Globale Erwärmung Sintflut-Prognose bringt Forscher ins Schwimmen

Zentimeter, einige Handbreit, mehrere Meter - kaum eine Vorhersage über die Zukunft des Planeten ist umstrittener als jene, wie stark die Weltmeere anschwellen werden. Experten prognostizieren Dramatisches, teilweise Bizarres. Dabei versteht niemand den Unsicherheitsfaktor Grönland.

Schweigsamkeit unter Forschern als stumme Kunde kommender Höchstpegel? Kein Laie wäre wohl auf die Idee gekommen, dass Meeresspiegel-Experten dergleichen ins Haus steht. "Jetzt habe ich wirklich alles gesehen", gibt sich auch der Klimaforscher Roger Pielke Junior von der University of Colorado überrascht belustigt.

Sein Kollege James Hansen vom Goddard Institute der Nasa warnt vor einem rasanten Anstieg der Weltmeere - nicht aufgrund von Berechnungen, sondern anhand einer soziologischen Theorie: Der US-Soziologe Bernard Barber nämlich hatte spekuliert, dass sich in Experten-Gemeinden im Vorfeld sensationeller Erkenntnisse stets eine deutliche Stille breit macht.

Immerhin im gut beleumundeten Fachblatt "Environmental Research Letters" hat Hansen, selbst einer der bekanntesten Klimaforscher, dazu einen kuriosen Artikel eingereicht. "Schweigsamkeit" will er bei seinen Kollegen ausgemacht haben – und deutet sie als schlechtes Omen: Die Bedrohung eines rapiden Meeresspiegelanstiegs werde nicht genügend besprochen.

Für diese eher ungewöhnliche Argumentation erntet er nicht nur den Spott seines Kollegen Pielke: "Wenn wir mit Hilfe der Soziologie vorhersagen könnten, wohin die Naturwissenschaft steuert, könnten wir die Forschung bleiben lassen und viel Geld sparen."

Sechs, sieben, zehn Meter - wer bietet mehr?

Die Episode bildet den Höhepunkt einer seit Wochen andauernden Kontroverse. Forscher streiten darüber, wie schnell die Weltmeere in den kommenden Jahrzehnten anschwellen werden. Dabei offenbaren ihre Studien vor allem, dass sich der Anstieg der Ozeane derzeit kaum berechnen lässt. Dennoch beschwören mehrere neue Arbeiten die Katastrophe:

  • Wie sich ein Sechs-Meter-Anstieg der Weltmeere auswirken würde, rechnete eine Gruppe um Rex Rowley von der University of Kansas im Fachmagazin "Eos" vor. Nach heutigem Siedlungsmuster wären demnach eine halbe Milliarde Einwohner in sieben Weltregionen bedroht.
  • Sieben Meter Plus prophezeite Garry Clarke von der University of British Columbia Anfang Mai den Küstenbewohnern der Erde. Er hatte die Veränderungen am grönländischen Eisschild untersucht, dessen Totalverlust er fürchtet.
  • Regionen, die weniger als zehn Meter über dem Meer lägen, würden noch dieses Jahrhundert von anschwellenden Meeren bedroht, warnten Forscher um Bridget Anderson von der Columbia University Ende März im Fachblatt "Environment and Urbanisation", ein Zehntel der Weltbevölkerung sei betroffen.

Einzelne Arbeiten wie diese sind höchst fragwürdig: Heute weiß niemand, wie viele Menschen in 100 Jahren an den Küsten leben - und wie sie sich mit Deichen schützen werden. Geschweige denn in 500 Jahren, dem Zeitraum für Rowleys Sechs-Meter-Szenario.

"Große Teile der Welt unbewohnbar"?

Doch die feuchten Szenarien schrecken die Politiker auf. Als Mitte April der Klimawandel erstmals zum Thema im Uno-Sicherheitsrat wurde, warnte das Gremium immerhin vor einem zwei Meter starken Anstieg der Meere noch in diesem Jahrhundert, der "große Teile der Welt unbewohnbar machen" könnte.

Dieser Alarm verwundert, hatte doch erst Anfang Februar das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) erklärt, die Meere könnten in Folge der Erwärmung um höchstens 59 Zentimeter bis zum Jahr 2100 anschwellen.

Die Warner schimpfen über angebliche Abschwächungen im IPCC-Report. Doch genauere Prognosen können sie auch nicht liefern. Grönland, so zeigt sich, ist der große Joker im Meeresspiegel-Puzzle.

Ausgerechnet am Tag der Veröffentlichung der IPCC-Ergebnisse am 1. Februar erschien aber auch eine anderslautende Studie im renommierten Wissenschaftsmagazin "Science" - an Zufall wollte in der Community kaum jemand glauben. Eine Gruppe um Nasa-Forscher Hansen stellte darin - diesmal ohne Soziologie, dafür mit Messwerten - dar, dass die Ozeane seit 1993 schneller anschwellen als vorhergesagt. Der Weltklimarat unterschätze womöglich den Anstieg, folgern die Forscher. Kurz zuvor schon hatte eine "Science"-Studie immerhin bis zu 1,40 Meter Plus bis Ende des Jahrhunderts in Aussicht gestellt.

