Golfstrom Böses Bauchgefühl des Forscher-Orakels

Kompliziert, unermüdlich, tief im Atlantik: Bringt der Klimawandel Europas Wärmepumpe ins Stottern? Statt Messung oder Modell haben deutsche Forscher ein Orakel berühmter Kollegen bemüht. Dabei kam vor allem heraus, dass sie den Nordatlantikstrom bis heute nicht so recht verstehen.

Von Stefan Schmitt


Drohende Weltuntergänge finden leicht ihren Weg in die Medien, so auch am vergangenen Wochenende. Diesmal von Potsdam aus. "Golfstrom droht spätestens 2100 zu versiegen", berichtete die "Netzeitung" am späten Freitagnachmittag. "Forscher fürchten Ende des Golfstroms", schrieb "Bild" einen Tag später. "Atlantische Strömung könnte bis zum Jahr 2100 abreißen", meldete schließlich am heutigen Montag die Tageszeitung "Die Welt".

Golfstrom (vor der US-Ostküste): Europas Wärmepumpe enträtseln - per Messung, Modell, Orakel
DPA/ NASA

Golfstrom (vor der US-Ostküste): Europas Wärmepumpe enträtseln - per Messung, Modell, Orakel

Der Nordatlantikstrom befördert als nimmermüdes Fließband die Wärme des Golfstroms an die Gestade Europas und bestimmt außerdem maßgeblich die Niederschlagsverteilung auf unserem Teil des Globus. Als anfällig für den Klimawandel gilt dieser Kreislauf nicht erst seit dem Katastrophenfilm "The Day after Tomorrow" - in dem der Strom abrupt zum Stillstand kam. Seine Befindlichkeit ist daher allemal einer Nachricht wert - auch wenn Aussagen darüber mit Vorsicht zu genießen sind. Denn die riesige Umwälzmaschine im tiefen Nordatlantik ist komplex und gibt Forschern bis heute Rätsel auf. Trotz Messungen mit Bojen, Schiffen, Satelliten und rechenkräftiger Computersimulationen.

Wissenschaftler am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) hatten daher eine ganz eigene Idee, sich der Zukunft des Stroms zu nähern: Statt Messinstrumente oder Großrechner bemühten sie prominente Kollegen. In der Juni-Ausgabe der Fachzeitschrift "Climatic Change" veröffentlichten sie die Ergebnisse einer Expertenbefragung zu Golfstrom und Klimawandel. Zwölf führende Klimaforscher hatten die PIK-Mitarbeiter Kirsten Zickfeld und Anders Levermann von Juli bis September 2004 in ganztägigen Interviews nach ihrer Meinung dazu befragt, welche Faktoren den Nordatlantikstrom antreibe, wie sensibel er auf den Klimawandel reagiere - und ob er schwächer werden, gar abbrechen könne.

Verzerrte Feuerwehrmann-Perspektive?

Experten befragen Experten - diese Methode der Datengewinnung ist indes eher in Sozial-, Wirtschafts- und Pseudowissenschaften verbreitet, denn in der harten Naturwissenschaft. Laien mögen an Feuerwehrleute denken, die ja auch gemeinhin den Brandschutz wichtiger nehmen als Normalbürger. Welche Einblicke lassen sich so gewinnen? Bei der Zwölferliste der Befragten handele es sich unstrittig um anerkannte Experten, sagte der Meeresforscher Eberhard Fahrbach vom Alfred-Wegener-Institut (Awi) in Bremerhaven zu SPIEGEL ONLINE. Er fügt aber hinzu: "Ich würde bei so etwas nicht mitmachen."

Zwar sei eine Gruppenmeinung immer glaubwürdiger als eine Einzelmeinung, der verwendeten Methode aber stehe er skeptisch gegenüber und halte das Verfahren für zweifelhaft. "Die Mittlung von Glauben ist immer noch Glauben", sagt Fahrbach. "Eine ungewöhnliche Methode", sagte Golfstrom-Forscher Claus Böning vom IFM Geomar in Kiel zu SPIEGEL ONLINE, "aber das kann man machen. Es ist dann nur wichtig, wie man so was kommuniziert."

Genau hier könnte das Problem liegen: Der Abbruch des Nordatlantikstroms könne "bereits in diesem Jahrhundert unwiderruflich" beginnen, formulierte die Pressestelle des PIK am Freitagnachmittag - wenngleich im Konjunktiv. "Forscher fürchten Abbruch des Golfstroms in diesem Jahrhundert", machte die Nachrichtenagentur Associated Press (AP) daraus - und lieferte gleichsam den Rohstoff für Tageszeitungen und Nachrichten-Websites. Nicht alle dichteten so weiter, wie es eine große Boulevardzeitung tat: "Wegen der globalen Erwärmung könnte der Golfstrom noch in diesem Jahrhundert versiegen! Das haben Potsdamer Forscher herausgefunden." Beides stimmt so nicht.

Tatsächlich hatten die Potsdamer berichtet: Schon bei einem durchschnittlichen Temperaturanstieg von plus zwei Grad Celsius bis zum Jahr 2100 würde die Mehrheit der (zwölf) Befragten es für möglich halten, dass sich die Zirkulation noch im Laufe des Jahrhunderts unumkehrbar abschwächen würde. Bei doppelt so hoher Erwärmung hätten zwei Drittel der Befragten diesem Szenario Wahrscheinlichkeiten von 10 bis 60 Prozent zugeordnet. Abgesehen von der ziemlich breiten Spanne dieser Tipps, suggerieren die Prozentzahlen auch eine empirische Exaktheit, wo es in Wirklichkeit um reine Einschätzung geht.

"Weit von Naturwissenschaft entfernt"

Dass sie sich mit ihrer Methode "weit von Naturwissenschaft entfernt" hätten, sei ihnen klar gewesen, sagte Anders Levermann zu SPIEGEL ONLINE, einer der Autoren. Aber so habe man eben ein "Bauchgefühl" der Experten erheben können - "und das war es auch, wonach wir gefragt haben". Den Verdacht der Panikmache weist Levermann von sich. "Das sollte sicher nicht der Versuch sein", sagt er. Das Risiko sei signifikant.

"Diese Prognose überrascht mich etwas", sagt Ozeanograph Fahrbach. Er hat in den vergangenen Jahren in der Fachdiskussion genau das Gegenteil beobachtet. "Seit die Modelle präziser werden, erscheint uns der Golfstrom robuster", sagt der Awi-Forscher und verweist auch auf das entsprechende Kapitel des diesjährigen IPCC-Berichts: Eine Abnahme des Golfstroms sei wahrscheinlich - eine abrupte Veränderung oder gar ein Abbrechen bezeichnen die Autoren hingegen als "sehr unwahrscheinlich".

In der Befragung habe man die Möglichkeit gehabt, das Misstrauen der Forscher gegenüber ihren eigenen Modellen zu erfassen, sagte Levermann. Auch diese Formulierung lässt aufhorchen: Misstrauen?



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