Erneute Zulassung Was spricht für Glyphosat, was dagegen?

Krebserregend, schädlich für Insekten und unverzichtbar für die meisten Landwirte? Die EU hat das Pestizid Glyphosat für fünf weitere Jahre zugelassen. Doch der Streit geht weiter. Der Überblick.
Traktor auf einem Acker bei Göttingen

Traktor auf einem Acker bei Göttingen

Foto: Steven Lüdtke/ picture alliance / Steven Lüdtke/Forum Moderne Landwirtschaft/dpa

Die EU-Kommission hat das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat nach langem Streit für weitere fünf Jahre zugelassen. Auch Deutschland stimmte trotz Veto aus dem Umweltministerium zu - und gab damit den Ausschlag.

Im Vorfeld hatten Befürworter und Gegner vehement über das Thema gestritten. Vordergründig ging es meist um die Frage, ob das Pestizid krebserregend ist oder nicht. Umweltverbände nutzten das Thema auch für eine grundsätzliche Kritik an der konventionellen Landwirtschaft und am Herstellerkonzern Monsanto, der neben Glyphosat gentechnisch veränderte Pflanzen produziert. Sie dürfen in Deutschland allerdings nicht angebaut werden. Neben Monsanto produzieren 40 weitere Hersteller glyphosathaltige Unkrautvernichtungsmittel.

Auch im Zusammenhang mit dem Insektensterben wird Glyphosat immer wieder genannt. Erst vor wenigen Monaten hatten Forscher eine viel beachtete Studie zum Schwund der Insekten veröffentlicht. Einen Beleg dafür, dass Pestizide die Ursache sind, fanden sie nicht - zumal die Untersuchung in Naturschutzgebieten stattfand. Dass die Landwirtschaft mit Monokulturen und Pestiziden eine Rolle beim Insektensterben spielt, liegt jedoch nahe.

Pflanzen nehmen Glyphosat vor allem über die Blätter auf. Von dort gelangt der Wirkstoff in den ganzen Organismus und blockiert die Produktion von Aminosäuren. Dadurch stirbt die Pflanze ab. In Deutschland kommt Glyphosat auf den Acker, bevor die Nutzpflanze ausgesät wird. Sonst würde nicht nur das Unkraut, sondern auch die gesäte Pflanze absterben. Nur in Ausnahmefällen darf Glyphosat vor der Ernte eingesetzt werden.

Krebserregend, nicht krebserregend

Da es den durch Glyphosat im Unkraut blockierten Stoffwechsel in Menschen und Tieren nicht gibt, ging man lange davon aus, dass das Mittel keine Gesundheitsgefahr darstellt. 2015 stufte die Krebsagentur IARC der WHO den Stoff allerdings als "wahrscheinlich krebserregend" ein. Damit stellte sie sich gegen die Bewertungen einer Vielzahl von Institutionen, die diese Gefahr nicht sehen. Für nicht krebserregend plädieren:

Dass die IARC und die anderen genannten Einrichtungen zu solch unterschiedlichen Einschätzungen kommen, dürfte auch daran liegen, dass sie unterschiedliche Bewertungsgrundsätze haben.

Die Behörden, die zum Schluss kommen, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, prüfen die Risiken für die Bevölkerung bei sachgemäßer Anwendung. Die IARC untersucht dagegen, ob ein Stoff grundsätzlich in der Lage ist, Krebs auszulösen. Sie bewertet nicht, ob ein konkretes Risiko für die Bevölkerung besteht. So stuft die IARC auch den Friseurberuf als "wahrscheinlich krebserregend" ein, Sonnenstrahlen und Alkohol als "sicher krebserregend".

Manipulationen überall

Neben den unterschiedlichen Bewertungen zum Krebsrisiko sorgten immer wieder auch Vertuschungs- und Manipulationsvorwürfe für Unsicherheit. Das betraf beide Seiten - Gegner und Befürworter von Glyphosat.

  • So hat Glyphosat-Hersteller Monsanto offenbar versucht, die Entscheidungsfindung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) zu beeinflussen. Inwiefern das erfolgreich war, ist unklar. Auch wird dem Unternehmen vorgeworfen, Forschern für positive Glyphosat-Berichte Geld gezahlt zu haben. Das Unternehmen bestreitet das.
  • Dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) werfen Umweltaktivsten vor, Passagen aus Industriestudien kopiert zu haben. In der Einleitung der entsprechenden Passage wird allerdings angekündigt, dass im Folgenden Industriestudien wiedergegeben werden und die Behörde, wenn nötig, ihre eigene Einschätzung ergänzt hat.
  • An der glyphosatkritischen Bewertung der IARC ("wahrscheinlich krebserregend") war ein Sachverständiger mit Interessenkonflikten beteiligt. Christopher Portier erhielt mindestens 160.000 Dollar von US-Anwälten, die Monsanto im Auftrag potenzieller Glyphosat-Opfer verklagen.
  • In einem Kapitel des IARC-Berichts wurde laut der Nachrichtenagentur Reuters zudem im Entwurfsstadium in mehreren Fällen die Einschätzung von Studien von "nicht krebserregend" in neutral oder positiv ("krebserregend") umgeändert. Die IARC bestreitet das.

Durch die weitere Zulassung von Glyphosat in Europa ändert sich nun zunächst nichts. Das Mittel wird seit 1974 als Unkrautvernichtungsmittel angewendet. Im Vorfeld der weiteren Zulassung hatten Bauernverbände gewarnt, im Fall eines Verbots zu schädlicheren und weniger wirksamen Mitteln greifen zu müssen. Nun bleiben fünf Jahre Zeit, offene Fragen zu klären. Wünschenswert wäre dabei auch, dass Konzepte entstehen, wie die moderne Landwirtschaft generell mit weniger Pestiziden auskommt.