietes.

Neben den Finnwalen leben auch Pottwale, Grindwale und verschiedene Delfine dort. Gut geht es ihnen in der Mehrzahl wohl nicht. »Es gibt so viele Gefährdungen«, sagt Jahoda. Immer wieder gibt es Berichte über Wale, die bei Zusammenstößen mit Schiffen verletzt werden. Im Bereich des Schutzgebietes liegt zum Beispiel der extrem verkehrsreiche Hafen von Genua. Frachtschiffe, Fähren und Kreuzfahrtriesen können allesamt zur Gefahr für die Tiere werden. Die Umweltorganisation WWF geht von 40 tödlichen Zusammenstößen pro Jahr  aus.

So sorgte im vergangenen Sommer ein Finnwal ohne Schwanzfluken für Schlagzeilen, der innerhalb von acht Tagen immerhin 900 Kilometer zwischen Griechenland und Sizilien zurückgelegt hatte. Womöglich war das Tier nicht nur bei einer Schiffskollision, sondern auch durch Fischereigerät so schwer verletzt worden. Jahoda sagt, sie habe das Tier viele Male beobachtet. Vermutlich wurde es gleich zweimal verstümmelt. Das letzte Mal sei der Wal Anfang Juli vergangenen Jahres vor der französischen Küste bei Toulon gesichtet worden, stark abgemagert und geschwächt. »Wir alle glauben, dass er jetzt wohl tot ist.«

500 Schiffscontainer Plastikmüll pro Tag

Probleme bereitet den Tieren auch der Müll. Nach einem IUCN-Report  gelangen jedes Jahr 200.000 Tonnen Plastik in das Mittelmeer. Das sind 500 Schiffscontainer voll – pro Tag. Große Teile davon lagern sich, nachdem sie in Wind und Wellen zu immer kleineren Partikeln zerbrochen sind, in Form von Mikroplastik im Sediment ab. Für Finnwale, die pro Tag bis zu zwei Tonnen kleine Krebse und Fische fressen, ist das ein Problem.

Studien haben gezeigt, dass die Finnwale des Mittelmeers mit sogenannten Phthalaten kontaminiert sind . Diese Weichmacher, so vermuten Expertinnen und Experten, stammen aus dem Mikroplastik. Aus anderen Weltregionen gibt es auch Berichte, dass die Finnwale durch direktes Verschlucken  von Plastikmüll geschädigt werden.

Woran der im Golf von Sorrento gefundene Wal gestorben ist, wird eine Obduktion klären. Die italienische Küstenwache hat das Tier dazu in eine Werft in Neapel gebracht. Für die Untersuchungen verantwortlich ist das Cetacean strandings Emergency Response Team der Universität Padua. Ein paar Eckdaten haben die Experten bereits ermittelt: Fast 19,70 Meter lang und 70 Tonnen schwer ist der Kadaver. Es gibt kein Tier in der Region, bei dem bisher eine größere Länge gemessen wurde.

Verletzungen nach einer Schiffskollision scheint das Tier nicht aufzuweisen. Die Fachleute werden aber unter anderem danach fahnden, ob es mit Morbilliviren infiziert war, zu deren Gattung auch die Hundestaupe, die Masern und die Rinderpest gehören. Wenn die Untersuchungen abgeschlossen sind, soll das Skelett des Wals so hergerichtet werden, dass es in einem Museum ausgestellt werden kann. In Deutschland  sind Finnwalskelette übrigens in Bremerhaven, Frankfurt, Hamburg, Stralsund und – in Teilen – auf Sylt zu sehen, weil die Tiere gelegentlich auch Nord- und Ostsee besuchen.

Auf dem Mittelmeer will die »Pelagos« ab dem Juni wieder nach Walen suchen, sagt Maddalena Jahoda. Wenn das Coronavirus das erlaube. Sie selbst sehne sich jedenfalls schon wieder hinaus aufs Meer. »Es ist etwas ganz anderes, diese Tiere zu sehen, statt nur darüber zu lesen.«

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