Der Wissenschaftsanalytiker David Wasdell warf dem IPCC in der Zeitschrift "New Scientist" vor, die Pegelvorhersage deutlich abgeschwächt zu haben. Die 21 Hauptautoren der betreffenden Arbeitsgruppe widersprachen vehement. Ebenfalls im "New Scientist" schrieben sie Ende März, es sei "voreilig", ein beschleunigtes Anschwellen der Ozeane zu konstatieren.

Vulkane, Gletscher, Schneefall

Ursache des Konflikts ist die dünne Datenlage. Satellitenmessungen des Meeresspiegelanstiegs gibt es erst seit 1993. Seither ermittelten die Forscher 3,2 Millimeter Anstieg pro Jahr; mit Pegelmessern hatten sie zuvor 1,8 Millimeter pro Jahr festgestellt. Behielten die Ozeane ihr derzeitiges Anstiegstempo bei, lägen sie Ende des Jahrhunderts etwa 30 Zentimeter höher. Viel mehr weiß man nicht. Doch einige Klimaforscher wie James Hansen meinen eben, der Meeresspiegelanstieg könnte sich weiter beschleunigen.

Andere verweisen auf natürliche Schwankungen. So war der Vulkanausbruch des Pinatubo auf den Philippinen 1991 für die Hälfte des stärkeren Anstiegs in den vergangenen Jahren verantwortlich, haben Wissenschaftler um den Australier John Church herausgefunden. Die Eruptionspartikel hätten die Erde gleich einem Sonnenschirm gekühlt – und den Meeresspiegelanstieg gebremst. Seit 1993 schwellten die Ozeane daher entsprechend wieder schneller an.

Der Anstieg könnte sich aber auch wieder verlangsamen, sagte Peter Lemke vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven, einer der weltweit führenden Experten, zu SPIEGEL ONLINE. Denn die natürlichen Schwankungen seien hoch. Erst im Januar hatte Simon Holgate vom Proudman-Ozeanographie-Labor in Liverpool im Fachblatt "Geophysical Research Letters" berichtet: In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts seien die Ozeane insgesamt sogar schneller angestiegen als in der zweiten Hälfte.

Wie unkalkulierbar die zukünftige Entwicklung noch ist, zeigt sich in der Kontroverse zum Grönlandeisschild: Nasa-Forscher Hansen und andere glauben, dass Schlimmes bevorsteht, weil die riesigen Gletscher verstärkt tauen könnten. Tatsächlich könnten ihre Eismengen sieben Meter Wasserhöhe beitragen - das würde freilich Jahrhunderte dauern. Derzeit trägt das Schmelzwasser Grönlands 0,2 Millimeter pro Jahr zum Meeresspiegelanstieg bei – für 100 Jahre ergäben sich also zwei Zentimeter. Auch mehr Tauwetter wird da zu keinem dramatischen Zufluss in die Ozeane führen, so die Mehrheitsmeinung.

Joker Grönland: Träge und unberechenbar

Vergangenes Jahr meldeten Forscher, dass sich mehrere Gletscher schneller ins Meer schöben, was für mehr Schmelze sprach. Im Februar jedoch berichtete Ian Howat von der University of Washington in "Science": Manche Gletscher haben sich wieder deutlich verlangsamt.

Das Verhalten des Eisschildes sei kaum verstanden, sagte Awi-Glaziologe Lemke. Nicht bloß wärmere Luft bestimme das Abfließen des Eises ins Meer, sondern auch etwa der Druck, den der Schild aus dem Hinterland ausübt. Zudem bildet der Untergrund Grönlands eine Senke, die das Abfließen erschwert.

Dagegen scheinen die anderen Einflussfaktoren überschaubar: Den größten Beitrag - etwa die Hälfte - führt der IPCC auf die größere Ausdehnung wärmeren Meerwasser zurück. Dieser Prozess werde sich wohl gleichmäßig fortsetzen. Ein Viertel des bisherigen Anstiegs haben laut Weltklimarat Gebirgsgletscher verursacht. Doch sie dürften Mitte des Jahrhunderts so weit geschrumpft sein, dass ihre Schmelzwasser die Meerespegel nicht mehr nennenswert beeinflusst. Für die riesigen Gletscher der Antarktis sagen viele Forscher sogar eher Wachstum als Schmelze voraus. Denn in einer wärmeren Umwelt verdunste mehr Wasser, das über der Antarktis als Schnee fallen und den Eispanzer wachsen lassen würde.

Kein anderer Faktor macht die Meeresspiegel-Vorhersage so unsicher wie der Joker Grönland. Schnell könnten sich dort die Bedingungen ändern, fürchtet Gletscherforscher Richard Alley von der Pennsylvania State University. Freimütig räumt er jedoch ein, es fehlten ihm bislang die Daten, um diese Befürchtung zu untermauern. Auch in der Soziologie würde man dies wohl als eher schwache Beleglage betrachten.

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