Erderwärmung Alpen könnten in 80 Jahren fast eisfrei sein

Die Erde wird wärmer, das könnte gravierende Folgen auch für die Alpen haben: Forscher aus der Schweiz prognostizieren eine massive Schmelze - schon in 30 Jahren könnten zwei Drittel der Gletscher verschwunden sein.

Gornergletscher in der Schweiz
M. Huss

Gornergletscher in der Schweiz


Es ist eine ernüchternde Erkenntnis: Bis 2050 wird die Hälfte der Gletscher in den Alpen geschmolzen sein - und zwar völlig unabhängig davon, ob es noch gelingt, die Treibhausgasemissionen zu reduzieren oder nicht.

Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie aus der Schweiz, die in der Fachzeitschrift "The Cryosphere" veröffentlicht wurde. Weil die Gletscherschmelze nur sehr langsam auf Klimaveränderungen reagiere, sei die Entwicklung in den kommenden Jahrzehnten nicht mehr aufzuhalten, so die Forscher.

Und auch für die Zeit ab 2050 sagen die Experten eine dramatische Entwicklung voraus. So könne es in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts zu einer nahezu kompletten Eisfreiheit in den Alpen kommen. Allerdings sei der Prozess in diesem Zeitfenster noch beeinflussbar. "Die zukünftige Entwicklung der Gletscher wird stark davon abhängen, wie sich das Klima entwickelt", sagt Studienleiter Harry Zekollari von der ETH Zürich. "Im Fall einer schwächeren Erwärmung könnte ein erheblich größerer Teil der Gletscher erhalten bleiben."

Das Forscherteam hat eine detaillierte Prognose für alle rund 4000 Gletscher in der Alpenregion erstellt. Die Studie bestätigt im Wesentlichen bisherige Annahmen zur Entwicklung der Gletscher. Neu ist jedoch, dass die Experten für ihre Berechnungen Computermodelle eingesetzt haben, die nicht nur Schmelzprozesse berücksichtigen, sondern auch die Bewegung des Eises. Als Ausgangswerte nutzen sie Daten aus dem Jahr 2017 - damals hatten die Gletscher in den Alpen ein Gesamtvolumen von rund hundert Kubikkilometern.

Im besten Fall verschwinden nur zwei Drittel der Gletschermasse

Um den Rückgang der Gletscher je nach Entwicklung der Treibhausgasemissionen vorhersagen zu können, bedienten sich die Forscher zweier Szenarien aus dem Bericht des Weltklimarats IPCC. Diese sogenannten RCP-Szenarien (Representative Concentration Pathways) stützen sich auf eine Vielzahl internationaler Studien und zeigen auf, wie sich das Klima abhängig von Treibhausgaskonzentration und Energiebilanz der Erde verändern könnte.

Im ersten berücksichtigten Szenario (RCP 2.6) steigt der Ausstoß von Treibhausgasen nur noch wenige Jahre an und sinkt danach deutlich ab. Die globale Erwärmung würde auf diese Weise bis zum Ende des Jahrhunderts auf unter zwei Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau gehalten. In diesem Szenario käme es zu einem Abschmelzen von gut zwei Dritteln des alpinen Gletschervolumens.

Das zweite untersuchte Szenario (RCP 8.5) geht von einem ungebremsten Anstieg der Treibhausgasemissionen und von einer deutlich stärkeren Erderwärmung aus. "In diesem pessimistischen Fall werden die Alpen im Jahr 2100 nahezu eisfrei sein. Nur vereinzelte Eisflächen in hohen Lagen würden bestehen bleiben und rund fünf Prozent des derzeitigen Eisvolumens entsprechen", sagt Matthias Huss aus dem Forscherteam. Dass es so kommt, ist nicht unwahrscheinlich, denn schon jetzt liegen die globalen Emissionen über den Werten dieses Szenarios.

Die Gletscherschmelze wird nach Einschätzung der Forscher starke Auswirkungen auf die Alpenregion haben. Gletscher sind nicht nur ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems, ihnen kommt auch eine hohe wirtschaftliche Bedeutung zu. Das Schmelzwasser wird für die Landwirtschaft und zur Energiegewinnung genutzt. Außerdem locken die riesigen Eisflächen im Gebirge Touristen an.

Auch für die weltweite Entwicklung von Gletschern ist die Diagnose deutlich: Laut einer am Montag in der Fachzeitschrift "Nature" veröffentlichten Studie verlieren die Gletscher im globalen Maßstab 335 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr. Diese Menge lasse den Meeresspiegel jährlich um einen Millimeter ansteigen, so die Forscher.

jki



insgesamt 97 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Theya 09.04.2019
1. Na, toll.
Das bedeutet dann ja noch mehr Langstreckenflüge, um in den Skiurlaub zu kommen!
vegefranz 09.04.2019
2. Klima verändert sich seit Milliarden Jahren
zum Glück war ich am Freitag auf einer Schüler Demo und glaube jetzt fest daran, dass die Autos und die Kohlekraftwerke daran schuld sind. Wenn man die schon vor 17 Millionen Jahren verboten hätte, wäre jetzt alles in Ordnung....
MatthiasPetersbach 09.04.2019
3.
Nennt sich Wandel. Aber ist das nicht auch ne Chance? Klar, Skifahren -bzw. der Umsatz dadurch - wird dann nicht mehr möglich sein. Eventuell aber mehr Landwirtschaft. Was wir wohl in der Zukunft eher brauchen.
SummseMann 09.04.2019
4. Normaler Vorgang
Ich hoffe niemand ist der Meinung das wäre kein natürlich Vorgang (Über die Geschwindigkeit in der das passiert sage ich jetzt mal nichts). Siehe https://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/antarktis-forscher-wollen-1-5-millionen-jahre-altes-eis-finden-a-1260741.html. Seit ungefähr 11.000 Jahren befindet sich die Erde in einer warmen Phase, einem sogenannten Interglazial. Bis vor etwa 900.000 bis 1.200.000 Jahren war die Sache so: Perioden mit sehr frostigem beziehungsweise sehr warmem Klima folgten in einem Abstand von 40.000 Jahren. Doch seit dieser Zeit - die Forscher sprechen vom Mittleren Pleistozän-Übergang - erfolgt der Wechsel zwischen den sogenannten Glazialen und Interglazialen nur noch etwa alle 100.000 Jahre.
ddcoe 09.04.2019
5. Prima - lasst uns Gas geben
Natürlich ist die Entwicklung dramatisch - aber ebenso natürlich werden wir weiterhin wenig bis gar nichts tun, um den Klimaschutz endlich ernst zu nehmen. Die Autos werden weiterhin größer, schwerer und stärker - der Scheuer wird schon abwiegeln.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2019
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.