Gipfel in Grönland Kalter Krieg um die Arktis beginnt

Einen "wilden Wettlauf zum Nordpol" will Dänemark verhindern - und hat deswegen große Arktis-Anrainerstaaten zu einem Gipfeltreffen eingeladen. Es geht um Öl und Gas, obwohl längst nicht klar ist, wie viel es davon im Hohen Norden eigentlich gibt.

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Vor dem Essen muss erst einmal gearbeitet werden. Die Diplomaten aus fünf Arktis-Anrainerstaaten treffen sich am Dienstagabend im Kongressbereich des Hotels "Arctic" im grönländischen Ilulissat zum Galadinner - und sie haben die ersten Gespräche hinter verschlossenen Türen schon hinter sich.

Es geht um nichts Geringeres als die Zukunft der Arktis. Spätestens seit Russland im vergangenen Sommer in einer spektakulären Aktion seine Flagge am Meeresboden unter dem Nordpol absetzte, ist klar: Wegen des Klimawandels ist die langsam tauende Gegend wirtschaftlich höchst attraktiv geworden. Vermutete Öl- und Gasvorkommen locken ebenso wie sich öffnende neue Schifffahrtrouten. Doch weite Teile der Arktis gehören bis heute zu keinem Staat, weil sie Teil der Hohen See sind.

Die Arktis-Anrainerstaaten versuchen das zu ändern, um sich ihr Stückchen vom arktischen Kuchen zu sichern. Dänemark hatte bereits im vergangenen Jahr zu dem Treffen auf Grönland eingeladen. Kanada, Norwegen, Russland und die USA sind der Einladung nach Ilulissat gefolgt, wo sich die dramatischen Folgen des Klimawandels exemplarisch beobachten lassen. Gleich nebenan liegt der Ilulissat-Eisfjord, in den der Gletscher Sermeq Kujalleq ständig große Mengen Eisberge ins Meer abgibt - und ständig schrumpft: In der Zeit von 2001 bis 2007 hat sich der Gletscher um zehn Kilometer zurückgezogen.

Die Vorbereitung des Arktis-Treffens lief nicht ohne diplomatische Verstimmungen ab. Schweden, Finnland und Island fühlten sich zurückgesetzt, weil sie von den Dänen gar nicht erst zu dem Mini-Gipfel eingeladen wurden. Und auch die Inuit sitzen nicht als Verhandlungspartner mit am Tisch, ihr Vertreter Aqqaluk Lynge darf den Ministern nur eine kurze Präsentation geben.

Und auch bei den Teilnehmern des Gesprächs ist nicht alles eitel Sonnenschein. Zwar kann Dänemarks Außenminister Per Stig Møller seine russischen und norwegischen Kollegen Sergej Lawrow und Jonas Gahr Støre begrüßen, doch die USA haben nur Vize-Außenamtschef John Negroponte geschickt. Für Kanada sitzt auch nicht Außenminister Maxime Bernier am Tisch, sondern Ressourcenminister Gary Lunn.

Diplomatische Durchbrüche - wie etwa bei der zwischen Kanada und Dänemark umstrittenen Hans-Insel sind also kaum zu erwarten, eine Komplettlösung für die gesamte Arktis schon gar nicht. "Hauptsache, wir verhindern einen wilden Wettlauf zum Nordpol", gab Møller vor dem Start der Gespräche die moderate Linie vor. "Wenn wir an die Bodenschätze dort unter dem Meeresgrund denken und an den derzeitigen Ölpreis, dann wissen wir, dass hier auch wirklich unglaublich viel Geld auf dem Spiel steht", so Møller weiter.

Die Frage ist jedoch: Wie groß sind die Öl- und Gasvorkommen der Arktis eigentlich? Präzise Angaben über die Ressourcen rund um den Nordpol existieren bislang nicht, es sind vielmehr Mutmaßungen und Schätzungen, auf die sich Politiker berufen. Der US Geological Survey hatte im Jahr 2000 die Zahl von 25 Prozent in die Welt gesetzt. Demnach soll ein Viertel aller unentdeckten Ölvorkommen der Erde unter dem arktischen Meeresboden schlummern.

Inzwischen haben die US-Geologen die Zahl präzisiert: Es sind 14 Prozent, die der Arktis zugerechnet werden. Neue, präzise Zahlen sollen noch in diesem Jahr vorgelegt werden. In den 25 Prozent waren laut USGS auch Schelfgebiete enthalten, die zwar im hohen Norden liegen, aber formal nicht zur Arktis gehören. Nimmt man die derzeitigen Ölressourcen von rund 80 Gigatonnen als Grundlage, dann würden 14 Prozent etwa 11 Gigatonnen entsprechen.

