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11. Juni 2010, 09:26 Uhr

Golf von Mexiko

Ölkatastrophe schlimmer als befürchtet

Die Umweltkatastrophe im Golf von Mexiko übertrifft die schlimmsten Erwartungen von Beobachtern: Die US-Geologiebehörde hat ihre Prognose für die bislang ausgeflossene Ölmenge erhöht. Der BP-Konzern erwägt nun, seinen Aktionären die Dividende zu streichen.

Washington - Die Menge des in Meer sprudelnden Öls im Golf von Mexiko ist nach neuesten Expertenschätzungen offenbar deutlich höher als bislang angenommen. Bevor der Ölkonzern BP einen Auffangbehälter über der Quelle installierte, seien pro Tag zwischen 2700 und 5400 Tonnen Öl ins Meer geflossen, teilte die US-Geologiebehörde mit. Bisher lagen die Schätzungen zwischen 1600 und 3400 Tonnen Öl.

Demnach wären inzwischen 160 Millionen bis 380 Millionen Liter Öl in die Gewässer vor der Südküste der USA geströmt. Wissenschaftler legten die neuen Zahlen nach Konsultationen mit der Regierung am Donnerstag vor. Es war bereits das dritte Mal seit Beginn der Ölkatastrophe im April, dass die Schätzungen nach oben korrigiert wurden.

Inzwischen gehen die meisten Prognosen von einer Menge austretenden Öls aus, die pro Stunde höher ist als anfänglich für einen gesamten Tag angenommen wurde. Täglich traten demnach bis zu acht Millionen Liter aus, wie die Direktorin des Geologischen Dienstes, Marcia McNutt, sagte. Sie koordiniert die unterschiedlichen Schätzungen der Experten. Die Angaben gelten für den Austritt vor dem 3. Juni, als ein beschädigtes Steigrohr abgesägt und ein Absaug-Trichter über die defekte Bohrleitung gestülpt wurde.

"Das ist ein Alptraum, der jede Woche schlimmer wird", sagte Michael Brune, Direktor des Sierra Clubs. "Wir können den Schätzungen von BP über die Menge des austretenden Öls ganz offensichtlich nicht trauen." Die Schätzungen sind noch immer nicht endgültig, das Ozeanografische Institut Woods Hole etwa nannte noch höhere Zahlen: Zwischen 3,8 Millionen und acht Millionen Liter Öl träten demnach täglich aus - insgesamt somit bislang fast 400 Millionen Liter. Andere Experten sprechen von rund 240 Millionen Litern.

Zum Vergleich: Nach der Havarie der "Exxon Valdez" 1989 vor Alaska, der bisher schwersten Ölkatastrophe in US-Gewässern, strömten insgesamt 41 Millionen Liter Öl ins Meer, so viel wie den Schätzungen zufolge derzeit im Golf von Mexiko alle fünf bis 13 Tage.

Die Wut auf BP wächst angesichts des Desasters weiter. US-Präsident Barack Obama hat den Aufsichtsratsvorsitzenden des Konzerns einbestellt. Carl-Henric Svanberg solle am kommenden Mittwoch Rede und Antwort stehen, teilte das Weiße Haus mit. Ein entsprechendes Schreiben vom Chef-Koordinator für das Krisenmanagement an der ölverseuchten Golfküste, Thad Allen, sei an Svanberg geschickt worden. Darin habe Allen nochmals klar gemacht, dass BP "finanziell für alle Kosten voll verantwortlich" sei.

Bei der Explosion der Bohrplattform "Deepwater Horizon" waren elf Arbeiter ums Leben gekommen. Deren Hinterbliebenen versicherte Obama seine Unterstützung. Er empfing die Familien am Donnerstag im Weißen Haus. Keith Jones, dessen Sohn Gordon bei dem Unglück ums Leben kam, sagte danach: "Er sagte uns, dass wir nicht vergessen werden." Jones Sohn hinterließ demnach seine Frau und zwei Söhne.

Mehr Geld für die Küstenwache

Der US-Kongress stellt der Küstenwache mehr Geld für die Beseitigung der Ölpest zur Verfügung. Ein Gesetz, das die bisherige Obergrenze von hundert Millionen Dollar aufhebt, die die Ölbekämpfer aus einem Regierungsfonds nutzen konnten, wurde an Obama weitergeleitet. Ansonsten wäre der Behörde in der kommenden Woche das Geld ausgegangen, erklärte der Abgeordnete James Oberstar, der Vorsitzende des Verkehrsausschusses des Repräsentantenhauses.

Obama hatte in den vergangenen Tagen den Druck auf BP deutlich erhöht. Unter anderem sagte der Präsident über BP-Chef Tony Hayward, er hätte diesen längst gefeuert. Außerdem setzte die US-Regierung dem britischen Konzern ein Ultimatum für neue Vorschläge im Kampf gegen die Ölpest.

Auch an den Märkten geriet BP massiv unter Druck. Wegen der unkalkulierbaren Kosten der Ölpest war der Kurs des Unternehmens an der New Yorker Aktienbörse auf ein 14-Jahres-Tief abgestürzt.

Der Konzern erwägt wegen der finanziellen Belastungen durch die Katastrophe, die Dividende für das zweite Quartal zur kürzen oder gar zu streichen. "Wir prüfen alle Optionen hinsichtlich der Dividende", sagte Konzernchef Hayward dem "Wall Street Journal". "Eine Entscheidung ist noch nicht gefallen." Diese soll am 27. Juni bekannt gegeben werden. Vor einem Jahr hatte BP für das zweite Quartal 14 Cent je Aktie ausgeschüttet.

mmq/Reuters/dpa/AFP

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