Klimakassensturz China war 2020 für 31 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen verantwortlich

Der weltweite Treibhausgasausstoß ist in diesem Jahr wieder gestiegen. Der Bericht zum »Global Carbon Budget« zeigt aber auch: Noch kann die Welt das 1,5-Grad-Limit erreichen.
Stahlfabrik im chinesischen Hebei (Archivbild): Getrieben wurde der Anstieg fossiler Emissionen in diesem Jahr laut »Global Carbon Project«-Bericht vor allem durch die wachsende Nutzung von Kohle in China

Stahlfabrik im chinesischen Hebei (Archivbild): Getrieben wurde der Anstieg fossiler Emissionen in diesem Jahr laut »Global Carbon Project«-Bericht vor allem durch die wachsende Nutzung von Kohle in China


Foto: Kevin Frayer / Getty Images

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Die weltweiten CO₂-Emissionen liegen im Jahr 2021 voraussichtlich nur knapp unter dem bisherigen Höchststand des Jahres 2019. Das geht aus den neuesten Daten zum »Global Carbon Budget«  hervor. Der Bericht, den ein internationales Forschungsteam verfasst hat, wird am Donnerstag auf dem Uno-Klimagipfel in Glasgow  vorgestellt. Die Angaben zum aktuellen Jahr sind als vorläufige Schätzungen zu verstehen, auf der Grundlage der im Oktober verfügbaren Daten. Sie erlauben eine grobe Abschätzung, wie viel Klimagase die Menschheit noch in die Atmosphäre entlassen darf, bevor die Ziele aus dem Abkommen von Paris gerissen werden.

Alle Artikel zum Uno-Klimagipfel

Anfang November trifft sich die Staatengemeinschaft im schottischen Glasgow zur 26. Uno-Klimakonferenz, der COP26. Auf dem zweiwöchigen Treffen geht es darum, die Ziele der Länder zu erhöhen und gemeinsame Regeln für den Kampf gegen die Klimakrise zu definieren. Lesen Sie hier alle Artikel zum Gipfel.

Im Vergleich zum Jahr 2020 werden die Kohlenstoffdioxidemissionen 2021 bis zum Jahresende um 4,9 Prozent steigen, auf 36,4 Milliarden Tonnen CO₂. Im vergangenen Jahr waren die Emissionen gegenüber 2019 um 5,4 Prozent gesunken.

Zwar ließen sich die Auswirkungen der Coronapandemie auf den CO₂-Haushalt noch nicht in Gänze überblicken, doch schon jetzt werde deutlich: Der Rückgang des Treibhausgasausstoßes im vergangenen Jahr war ein kurzzeitiger Effekt der Einschnitte und Beschränkungen der Coronakrise.

Erholung von der Pandemie treibt den CO₂-Ausstoß in die Höhe

Der Leiter der Studie, Pierre Friedlingstein vom Global Systems Institute in Exeter, sagte: »Der rasche Wiederanstieg der Emissionen im Zuge der Erholung der Volkswirtschaften von der Pandemie unterstreicht die Notwendigkeit sofortiger globaler Maßnahmen gegen den Klimawandel

Die an der Erhebung beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler warnen: Wenn die Emissionen aus Straßen- und Luftverkehr im kommenden Jahr auf das Niveau vor der Pandemie zurückkehrten und der Kohleverbrauch stabil bleibe, könnten noch höhere Emissionen im Jahr 2022 nicht ausgeschlossen werden.

»Erneuerbare Energien sind die einzige Energiequelle, die während der Pandemie weiter gewachsen ist«

Corinne Le Quéré

Doch zumindest manche Ergebnisse des Berichtes geben Anlass zu verhaltenem Optimismus. Die Klimawissenschaftlerin Corinne Le Quéré von der University of East Anglia im britischen Norwich sagte: »Seit der Verabschiedung des Pariser Abkommens im Jahr 2015 wurden große Fortschritte bei der Dekarbonisierung der globalen Energieversorgung erzielt, und erneuerbare Energien sind die einzige Energiequelle, die während der Pandemie weiter gewachsen ist. Neue Investitionen und eine starke Klimapolitik müssen nun die grüne Wirtschaft viel systematischer unterstützen und fossile Brennstoffe aus der Gleichung verdrängen.«

In einigen Ländern sinken die Emissionen

Die Entwicklung des Treibhausgasausstoßes lässt sich aufschlüsseln nach dem Beitrag der wichtigsten Emittenten. Die folgenden Zahlen beinhalten die Emissionen aus der Nutzung von Kohle, Erdöl, Gas und Zement für eine ausgewählte Gruppe. Verkehr und Luftfahrt sind nicht enthalten.

  • China ist im vergangenen Jahr für 31 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich gewesen. Die Emissionen steigen den Prognosen zufolge bis zum Jahresende um vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Coronapandemie hatte in China keinen Rückgang des CO2-Ausstoßes zur Folge. Der aktuelle Wert liegt 5,5 Prozent über dem von 2019 – bei insgesamt 11,1 Milliarden Tonnen CO₂.

  • Der zweitgrößte Beitrag aus einem Land kommt aus den USA: Verglichen mit 2020 steigen die Emissionen um 7,6 Prozent und liegen damit 3,7 Prozent unter dem Niveau von 2019. Insgesamt wurden 5,1 Milliarden Tonnen CO₂ in den Vereinigten Staaten verursacht – 14 Prozent der weltweiten Emissionen.

