Getarntes Beben Java-Tsunami kam ohne Warnung

Der Tsunami, der im Juli 2006 in Indonesien mehr als 600 Menschen getötet hat, war scheinbar aus dem Nichts gekommen. Forscher glauben jetzt, dass die Welle von einem "getarnten Erdbeben" ausgelöst wurde, das an Land kaum zu spüren war.

Spätestens nachdem ein Tsunami an Weihnachten 2004 mehr als 200.000 Menschen an den Küsten Asiens getötet hatte, war das richtige Verhalten bei einer solchen Naturkatastrophe nahezu Allgemeingut: Wenn die Erde bebt und am Strand das Wasser rapide zurückweicht, sollte man schnellstens das Weite suchen.

Trotz dieses Wissens, verbreitet in staatlichen Informationskampagnen und unzähligen Medienberichten, hat ein Tsunami in derselben Gegend nur eineinhalb Jahre später erneut 600 Menschen umgebracht. Weder Strandbesucher noch Rettungsschwimmer hatten vor dem Einschlag der Welle die Gefahr erkannt - obwohl das dazugehörige Erdbeben eine Stärke von 7,8 auf der Richterskala besaß und sein Epizentrum direkt vor der Küste lag.

Wissenschaftler glauben jetzt, den Grund dafür zu kennen: Am 17. Juli 2006 riss der Meeresboden nicht mit hoher Geschwindigkeit auf, wie an Weihnachten 2004, sondern vergleichsweise langsam. Deshalb sei das Beben an Land kaum zu spüren gewesen, schreiben Gerhard Fritz vom Georgia Institute of Technology und seine Kollegen im Fachblatt "Geophysical Research Letters". Sie reden von einem "getarnten Erdbeben".

Zudem habe sich das Wasser zum Zeitpunkt des Unglücks wegen der Ebbe zurückgezogen, und hohe vom Wind aufgepeitschte Wellen hätten den verräterischen Rückzugs des Meeres zusätzlich verschleiert. "Selbst Rettungsschwimmer haben die Vorzeichen des Tsunamis nicht erkannt", sagte Fritz. "Ironischerweise haben viele von ihnen überlebt, weil sie in Betongebäuden mehr als vier Meter über dem Boden saßen." Hilflos hätten die Strandwächter mit ansehen müssen, wie die fünf bis sieben Meter hohen Wellen die Menschen mit sich rissen.

Tragischer Irrtum der Behörden

Die Katastrophe galt auch als schwerer Rückschlag bei den Bemühungen um ein Tsunami-Warnsystem im Indischen Ozean. Die indonesischen Behörden hatten zwar Warnungen aus Japan und den USA bekommen, sie aber nicht weitergegeben. Vizepräsident Jusuf Kalla erklärte damals, eine Warnung der Bevölkerung wäre überflüssig gewesen, weil viele Menschen nach dem Beben ohnehin aus Angst ins Landesinnere geflüchtet seien. Es habe daher "eine Art natürliches Frühwarnsystem" gegeben.

Ein tragischer Irrtum, wie die neuen Forschungsergebnisse zeigen. "Natürlich nimmt man im Allgemeinen an, dass die Leute ein Erdbeben spüren und in höher gelegene Gebiete flüchten", sagte Fritz. Doch der Tsunami vom 17. Juli 2006 "hat gezeigt, dass es nicht immer so einfach ist".

Anzeichen für Erdrutsch unter Wasser

Die Wissenschaftler konnten die Höhe des Tsunamis auf fünf bis sieben Meter eingrenzen. Allerdings fanden sie an einer Stelle des 300 Kilometer langen Küstenabschnitts, den sie untersucht hatten, auch Hinweise auf eine Welle von monströsen 21 Metern Höhe. Fritz und seine Kollegen werten das als ein Zeichen dafür, dass ein unterseeischer Erdrutsch die Wirkung des Erdbebens verstärkt hat. "An einer Stelle der Küste war die Welle zu hoch für ein Erdbeben der Stärke 7,8." Die einzige denkbare Erklärung sei die Bewegung großer Massen unter der Meeresoberfläche, da die Küste gerade verlaufe und keine Voraussetzungen für das Fokussieren eines Tsunamis biete.

Nur Glück verhinderte, dass die Zahl der Toten am 17. Juli 2006 nicht noch viel höher ausfiel: Wäre die Welle nur wenige Stunden früher gekommen, hätte sie die Strände nicht an einem Montag, sondern an einem Sonntag getroffen, der noch dazu ein wichtiger Feiertag in Indonesien war.

mbe

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