Globale Bilanz Forscher streiten über Kraft natürlicher CO2-Speicher

Rund die Hälfte des vom Menschen produzierten Kohlendioxids lässt die Natur mit überraschend effizienten Mechanismen verschwinden. Doch wie lange geht diese Rechnung auf? Neue Daten lassen Forscher darüber debattieren.

Kohlekraftwerk (bei Frankfurt, 2007): Fossile Brennstoffe sorgen für Emissionswachstum
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Kohlekraftwerk (bei Frankfurt, 2007): Fossile Brennstoffe sorgen für Emissionswachstum

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Wie gut ist die Natur darin, die Klimasünden der Menschheit auszugleichen? Über diese Frage diskutieren Klimawissenschaftler derzeit. Grund sind zwei Fachveröffentlichungen, die in schneller Folge erschienen sind. Eine dritte steht bald ins Haus.

Der aus Deutschland stammende Wissenschaftler Wolfgang Knorr von der University of Bristol hatte in der vergangenen Woche eine vergleichsweise optimistische Forschungsarbeit veröffentlicht. Demnach bleibt der Anteil vom Menschen verursachter CO2-Emissionen, der in die Atmosphäre gelangt, mehr oder weniger konstant. Seit nunmehr 150 Jahren liegt er laut Knorrs Berechnungen bei rund 40 Prozent - und das, obwohl der absolute CO2-Ausstoß in dieser Zeit dramatisch gestiegen ist.

Nun gibt es aber einen gewichtigen Gegenstandpunkt: Ein internationales Forscherteam des "Global Carbon Project" berichtet im Fachmagazin "Nature Geoscience", dass der Anteil der CO2-Emissionen, der in der Erdatmosphäre verbleibt, offenbar doch langsam wächst. Von 40 auf 45 Prozent sei diese sogenannte Airborne Fraction (AF) in den vergangenen 50 Jahren angestiegen, schreiben Wissenschaftler um Corinne Le Quéré von der University of East Anglia im britischen Norwich. Das könne darauf hindeuten, dass die Kraft der natürlichen Kohlenstoffsenken an Land und in den Ozeanen - anders als von Knorr nahegelegt - doch langsam schwindet. Ein solcher Effekt wäre fatal. Der Klimawandel würde dann mit noch stärkerer Wucht zuschlagen.

Die Menschheit bläst momentan so viel Kohlendioxid in die Luft wie noch nie zuvor - aller politischen Rhetorik zur Bedeutung des globalen Klimaschutzes zum Trotz. Die scheinbar einfache Frage ist, ob die natürlichen Mechanismen zum Verwahren von Kohlendioxid da mithalten können. Klar ist: Absolut gesehen wächst jedes Jahr nicht nur die Menge von Kohlendioxid in der Erdatmosphäre, sondern auch die Kapazität der weltweiten Senken. Doch ob das ausreicht, um die Emissionen der Menschheit weiter zu einem etwa gleichen Prozentsatz abzufangen, darum dreht sich der Streit.

Massiver Anstieg der Emissionen beobachtet

Allein zwischen 2000 und 2008 sei der weltweite CO2-Ausstoß um 29 Prozent gestiegen, berichten Le Quéré und ihre Kollegen, obwohl sich im letzten Betrachtungsjahr die Wirtschaftskrise schon klar bemerkbar gemacht habe. Wenn man den Ausstoß mit dem von 1990, dem Basisjahr des Kyoto-Abkommens vergleicht, dann schlägt sogar ein Plus von 41 Prozent zu Buche. Mittlerweile würden die Entwicklungsländer zusammengenommen sogar mehr Treibhausgase ausstoßen als die Industriestaaten.

Es ist vor allem die Nutzung fossiler Brennstoffe, allen voran Kohle, die für das massive Wachstum der Emissionen sorgt, berichten die Forscher. Der Treibhausgasausstoß aus der Abholzung von Wäldern sei annähernd gleich geblieben. Im Gegensatz dazu stiegen die Belastungen aus der Verbrennung fossiler Energieträger im Schnitt pro Jahr um 3,4 Prozent. Vor allem Schwellenländer wie Indien und China seien dafür verantwortlich.

Umso wichtiger ist es, dass die natürlichen Kohlenstoffsenken ihren Dienst wie gewohnt gut verrichten: Es sind zum Beispiel alte Wälder, die CO2 effektiv und langanhaltend binden. Auch die Wassermassen der Tiefsee oder die Sedimente am Ozeanboden übernehmen den Job.