  • Die 27 Staaten der EU werden 2021 voraussichtlich 2,8 Milliarden Tonnen CO₂ ausgestoßen haben, was sieben Prozent der globalen Emissionen entspricht. Verglichen mit dem Jahr 2020 steigen die Treibhausgasausstöße um 7,6 Prozent, im Vergleich mit dem Jahr 2019 liegt der diesjährige Wert 4,2 Prozent niedriger.

  • Ähnlich hoch ist der Kohlenstoffdioxidbeitrag aus Indien: Dort werden die Emissionen den Projektionen zufolge gegenüber 2020 um 12,6 Prozent steigen und damit 4,4 Prozent über dem Wert von 2019 liegen. Insgesamt trägt Indien 2,7 Milliarden Tonnen CO₂ zur Menge der weltweiten Emissionen bei – ebenfalls rund sieben Prozent.

Im Tagebau Nochten in der Oberlausitz werden jährlich Millionen Tonnen Braunkohle gefördert

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Foto: Frank Hoensch / Getty Images

Diese Angaben beziehen sich auf den Gesamtbeitrag eines Landes. Auf die Zahl der Einwohnerinnen und Einwohner verrechnet, sieht das Bild anders aus:

Die prognostizierten Pro-Kopf-Emissionen im Bereich der fossilen Energien für das Jahr 2021 sind unter den genannten Ländern in den USA am höchsten – im Schnitt verursacht jeder Mensch in den USA Emissionen von mehr als vier Tonnen Kohlenstoff pro Jahr. Die Pro-Kopf-Emissionen der Chinesinnen und Chinesen liegen jährlich bei knapp über zwei Tonnen – allerdings mit seit Jahren steigender Tendenz. In den EU-Staaten liegt dieser Wert bei etwas weniger als zwei Tonnen Kohlenstoff pro Jahr, im weltweiten Schnitt errechnet sich ein Wert von etwa einer Tonne. In Indien verursachte im Jahr 2021 jeder Einwohner und jede Einwohnerin durchschnittlich rund eine halbe Tonne Kohlenstoff.

Die Kohlenutzung nimmt zu

Die Entwicklung der Nutzung fossiler Energieträger wird im Bericht zum »Global Carbon Budget« folgendermaßen aufgeschlüsselt:

Der Ausstoß aus der Kohlenutzung wird im Jahr 2021 voraussichtlich über den Werten von 2019 liegen, allerdings unter ihrem Höchststand von 2014. Auch die Emissionen aus der Nutzung von Erdgas werden voraussichtlich 2021 über das Niveau von 2019 ansteigen. Damit setze sich ein Jahrzehnte anhaltender Trend fort, nach dem der Gasverbrauch steigt. Nur die CO₂-Emissionen aus der Nutzung von Erdöl erreichen 2021 nicht das Niveau des Jahres 2019.

Die Verbrennung fossiler Energieträger ist nicht der einzige Faktor, der die Menge der CO₂-Emissionen bedingt. Für einen – kleineren – Beitrag ist die Veränderung der Landnutzung verantwortlich. Damit ist etwa das Abholzen eines Waldes gemeint oder wenn ein Moor trockengelegt wird, um auf der Fläche Ackerbau zu betreiben.

Hat die Weltgemeinschaft noch eine Chance?

Was bedeuten die Ergebnisse des Berichtes zum CO₂-Budget? Sie zeigen: Unmöglich ist es nicht, dass die Weltgemeinschaft das Ziel erreichen kann, den globalen Temperaturanstieg auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen. Aber: Es wird eng. Und an drastischen Einschnitten führt kein Weg vorbei.

Um als Menschheit eine 50-prozentige Chance zu haben, das 1,5-Grad-Ziel  zu erreichen, dürften noch 420 Milliarden Tonnen – oder 420 Gigatonnen – CO₂ ausgestoßen werden. Das entspricht elfmal dem prognostizierten Emissionswert dieses Jahres.

Für eine ebenso wahrscheinliche Chance, die Erderwärmung auf 1,7 Grad zu begrenzen, bleibt ein »Rest-Budget« an CO₂ von 770 Milliarden Tonnen – 20-mal die Menge des Jahres 2021.

Um den Temperaturanstieg mit einer 50/50-Chance bei zwei Grad Celsius zu stoppen, dürften nicht mehr als 1.270 Milliarden Tonnen emittiert werden. Das entspricht 32 Jahren mit dem Gesamtausstoß von 2021.

Wie sollen elf Jahre für das 1,5-Grad-Ziel reichen?

Dass die weltweiten CO₂-Emissionen in elf Jahren mit einem Schlag auf null abfallen, ist nicht realistisch. Aber mit jeder Reduktion erkauft sich die Weltgemeinschaft Zeit – wenn weniger vom Rest verbraucht wird, hält der Rest noch länger an.

Der Studienautor Friedlingstein, der als Professor für mathematische Modellierung des Klimasystems arbeitet, rechnet vor, wie es gehen kann: »Das Erreichen von Netto-Null-CO₂-Emissionen bis 2050 bedeutet, dass die globalen CO₂-Emissionen um durchschnittlich 1,4 Milliarden Tonnen pro Jahr gesenkt werden müssen«. Das erste Jahr der Coronapandemie hat gezeigt: Genau das ist möglich. Der Wissenschaftler erklärt: »Im Jahr 2020 sind die Emissionen um 1,9 Milliarden Tonnen gesunken – um also bis 2050 eine Netto-Null-Emission zu erreichen, müssen wir die Emissionen jedes Jahr um einen Betrag senken, der mit dem während Covid vergleichbar ist.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes waren die Pro-Kopf-Emissionen in Tonnen CO₂ angegeben, die Zahlen beziehen sich jedoch auf Tonnen Kohlenstoff (C).

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