Österreich "Das Glyphosat-Verbot wird die Umwelt nicht retten"

Das Parlament in Österreich hat entschieden, den Unkrautvernichter Glyphosat zu verbieten. Hier erklärt die Pflanzenschutzexpertin Siegrid Steinkellner, was das für Landwirtschaft und Umwelt bedeutet.
Traktor auf einem Feld in Brandenburg: "Wenn man Glyphosat verbietet, werden Landwirte wieder mehr pflügen"

Traktor auf einem Feld in Brandenburg: "Wenn man Glyphosat verbietet, werden Landwirte wieder mehr pflügen"

Foto: Florian Gaertner/ Photothek/ Getty Imges
Zur Person
Foto: Steinkellner

Siegrid Steinkellner ist Professorin an der Universität für Bodenkultur in Wien und leitet die Abteilung für Pflanzenschutz. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren intensiv mit Glyphosat und hat zuletzt gemeinsam mit Kollegen 400 Studien untersucht , um abzuschätzen, was ein Verbot für Österreich bedeuten könnte.

SPIEGEL ONLINE: Frau Steinkellner, ist das Glyphosat-Verbot der erste Schritt zu einer umweltfreundlicheren Landwirtschaft?

Siegrid Steinkellner: So einfach ist das leider nicht. Im Ackerbau in Österreich dient Glyphosat vor allem dazu, Böden vor Erosion zu schützen. Entgegen der Annahme vieler Menschen wird der Stoff nicht einfach auf die grünen Pflanzen gesprüht. Landwirte geben ihn stattdessen nach der Ernte aufs Feld, bevor sie säen oder bevor aus den Samen Keimlinge wachsen. Glyphosat tötet dann alle Unkräuter ab, sodass die neue Saat ungestört austreiben und wachsen kann. Wenn man den Wirkstoff verbietet, werden Landwirte wieder mehr pflügen oder andere Herbizide einsetzen, um das Unkraut zurückzudrängen.

SPIEGEL ONLINE: Was spricht gegen das Pflügen?

Steinkellner: Der Pflug dreht den Boden um. Bei Regen wird die Erde dann leicht vom Feld gespült. Selbst bei geringer Hangneigung ist das problematisch. Ich kenne Bilder aus Österreich, auf denen man sehen kann, wie starker Regen die Erde von Äckern in Ortschaften gespült hat. Das darf nicht passieren, denn eigentlich möchte man ja Humus aufbauen, damit die Pflanzen gut wachsen. Auch im Flachland kann Wind den Boden abtragen, das macht aber vergleichsweise wenig Probleme.

SPIEGEL ONLINE: Wie verbreitet ist Glyphosat in der österreichischen Landwirtschaft?

Steinkellner: Im Durchschnitt werden neun Prozent der landwirtschaftlichen Fläche mit dem Stoff behandelt. In den letzten zehn Jahren haben Produzenten pro Jahr durchschnittlich 329 Tonnen Glyphosat in den Handel gegeben, 2018 waren es 242 Tonnen. Neben der Landwirtschaft nutzen auch private Verbraucher, Gemeinden und Institutionen wie die Österreichische Bundesbahnen Glyphosat. Die ÖBB verhindern mit dem Mittel, dass ihre Gleisbetten zuwuchern. Sie will es ab 2022 nicht mehr verwenden, sucht aber noch nach Alternativen.


Wer bezahlt Siegrid Steinkellner?

Siegrid Steinkellner ist Professorin für landwirtschaftlichen Pflanzenschutz und seit 1993 Mitarbeiterin der Universität für Bodenkultur Wien. Ihre Forschung sowie Gehälter und Honorare finanzieren sich ausschließlich aus öffentlichen Geldern.

Als Vertreterin der Wissenschaft arbeitet sie unentgeltlich in der österreichischen Arbeitsgemeinschaft für den Integrierten Pflanzenschutz (ÖIAP) mit. Der Verein, in dem auch Mitarbeiter der chemischen Industrie vertreten sind, erarbeitet seit circa 60 Jahren Konzepte für einen umweltgerechten Pflanzenschutz.

Steinkellner hält außerdem Vorträge auf Fachtagungen und beteiligt sich mit Vorträgen an der Weiterbildung von Vertretern der konventionellen und der biologischen Landwirtschaft. Ihre Forschung beschäftigt sich zu einem großen Teil mit Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz.


SPIEGEL ONLINE: Was kommt als Ersatz in Frage?

Steinkellner: In Österreich sind 532 Unkrautvernichtungsmittel zugelassen, nur 44 davon enthalten Glyphosat. Die Auswahl bleibt also groß, auch wenn Glyphosat nicht mehr eingesetzt werden darf. Die anderen Mittel können allerdings nicht alle Unkräuter mit einer Behandlung abtöten. Landwirte werden, je nach Bewirtschaftungsform, auf andere Wirkstoffe, mechanische Maßnahmen wie Pflügen oder Kombinationen aus beidem zurückgreifen müssen. Dabei gilt Glyphosat im Gegensatz zu vielen Alternativwirkstoffen als ungefährlich für Insekten. Die Umwelt retten wird das Glyphosat-Verbot also nicht.

Glyphosat - Das Wichtigste im Überblick

SPIEGEL ONLINE: Wozu brauchen Gemeinden und Privatleute Glyphosat?

Steinkellner: Sie entfernen damit zum Beispiel Unkraut von Gehwegen. Das dient der Sicherheit, verhindert, dass die Pflanzen die Substanz der Gehwegsteine beschädigen und hat optische Gründe. Je nachdem, was man erreichen will, gibt es verschiedene Alternativen, die alle Vor- und Nachteile haben. Eine Möglichkeit ist beispielsweise, das Unkraut abzuflammen. Das erhöht allerdings gerade in trockenen Sommern die Brandgefahr und das Unkraut kommt schneller wieder zurück.

SPIEGEL ONLINE: Wie realistisch ist es, dass das Verbot in Österreich tatsächlich umgesetzt wird?

Steinkellner: Darüber lässt sich nur spekulieren. In der EU ist Glyphosat noch bis Ende 2022 zugelassen. Einzelne Mitgliedstaaten dürfen nur in Ausnahmefällen ein Verbot verhängen. Die Frage ist, ob die EU die Entscheidung des österreichischen Parlaments akzeptiert, obwohl sie gegen das EU-Recht verstößt.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den "Wer bezahlt Siegrid Steinkellner?"-Kasten nachträglich ergänzt.

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