Doch die Wissenschaftler des "Global Carbon Project" glauben, dass bei diesem Mechanismus Probleme drohen könnten - weil die Menschheit schlicht zu viele Treibhausgase ausstößt: "Der beobachtete Aufwärtstrend bei der Airborne Fraction legt nahe, dass die CO2-Senken nicht mit dem Wachstum der Emissionen mithalten können", sagt Corinne le Quéré im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unsere Modelle lassen uns annehmen, dass die Senken auf Klimawandel und -variabilität reagieren, die ihre Effizienz bei der CO2-Aufnahme reduzieren." Zumindest für den Südlichen Ozean und den Nordatlantik ließe sich das auch mit Messungen belegen.

Vor allem Effekte der Abholzung schwer zu berechnen

Und noch weitere problematische Indizien gibt es: So scheint der Regenwald des Amazonas zumindest in trockenen Jahren von einer Treibhaussenke zur Treibhausquelle zu werden. Die Bäume wachsen dann langsamer, und es sterben deutlich mehr ab als im langjährigen Durchschnitt - mit fatalen Folgen für die Kohlenstoffbilanz. Doch das ist nicht das einzige Problem. Bereits vor einiger Zeit hatte der europäische Forschungsverband CarboEurope angedeutet, dass sich auch die Wälder und Felder unseres Kontinents zu einer CO2-Quelle entwickeln. Schuld daran sei die Landwirtschaft. In der kommenden Woche werden die Wissenschaftler unter Leitung von Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in einem Fachjournal neue Ergebnisse zu diesem Thema veröffentlichen. Es steht nicht zu erwarten, dass diese besonders optimistisch ausfallen werden.

Die Debatte dürfte also mit neuer Vehemenz weitergehen. Doch warum ist es eigentlich so schwer, sichere Aussagen zu den CO2-Senken zu treffen? Probleme macht den Forschern vor allem die nur sehr ungenau zu bestimmende CO2-Bilanz der globalen Abholzung. Auch die Auswirkungen der natürlichen Klimavariabilität, etwa durch Vulkanausbrüche oder das Phänomen El Nino wirken sich je nach Modell unterschiedlich aus. Außerdem entscheidet das bei der jeweiligen Untersuchung verwendete statistische Verfahren über das Ergebnis - und etwa die Frage, ob Messdaten pro Jahr oder pro Monat gemittelt werden.

"Unsere scheinbar widersprüchlichen Ergebnisse zeigen, was es bedeutet, echte Wissenschaft zu betreiben - und wie schwer es ist, Daten richtig auszuwerten", sagt Forscher Knorr. Das letzte Wort in dem Forscherstreit ist also noch längst nicht gesprochen.

insgesamt 4342 Beiträge
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yubi 28.10.2009
1. Was bringt der Klimagipfel?
Er bringt viel inhaltsloses Geschwätz, vollmundige (und windelweiche) Absichtserklärungen, Forderungen an "die Anderen", endlich auch etwas zu tun (bevor man selber was tut), .... Gut, daß die mal wieder drüber gesprochen haben ..... Ausser Spesen wieder nichts gewesen, und .... dann bis zum nächsten mal.
Maschinchen, 28.10.2009
2.
Bleiben seitens der EU finanzielle Zusagen für Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern weiterhin aus, wird es schwer, diese mit ins Boot zu holen. Meiner Ansicht nach ist es ohnehin utopisch, das Zwei-Grad-Ziel noch zu erreichen. Klimaschützer werden sich zunehmend mit dem ungeliebten Wort adaptation anfreunden müssen.
Edgar, 28.10.2009
3.
Wird wohl auf die übliche Verzögerunstaktik hinaus laufen, Aussitzen, bis die Klimahysterie vorbei ist, bis da hin Valium verteilen. Gut so! Wird nämlich trotzdem noch viel zu viel Geld sinnlos verbrannt. Deutschland wird wohl leider wieder als letzter Staat merken, dass die Party vorbei ist, und brav 'Vorbild' spielen.
Internetnutzer 28.10.2009
4. Atomkraft
Alle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Maschinchen, 28.10.2009
5.
Zitat von InternetnutzerAlle reisen mit dem Flugzeug an, residieren in klimatisierten Hotels, lssen sich in großen Limousinen zum Tagungsgebaude chaufiieren und reden über CO2 Reuzierung. Bis an die Unterlippe verschuldet wollen sie dann finanzielle Zusagen an Drittländer geben? Und an den ganzen Klimaquatsch glauben die meisten sowieso nicht, es ist aber so spekulativ die Welt zu retten, da muß man doch bei sein. Ein Riesenhumbug, wie im alten Rom: Brot und Spiele. Danach: Außer Spesen nichts gewesen. Ich hatte das schon mal gesagt: Wenn die Malediven wirklich etwas für den Klimaschutz tun wollen, dann sollen sie ihren Flughafen dicht machen, das wäre ein echtes Zeichen, daß sie verstanden haben.
Nun, was schlagen Sie vor? Anreise im Schlauchboot, Übernachtung auf dem Campingplatz?
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