Globale Statistik Reiche Staaten schieben CO2-Ausstoß ab

Wer in Deutschland Kleidung made in China kauft, sorgt dafür, dass dort die CO2-Emissionen steigen. Internationale Auflagen zum Treibhausgasausstoß gibt es für Schwellenländer aber nicht. Eine neue Statistik zeigt, warum das problematisch ist.
Kraftwerk in Peking (2007): "Die Fertigung verbraucht nun einmal Energie."

Kraftwerk in Peking (2007): "Die Fertigung verbraucht nun einmal Energie."

Foto: FREDERIC J. BROWN/ AFP

Berlin - Welchen Beitrag sollen die Entwicklungs- und Schwellenländer für den Klimaschutz leisten? Um diese Frage wird bei den internationalen Klimagesprächen seit Jahren gerungen. Die reichen Staaten fordern konkrete Klimaziele zumindest von aufstrebenden Volkswirtschaften wie Brasilien, Indien oder China. Diese Länder verweisen dagegen auf eine Art historische CO2-Schuld der Industriestaaten - und darauf, dass die reichen Länder des Nordens ihre Klimabilanzen auf Kosten der ärmeren Staaten schönen.

Eine neue Studie, veröffentlicht im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" , belegt nun eindrücklich, wie sehr die Industrieländer tatsächlich ihren CO2-Ausstoß an Entwicklungsländer ausgelagert haben. Laut der Studie eines internationalen Wissenschaftlerteams, zu dem auch Forscher der Technischen Universität Berlin und des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung gehörten, ließ die wachsende Nachfrage der Industriestaaten nach Waren aus ärmeren Ländern deren CO2-Emissionen zwischen 1990 und 2008 massiv steigen.

Zeitgleiche CO2-Einsparungen etwa in Europa seien dadurch insgesamt wieder zunichte gemacht worden. Und nicht nur das: Nach den Berechnungen entstand durch die Produktion von Konsumgütern in Entwicklungsländern bis 2008 fünfmal mehr CO2, als in den Industrieländern durch Klimaschutzprogramme bis dahin eingespart wurde. "Wer ein Radio oder eine Hose in Deutschland kauft, verursacht CO2-Emissionen im Herstellungsland, weil die Fertigung nun einmal Energie verbraucht", so Mitautor Jan Christoph Minx von der Technischen Universität Berlin

Kritik an Konstruktionsschwächen im Kyoto-Protokoll

Wenn Industrieländer ihren Konsum von Gütern etwa aus China oder Bangladesch steigerten, erhöhten sie ihren CO2-Ausstoß - auch wenn dieser dabei nicht im eigenen Land anfalle. "Wir begrenzen Emissionen bei uns, verursachen aber zugleich mehr CO2-Ausstoß in Regionen ohne Klimaschutzziele", erläuterte Minx.

Das Kyoto-Protokoll zur Begrenzung des Temperaturanstiegs in der Atmosphäre sieht keine Vorgaben für ärmere Länder vor, um deren Entwicklungsmöglichkeiten nicht einzuschränken. Unabhängig davon aber hat die Globalisierung in den vergangenen Jahren zur Produktionsverlagerung in die Entwicklungsländer geführt, von wo die Waren anschließend in die Industriestaaten exportiert werden. Als Folge wanderten CO2-Emissionen, die eigentlich den Bewohnern reicher Länder zuzuordnen sind, hinterher.

Die deutschen Forscher und ihre internationalen Kollegen haben diesen Trend nach eigenen Angaben nun erstmals umfassend dargestellt, indem sie für ihre Studie die Emissionsverlagerung in 95 Staaten und 57 Wirtschaftsbranchen für 19 Jahre nachzeichneten. Bislang habe es derartige Untersuchungen nur für einzelne Jahre gegeben, erklärten die Wissenschaftler.

Ziel der Experten ist nach eigenen Angaben, auf Konstruktionsschwächen im globalen Vertragswerk zur CO2-Reduktion hinzuweisen. Die im Kyoto-Protokoll festgelegte Regel, wonach Emissionen dem Land zugeordnet werden, in dem sie entstehen, müsse angesichts des globalisierten Handels- und Wirtschaftssystems ergänzt werden. Die Industrieländer müssten auch den CO2-Ausstoß erwähnen, der durch ihre Importe aus anderen Ländern entstehe, empfehlen die Klimaforscher. Nationale oder regionale Klimaschutzziele, etwa in der EU, ergeben sonst keinen Sinn.

chs/AFP
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