Gletscherschmelze Tsunami-Gefahr in der Schweiz

Eine freischwingende Seilbrücke gibt am Triftgletscher in der Schweiz den Blick auf eine lauernde Katastrophe frei: Teile des Gletschers könnten in den darunterliegenden See stürzen - und eine gewaltige Flutwelle durch das darunterliegende Tal auslösen.

Von Joachim Hoelzgen


Triftgletscher, Brücke: Vier bis sechs Millionen Kubikmeter Wasser
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Triftgletscher, Brücke: Vier bis sechs Millionen Kubikmeter Wasser

Zwischen dem Sustenpass und Grimselpass im Berner Oberland besticht die Welt durch karge, abweisende Schönheit. Die Berge wirken hier wie der Anfang und das Ende der Landschaft in einem, und wie Schatten bewegen sich an den Hängen Steinböcke und Gämsen.

Nur im Holzbau der Windegghütte geht es hoch her. Wanderer und Bergsteiger sitzen Seite an Seite bei Lauchsuppe und Älplermakkaroni - und dazu Touristen, die in ihrem Leben noch nie etwas Steileres erklommen haben als einen Barhocker. Hüttenwirt Walter Lüthi staunt über den Boom. "Wir haben jetzt an einem Tag so viele Leute wie früher im ganzen Sommer", sagt er begeistert.

Der Bergführer hält die Unterkunft bis in den Oktober hinein offen. Denn es gibt ganz in der Nähe Dramatisches zu sehen - einen Gletscher, der den Halt verliert und daneben einen See, der die Eisdecke des Gletschers aufzehrt wie ein hochalpiner Zombie.

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Gletscherschmelze: Millionen Kubikmeter Eis

Diese Szenerie überspannt Europas höchstgelegene und längste Hängeseilbrücke. Die Touristen kommen, um auf ihr durch die Leere einer tiefen Schlucht zu schreiten.

"Der Eindruck ist super", meint zum Beispiel Elke Kühl aus Frankfurt an der Oder. "Die Brücke schwankt, wenn mehrere Menschen darüber gehen, aber man kann nicht in die Tiefe fallen."

Hängeseilbrücken sind sonst nur im fernen Nepal anzutreffen. Sherpas schleppen auf ihnen Lasten für westliche Trekker und Alpinisten zum Mount Everest. Hier aber bietet die Brücke, die bis zu sieben Meter durchhängt, noch mehr Nervenkitzel - und dazu ein Schauspiel der unheimlichen Unberechenbarkeit.

Denn live können die Besucher von dem schwankenden Steg ein Phänomen besichtigen, das mit der weltweiten Erwärmung des Klimas zu tun hat und das den Gletscher am nahen Horizont erbarmungslos zusammenzieht: den Triftgletscher.

Ein Kilometer kürzer innerhalb eines Jahres

Auf den ersten Blick erscheint der noch immer massig. Doch der Gletscher ist das am schnellsten abschmelzende Eisfeld in der Schweiz. Es erstreckt sich zwar nach Norden und ruht tagsüber meist im schützenden Schatten. Aber er reicht tief hinab, wo ihm an rekordheißen Sommertagen Temperaturen wie in Rio de Janeiro zusetzen. Seit dem Jahr 2000 hat er einen ganzen Kilometer an Länge verloren. Und dort, wo ursprünglich die große Gletscherzunge lag, hat sich ein türkisfarbiger See gebildet - der größte Gletschersee in den Alpen und der gefährlichste dazu.

Der Schweizer Gletscher-Experte Martin Funk geht davon aus, dass in dem See "vier bis sechs Millionen Kubikmeter Wasser" schwappen. Dadurch ist ein Teufelskreislauf entstanden, der das ganze Gerüst des Gletschers ins Wanken bringt. Das Wasser könnte den Rest der Gletscherzunge aufschwimmen lassen wie Eiswürfel in einem Whiskyglas. Die Eismassen würden bersten, ins Wasser des Sees krachen und dann eine Flutwelle hervorrufen - einen Tsunami mitten in der Schweiz.

