Gletscher Alpen könnten im Jahr 2100 eisfrei sein

Die Gletscher in den Alpen schwinden dramatisch - wie schnell genau, haben jetzt Schweizer Forscher berechnet. Das Ergebnis: In 150 Jahren gingen 50 Prozent des Eises verloren. Bis 2100 könnte nur noch ein Fünftel übrig sein - oder gar nichts mehr.


Die Bilder rot gekleideter Arbeiter mit Klettergurten am Gurschengletscher gingen um die Welt. Vor Beginn des Sommers 2005 zurrten die Männer in über 2900 Metern Höhe 3000 Quadratmeter weiße Folie fest. Das Deckmaterial sollte wärmende Sonnenstrahlung reflektieren - und so ein weiteres Abschmelzen des Gletschers in den Schweizer Alpen verhindern. Der Grund: Jahr um Jahr war es für den Pistendienst schwerer geworden, die 20 Meter Höhenunterschied auszugleichen, die durch die Schmelze am Ausgang der Bergbahn-Gipfelstation entstanden waren. Die Skitouristen kamen kaum noch von der Gondel auf die Piste.

Auch an anderen Orten in der Schweiz wird mittlerweile Plastikfolie als Gletscherschutz erwogen - ein müßiges Unterfangen, glaubt man den Berechnungen Züricher Forscher. Sie haben den Rückgang der Alpengletscher in den vergangenen 150 Jahren vermessen und in die Zukunft projiziert. Ihre Szenarien für das Ende des Jahrhunderts klingen düster - und prophezeien Restgletscher von nur noch einem Fünftel der ursprünglichen Eisfläche oder gar gänzlich eisfreie Alpen.

Der Bildband "Gletscher im Treibhaus" von Sylvia Hamberger und Wolfgang Zängl hatte dies im Jahr 2004 eindrucksvoll gezeigt: Im Sommer 2003 hatten die Autoren Alpenansichten neu fotografiert und ihnen alte Postkarten gegenübergestellt. Die beeindruckende Vorher-Nachher-Bildreihe wurde unter anderem im deutschen Alpinen Museum in München ausgestellt und zeigte, wie die Gletscherzungen sich zurückziehen.

Der Glaziologe Michael Zemp vom Geografischen Institut der Universität Zürich legt nun Zahlen für dieses Phänomen vor: Die Gletscher der europäischen Alpen haben seit 1850 die Hälfte ihrer Fläche verloren. Ein genaues mathematisches Modell für die Schmelze in der Referenzperiode von 1971 bis 1990 stellen Zemp und seine Kollegen im Fachblatt "Geophysical Research Letters" vor.

Rund um den Globus berichten Wissenschaftler vom Schwund im Bergeis: Die Gletschergebiete in den Tropen südlich und nördlich des Äquators sind so warm wie seit 2000 Jahren nicht mehr, meldeten kürzlich Forscher aus den USA. Britische Kollegen prognostizierten jüngst, das Afrikas Gletscher binnen 20 Jahren verschwinden werden. Schon lange ist bekannt, dass die weiße Kappe des Kilimandscharo immer schneller schmilzt. Ähnliches berichten Wissenschaftler vom Himalaya, dem Dach der Welt: Auch Tibets Gletscher schmelzen rapide.

Jedes Grad müsste mit Schnee ausgeglichen werden

Zemp und seine Kollegen interessierte nun, wie sich ein Anstieg der Sommertemperaturen - also zwischen April und September - auf die weitere Schrumpfung der Eiskappen auswirken wird. Nicht nur für die Tourismusindustrie und Katastrophenschützer ist das eine Gretchenfrage. Auch für die Wasserversorgung in alpinen Regionen ist das Gletschereis wichtig.

Aus den Modellen der Zürcher Forscher geht hervor, dass ein Anstieg der Sommertemperatur um drei Grad die alpine Gletscherbedeckung bis zum Jahr 2100 um ungefähr 80 Prozent reduzieren würde. In diesem Fall entspräche die Gletscherausdehnung nur noch rund zehn Prozent des Wertes aus dem Jahr 1850. Im Falle eines Anstiegs der Sommertemperatur um fünf Grad würden die Alpen praktisch eisfrei werden.

Ein Anstieg der Sommertemperatur von einem bis fünf Grad und eine Niederschlagsänderung von minus 20 bis plus 30 Prozent für das Ende des 21. Jahrhunderts ist gemäß dem letzten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) ein realistisches Szenario. In seinem nächsten Bericht wird das IPCC aber wahrscheinlich noch größere Temperaturanstiege prognostiziert werden, wie aus einem Entwurf hervorgeht.

Zemp und seine Kollegen haben berechnet, dass für eine Zunahme der Sommertemperatur um ein Grad die jährliche Niederschlagsmenge um ein Viertel steigen müsste, um die Gletscherausdehnung konstant zu halten.

"Unsere Studie zeigt, dass unter solchen Szenarien die Mehrheit der Alpengletscher in den nächsten Jahrzehnten verschwinden könnte", sagte Zemp. Bei einem Anstieg der Sommertemperatur um mehr als drei Grad würden nur die größten Gletscher wie zum Beispiel der Grosse Aletschgletscher und jene in den höchsten Regionen der Alpen bis ins 22. Jahrhundert überdauern. "Gerade in den dicht besiedelten Gebirgsregionen wie den Europäischen Alpen müsste man sich deshalb Gedanken machen zu den Folgen eines extremen Gletscherschwundes auf den hydrologischen Kreislauf, auf die Wasserwirtschaft, den Tourismus und Naturgefahren", so Zemp.

stx



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