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07. Juli 2009, 11:55 Uhr

Gletscherforscher

"Grönlands Eisschild ist ein erwachender Riese"

Grönlands Gletscher schmelzen immer schneller. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der dänische Forscher Andreas Peter Ahlstrøm, was der Schwund für den Anstieg des Meeresspiegels bedeutet - und welche Lehren die Politik daraus ziehen muss.

SPIEGEL ONLINE: In den vergangenen Jahren ist der Sermeq Kujalleq-Gletscher, an dem wir gerade stehen, um 15 Kilometer geschrumpft. Das schmelzende Eis lässt den Meeresspiegel steigen. Wie sehr muss sich die Welt vor einem Kollaps der Eiskappe Grönlands fürchten?

Ahlstrøm: Der grönländische Eisschild ist, genau wie einige Regionen in der Antarktis, ein erwachender Riese. In den kommenden Jahrhunderten wird er für einen bedeutsamen Anstieg des weltweiten Meeresspiegels sorgen. Und der betrifft einen großen Anteil der Weltbevölkerung, denn es gibt Regionen, die bereits kleinste Veränderung des Meeresspiegels zu spüren bekommen. Die Menschen auf den Malediven, zum Beispiel, sind schon jetzt besorgt.

SPIEGEL ONLINE: In seinem letzten Bericht scheint der Uno-Weltklimarat (IPCC) die Entwicklung in Grönland unterschätzt zu haben. Wie dramatisch ist die Lage?

Ahlstrøm: Als im Jahr 2005 der letzte IPCC-Bericht fertig gestellt wurde, war es schlicht noch nicht möglich, die Entwicklung vorherzusehen. Wir hatten zwar schon die dramatischen Veränderungen bemerkt, aber wir mussten sie aus dem Bericht heraushalten. Wir wussten einfach nicht, wie wir den Eisschild modellieren sollten. Heute können wir das tun: Wir stellen gerade neue Schätzungen fertig, die einen Meeresspiegelanstieg von bis zu 35 Zentimetern in diesem Jahrhundert voraussehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie viel Eis verliert Grönland jedes Jahr?

Ahlstrøm: Unter Kollegen haben wir noch immer Schwierigkeiten, uns auf eine Schätzung zu einigen. Ein Durchschnittswert von verschiedenen Forschern läge derzeit wohl bei 130 Kubikkilometern pro Jahr. Einige Experimente wie zum Beispiel die "Grace"-Satellitenmission weisen auf noch höhere Verlustraten von bis zu 170 Kubikkilometern pro Jahr hin.

SPIEGEL ONLINE: Was macht es so schwierig, die Zahl genau zu bestimmen?

Ahlstrøm: Wir haben es schlicht und ergreifend mit einem riesigen Stück Eis zu tun, ungefähr 1,7 Millionen Quadratkilometer groß. Die schiere Größe der Eismasse macht es schwierig, die Veränderungen zu verfolgen. Wir haben noch immer zu wenige Beobachtungsdaten. Außerdem spielen viele verschiedene Prozesse eine Rolle, die teilweise schwer zu verfolgen sind: Es gibt den Niederschlag über diesem enorm großen Gebiet, zusätzlich die Auslassgletscher und die Eis-Ströme, die schwer zu berechnen sind; und nicht zuletzt muss man schätzen, wie stark die Eisdecke am Rand schmilzt.

"Es geht nur um die Frage, wie viel Eis wir verlieren"

SPIEGEL ONLINE: Messungen deuten darauf hin, dass in der Mitte der Eiskappe immer mehr Schnee fällt. Teilen wirklich alle ihrer Kollegen die Ansicht, dass Grönland an Masse verliert?

Ahlstrøm: In der Tat gibt es zusätzlichen Schnee in der Mitte der Eiskappe. Aber dadurch, dass das Eis immer schneller schmilzt und immer mehr Eisberge abbrechen, wird dieses Plus mehr als aufgefressen. Ich kenne keine Schätzungen, die von einer positiven Massebilanz der Eisdecke ausgehen. Es geht nur um die Frage, wie viel Eis wir verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Einige ihrer Kollegen argumentieren, dass Phasen von schnellerem Eisabfluss an den Gletschern nur kurze Episoden sind, die regelmäßig vorkommen.

Ahlstrøm: Wir haben sehr detaillierte Aufzeichnungen, die zeigen, dass sich der Gletscher Sermeq Kujalleq in den letzten 150 Jahren konstant zurückgezogen hat. Normalerweise passiert das langsam und schrittweise. Doch dazwischen gibt es plötzliche Geschwindigkeitssprünge. Die aktuelle, hohe Geschwindigkeit scheint allerdings dauerhaft zu sein. Ich glaube zwar nicht, dass sich der Gletscher noch schneller zurückziehen wird, aber es wird mit dieser Geschwindigkeit weitergehen. Die Erwärmung der Atmosphäre und der Ozeane macht es unmöglich, dass die Gletscher-Zungen wieder wachsen können. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass wir weiterhin große Mengen Eis verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Die Eisdecke Grönlands wird bei den Klima-Gesprächen in Kopenhagen im Dezember eine wichtige Rolle spielen. Welche Ergebnisse erwarten sie sich von diesem Gipfel?

Ahlstrøm: Ich bin Wissenschaftler, kein Politiker. Trotzdem ist es für mich als Wissenschaftler interessant zu sehen, dass die Politiker sich bemühen herauszufinden, was politisch machbar ist. Ihr derzeitiges Ziel können sie der Öffentlichkeit offensichtlich verkaufen: die Erderwärmung auf zwei Grad zu begrenzen. Aber ich muss betonen, dass zwei Grad das absolute Maximum sind. Das ist nichts, was man verhandeln könnte - 2,5 oder 2,7 Grad. Zwei Grad ist bereits das äußerste Maximum, denke ich.

Das Interview führte Christoph Seidler.

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