Die Edinburgher Ölberatungsfirma Wood Mackenzie hat die Vorkommen in der Arktis etwas konservativer geschätzt: auf 10 Gigatonnen Öl und 43 Gigatonnen Gas. Dabei wurden allerdings nur die Ränder des Ozeans berücksichtigt. Russland nannte im April 2007 die Zahl von 9 Gigatonnen für die eigenen Schelfregionen. Norwegen rechnet mit knapp 2 Gigatonnen in den eigenen Arktis-Gebieten.

Dass hoch im Norden lukrative Felder zu erwarten sind, bestreitet kaum ein Geologe. "Für eine Erdöl- und Erdgasgewinnung sind die geologischen und topografischen Voraussetzungen in der Arktis günstig", sagt Hilmar Rempel, Rohstoffexperte an der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe Hannover. Vielversprechend seien vor allem die Schelfmeere.

Technisch ist die Offshore-Förderung von Öl und Gas kaum noch ein Problem. Der rasant steigende Ölpreis macht das aufwendige Verfahren inzwischen auch wirtschaftlich immer interessanter. Nach Rempels Angaben wird derzeit bereits aus Tiefen bis 2700 Metern gefördert, bei Explorationsbohrungen habe man bereits 3000 Meter erreicht.

Wer darf die Ressourcen ausbeuten?

Doch selbst wenn die Förderung im hohen Norden geologisch sinnvoll und technisch möglich wäre, bleibt eine Frage: Wer darf eigentlich die Ressourcen ausbeuten, die bisher im Bereich der Hohen See liegen? "Ich bin ziemlich optimistisch, dass wir in Ilulissat eine gemeinsame Grundlage über die Verfahrensregeln bekommen werden", sagt Dänemarks Außenminister Møller. Doch die sind eigentlich schon klar: Russen, Kanadier, Dänen und Norweger wollen sich ihren Teil der Arktis bei einem speziellen Uno-Gremium sichern, der sogenannten Festlandsockelkommission.

Grundlage dafür ist die Uno-Seerechtskonvention aus dem Jahr 1982, die es Staaten ermöglicht, ihre unterseeischen Meeresgebiete auch über die 200-Seemeilen-Zone auszudehnen.

Die Kommission kann sich mit ihrem Votum allerdings Zeit lassen, schnelle Entscheidungen sind nicht zu erwarten. Die Russen wurden bereits wegen fehlender wissenschaftlicher Daten zum Nacharbeiten an ihrem Antrag verdonnert, andere Länder wie etwa Dänemark haben bis zum Jahr 2014 Zeit mit der Antragstellung. Die USA sind dem Seerechtsübereinkommen bis heute nicht beigetreten und können deswegen gar keine Anträge stellen. Auf mittlere Sicht dürfte allerdings auch Washington die Konvention unterschreiben, um bei Wettrennen um den Pol nicht vollends ins Hintertreffen zu geraten.

Immer wieder gibt es den Vorschlag, Gebietsansprüche, Ressourcenraubbau und Militärpräsenz in der Arktis durch einen internationalen Vertrag komplett zu verbieten. Für die Antarktis gibt es so ein Übereinkommen, das 1961 in Kraft trat - und das sensible Gebiet zumindest bis zum Jahr 2041 vor gierigen Zugriffen schützt. Doch für die Arktis wird es solch einen internationalen Schutz-Vertrag definitiv nicht geben. Die Arktis-Staaten haben kein Interesse an neuen völkerrechtlichen Verpflichtungen. Zuletzt wurde das klar, als sich Spitzendiplomaten aus Kanada, Dänemark, Norwegen und Russland im vergangenen Oktober in Oslo trafen.

Es sei "politisch eher unwahrscheinlich, dass es noch zu einem Vertragswerk für die Arktis nach dem Vorbild des Antarktis-Vertrages kommen wird", sagte auch der Völkerrechtler Rüdiger Wolfrum im März bei einem Seminar für deutsche Diplomaten in Berlin. Wolfrum steckt so tief in der Materie wie kaum ein anderer, schließlich ist er Präsident des Internationalen Seegerichtshofs in Hamburg. Der Grund für seinen Pessimismus: die Gebietsforderungen der Arktis-Anrainer bei der Uno.

Immerhin werden die Teilnehmer wohl eine gemeinsame Erklärung verabschieden, die bereits in ihren Grundzügen feststeht: Streitigkeiten sollen durch Verhandlungen gelöst werden, internationale Regeln eingehalten. Mit einem Moratorium zur Ressourcenausbeutung in der Arktis, wie es etwa der WWF fordert, habe sich Dänemark vorab nicht durchsetzen können, heißt es.

"Wir wollen ein politisches Signal", sagt Minister Møller trotzdem. Vielleicht kann das ja in besonders kleiner Runde gefunden werden. Für zwei Stunden fahren die Gipfelteilnehmer am Mittwochmittag per Boot zum kalbenden Gletscher in direkter Nachbarschaft ihres Konferenzorts. Jeder Minister darf nur eine Begleitung mitnehmen, der Rest der Delegationen muss auf ein Beiboot ausweichen.

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