Gletscher-Menetekel aus der Vergangenheit

Die Flutwelle würde Massen von Schlamm mit sich reißen und durch das bezaubernde Gadmertal bis zu dem Talort Innertkirchen gelangen, so lautet ein Szenario. Doch in Innertkirchen gibt man sich trotz der Gefahren des Gletschersees gelassen. Ehe die Flutwelle das Dorf erreiche, werde sie sich schon verlaufen, meint etwa Karl Häfele, der Arzt des malerischen Orts. Und auch beim lokalen Kraftwerk glaubt man, dass das Risiko beherrschbar ist.

Gletscherforscher an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich beobachten den Triftgletscher aufmerksam - zum Beispiel mit einer Webcam, die täglich Bilder übermittelt. Doch genau lässt sich das Schicksal des schrumpfenden Gletschers nicht vorhersagen. Andreas Bauder, der an der ETH das Gletschermessnetz verantwortet, weist aber auf ein Menetekel hin: Fast auf den Tag genau vor 40 Jahren war in der Nähe des berühmten Saas Fee die Zunge des Allalingletschers abgebrochen. Sie stürzte ins Tal und zermalmte die Baracken einer Staudammbaustelle. Bei der Katastrophe - einer der größten, die es im Alpenraum je gab - kamen 88 Arbeiter ums Leben.

Ingenieure mit Know-how aus Nepal

Am Triftgletscher fasziniert die Hängeseilbrücke Besucher mehr als das Katastrophenpotential. Dabei war es zum Bau des Touristenmagnets nur gekommen, weil der Gletschersee den Weg von der Windegghütte bergwärts abgeschnitten hat. Vor wenigen Jahren noch war das ganz anders: Die Zunge des Triftgletschers reichte damals noch bis zu einem Felsriegel heran, der das im Sonnenlicht friedlich aussehende Gewässer - noch - zurückhält.

Bergsteiger und Wanderer aber hätten Schlauchboote benötigt, um zur höher gelegenen Trifthütte zu kommen - einem stolzen Steinbau in 2520 Meter Höhe. "Man hätte die Hütte schließen müssen, da ein Umweg neun Stunden dauert und nur Halbverrückte den gemacht hätten", sagt Walter Brog, der Chef der Trifthütte.

Brog tat sich deshalb mit einem Ingenieurbüro zusammen, dessen Besitzer Hans Pfaffen jahrelang Hängeseilbrücken in Nepal studiert hatte. Pfaffen wiederum revolutionierte die Technik mit einem leichten Tragwerk, das aus Stahldrahtseilen besteht. Zwei Seile dienen oben als Handlauf; Gitter aus anderen Stahldrähten sorgen dafür, dass niemand vom Brettersteg aus Lärchenholz nach unten ins Verderben stürzen kann.

Der Blick auf den See und den Triftgletscher ist spektakulär. Er zeigt aber auch die Zivilisationsschäden des Gletschers auf, der nach dem schönen Spätsommer total abgemagert ist. Ein großer Einsturzkrater, der mit Schmelzwasser gefüllt war, hat sich mit dem Zungenrest verbunden und bildet nun ein dunkles, gefährlich dräuendes Gletschertor.

Und in den obersten Etagen des starren Stroms, genau an der Wasserscheide Europas, drohen so genannte Seracs: riesenhafte Eistürme und Eisbalkone, die jederzeit umkippen und in den See donnern können.

Das ist besonders gefährlich, denn schon eine Million Kubikmeter Eis würde genügen, um den See überlaufen zu lassen. Auch Gletscherforscher Bauder hält ein "schlagartiges Losbrechen größerer Eismassen" für möglich - und fast beiläufig erwähnt er: "Da ist noch mehr da oben - und zwar gleich mehrere Millionen Kubikmeter."

Am Triftgletscher drängt also die Zeit. Die Gletscherforscher der ETH schlagen deshalb vor, den See mit großen Baumaßnahmen zu sanieren. Am kostspieligsten wäre es, den See mit einem Tunnel anzubohren, um den Wasserspiegel abzusenken. Auch eine Schutzmauer aus Stahlbeton ist laut Bauder eine Lösungsmöglichkeit.

Und ebenso ein Frühwarnsystem, das bedrohte Häuser der Gemeinde Gadmen an der Straße zum Sustenpass vor dem Gletscher-Tsunami warnen könnte. Die Warnzeit würde 15 Minuten betragen.



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