Abschmelzende Gletscher Wie der Klimawandel Flüsse verschwinden lässt

Flüsse, die von Gletschern gespeist werden, könnten immer häufiger ihre Läufe verändern oder ganz verschwinden. Forscher sprechen von Flusspiraterie. Begünstigt wird sie durch den Klimawandel.
Alsek River in Alaska

Alsek River in Alaska

Foto: Glenn Oakley / Aurora Photos / imago images

Vor einigen Jahren entdeckten Forscher in Kanada ein erstaunliches Phänomen, das sie zunächst vor ein Rätsel stellte: Der Slims River im Yukon-Territorium war einst ein mächtiger Fluss von einigen Hundert Metern Breite. Sein Wasser strömte vom Kaskawulsh-Gletscher herunter, der Fluss mündete nach rund zwei Dutzend Kilometern in einen See. Von dort floss das Wasser über verschiedene Flüsse, darunter auch der Yukon, weiter bis ins Beringmeer.

Aber im Frühjahr 2016 änderte sich der Flusslauf des Slims Rivers plötzlich. Nachdem er Hunderte von Jahren das Wasser des Gletschers transportiert hatte, verschwand der Fluss praktisch innerhalb von nur vier Tagen. Als Wissenschaftler um den Geoforscher Dan Shugar den Fluss geologisch untersuchen wollten, war er praktisch nicht mehr vorhanden. Auch das Wasser des Kluane Sees war gesunken, Bootsanleger fielen trocken.

Es war der Klimawandel, der den Slims River auslöschte. Durch das beschleunigte Abschmelzen des Kaskawulsh-Gletschers im Westen Kanadas war im Eis ein Riss entstanden. Das Schmelzwasser nahm fortan seinen Weg nicht mehr über den Slims River, sondern suchte sich einen neuen. Und der führte wegen seines steilen Gefälles über den Kaskawulsh River. Dessen Pegel stieg in der Folge extrem ab. Das Phänomen, wenn einem Strom das Wasser abgegraben wird und es sich neue Wege sucht, nennen Forscher Flusspiraterie.

Der Fall des Slims Rivers ist der Erste, den die Wissenschaft fast live dokumentieren konnte. In Zukunft aber könnte Flusspiraterie im Zuge der globalen Gletscherschmelze häufiger auftreten. Und auch in Regionen der Erde eine Rolle spielen, in denen mehr Menschen leben als am abgelegenen Kluane See.

Rückgang des Grand-Plateau-Gletschers: Die Bilder zeigen den Alsek Lake mit dem Flusslauf und der Mündung. Doch mit dem Abschmelzen des Gletschers könnte die Mündung des Flusses weiter südlich liegen, wenn sich Lake Alsek mit dem Schmelzwasser südöstlich des Gletschers verbindet. Das Bild links stammt aus dem Jahr 1984, das rechte ist von 2019.
Rückgang des Grand-Plateau-Gletschers: Die Bilder zeigen den Alsek Lake mit dem Flusslauf und der Mündung. Doch mit dem Abschmelzen des Gletschers könnte die Mündung des Flusses weiter südlich liegen, wenn sich Lake Alsek mit dem Schmelzwasser südöstlich des Gletschers verbindet. Das Bild links stammt aus dem Jahr 1984, das rechte ist von 2019.

Rückgang des Grand-Plateau-Gletschers: Die Bilder zeigen den Alsek Lake mit dem Flusslauf und der Mündung. Doch mit dem Abschmelzen des Gletschers könnte die Mündung des Flusses weiter südlich liegen, wenn sich Lake Alsek mit dem Schmelzwasser südöstlich des Gletschers verbindet. Das Bild links stammt aus dem Jahr 1984, das rechte ist von 2019.

Foto: NASA Earth Observatory / NASA Earth Observatory

Jüngst untersuchten Forscher Gletscher im Glacier-Bay-Nationalpark in Alaska. Auch hier wird durch das Abschmelzen der Eismassen eine Veränderung eines noch viel größeren Flusses erwartet, schreibt das Team um Michael Loso vom National Park Service in einer Studie in der Fachzeitschrift »Geomorphology« . Demnach könnte durch den Rückgang des Grand-Plateau-Gletschers der Flusslauf des Alsek Rivers beeinflusst werden.

Der Fluss ist mehr als 250 Kilometer lang. Er entspringt in Kanada, fließt dann durch Alaska und mündet dort in den Golf von Alaska. Auf seinem letzten Abschnitt weitet sich der Fluss zu einem See, dem Alsek Lake. Anschließend fließt der Alsek River auf seinem letzten Stück in die Dry Bay, dieser Teil des Flusses zieht Rafting-Touristen an, die den Wildstrom befahren.

Doch das ändert sich womöglich in den kommenden drei Jahrzehnten, prognostizieren die Forscher. Das Mündungsgebiet könnte sich zugunsten eines steileren Ausflusses verändern, der rund 30 Kilometer südöstlich liegt. Der Grund liegt im starken Abschmelzen des fast 40 Kilometer langen Grand-Plateau-Gletschers. Er verliert jedes Jahr rund zehn Meter seiner Masse und einer seiner Arme strömt in den Alsek See. Langfristig dürfte sich der See durch den Rückgang des Eises mit einem Schmelzwassersee unmittelbar in Küstennähe verbinden. Der Kanal vom Alsek See zum Meer wird dann sehr wahrscheinlich nicht mehr den Abfluss des Sees darstellen.

Möglicherweise hat der veränderte Flusslauf auch ökologische Folgen für Flora und Fauna. Zunächst ändern sich die Fließgeschwindigkeiten und durch den neuen Flusslauf auch die Landschaft. Ob das auch Lachse und Forellen beeinträchtigen wird, die in dem Fluss leben, können die Wissenschaftler noch nicht sagen. Allerdings sehen sie darin grundsätzlich keine Probleme. Die lokalen Ökosysteme könnten sich anpassen.

Aber auch der Mensch ist betroffen, deshalb untersuchen die Forscher die Region schon jetzt, um die Folgen besser abschätzen zu können. Am Kluane Lake haben die Anwohner, meist indigene Gruppen, die Folgen des Slims-River-Ereignisses gespürt. Sie können aufgrund des niedrigen Wasserstandes ihre Jagdgebiete nicht mehr mit dem Boot erreichen. Auch der Fischfang ist beeinträchtigt.

Der Klimawandel wird nach Prognose der Forscher in anderen vergletscherten Gebirgsregionen für ähnliche Ereignisse sorgen. Viele werden wohl unentdeckt bleiben. Aber in besiedelten Regionen haben Flüsse und Seen meist auch eine wirtschaftliche Bedeutung – hier könnten sich die Folgen auch auf den Menschen auswirken. Deshalb sollte man besser schon jetzt damit anfangen, solche Ereignisse in den Blick zu nehmen.

joe