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25. März 2009, 14:28 Uhr

Gletscherschmelze

Italien und Schweiz ziehen Grenze neu

Der Klimawandel lässt selbst Staatsgrenzen nicht unberührt: Weil Gletscher und Schneeflächen in den Hochalpen verschwinden, müssen die Schweiz und Italien ihre gemeinsame Grenze neu festlegen. Zum Teil verschiebt sie sich um bis zu 100 Meter.

Bern - Rund 750 Kilometer ist die Grenze zwischen der Schweiz und Italien lang. Ein beträchtlicher Teil davon liegt im Hochgebirge. Und weil sich die Landschaft der Alpen unter dem Einfluss des Klimawandels rapide ändert, müssen nun beide Staaten ihre Grenze anpassen, die es seit 1861 in der heutigen Form gibt und die im Jahr 1942 zum ersten Mal formell mit Worten beschrieben wurde.

Schnee am Matterhorn: "Hier ist es ein bisschen mehr, dort etwas weniger"
DPA

Schnee am Matterhorn: "Hier ist es ein bisschen mehr, dort etwas weniger"

Grundlage für die Grenzziehung ist die sogenannte Wasserscheide. Das ist die Kammlinie, auf der ein zu Boden fallender Wassertropfen entweder in die eine oder in die andere Richtung - also entweder in die Schweiz oder nach Italien - fließen könnte. Weil Gletscher und Schneeflächen verschwinden und bisher dauerhaft gefrorener Boden im Zuge des Klimawandels auftaut, verändert sich das Gesicht der Hochalpen. In den vergangenen Jahren hat das Abschmelzen der Alpengletscher dramatisch an Geschwindigkeit zugelegt, vor allem das Jahr 2003 hatte fatale Folgen für die eisigen Massen.

Daniel Gutknecht vom schweizerischen Bundesamt für Landestopografie berichtet, dass zum Beispiel ein Gebiet am Matterhorngletscher am sogenannten Furgggrat von der Grenzverschiebung betroffen sei. Zum Teil sei eine Korrektur der Grenzlinie um bis zu 100 Meter nötig. Unter dem Strich kann allerdings keines der beiden Länder Geländegewinne verbuchen: "Hier ist es ein bisschen mehr, dort etwas weniger", sagt Gutknecht.

Für die Neudefinition der Grenze muss in Italien ein neues Gesetz verabschiedet werden, in der Schweiz ist das nicht nötig. Menschen leben in den betroffenen Hochgebirgsgegenden nicht, niemand muss also wegen des Klimawandels seinen Pass wechseln.

Die Neudefinition der Grenze ist trotzdem weit mehr als eine akademische Angelegenheit, wie ein Streit zwischen Österreich und Italien aus dem Jahr 1991 belegt. Damals hatten Wanderer die Gletscherleiche Ötzi gefunden - und lange war nicht klar, auf wessen Staatsgebiet diese lag. Auch in diesem Fall hatte sich die Wasserscheide verschoben. Der Streit ging übrigens zugunsten Italiens aus.

chs

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