Great Barrier Reef Gigantisches Reich der Winzlinge

In Jahrmillionen ist das riesige Korallenriff vor Australien gewachsen, geschrumpft und wieder gewachsen. Das Great Barrier Reef fasziniert durch seine gigantische Artenvielfalt - und Größe. Doch das Weltnaturerbe ist in Gefahr.

Von "National Geographic"-Autorin Jennifer S. Holland


Die Zähne von Papageifischen schaben am Kalk, Krebse knacken mit ihren Scheren, ein Zackenbarsch von 270 Kilo erzeugt mit pulsierender Schwimmblase ein dumpfes Knurren. Haie und silberne Stachelmakrelen schießen vorüber. Seeanemonen schwenken ihre Arme, winzige Fische und Krabben scheinen zu tanzen. Dabei bewachen sie nur ihre Schlupfwinkel. Dicht unter der Meeresoberfläche wimmelt das Great Barrier Reef von buntem Leben.

Allein schon die Artenvielfalt macht das Riff zu etwas Besonderem. Doch der eigentliche Grund für das Prädikat Weltnaturerbe ist die riesige Korallenfläche: Stämme von Steinkorallen wechseln sich ab mit tischförmigen Platten und faustgroßen Blöcken, besetzt mit braunen, genoppten Korallen. Weichkorallen wachsen auf harten Korallen, Algen und Schwämme bilden bunte Flecken auf den Felsen, und in jeder Ritze lebt ein Tier. Diese Lebensgemeinschaft hat auf der ganzen Welt nicht ihresgleichen.

Die Europäer machten mit dem Riff durch einen Unfall Bekanntschaft

Zeit, Gezeiten und ein Planet im ewigen Wandel - das waren die Kräfte, die das Great Barrier Reef vor Jahrmillionen hervorbrachten, die es abbauten und neu wachsen ließen, immer wieder. Heute jedoch geschehen die Veränderungen so schnell wie nie zuvor. Dieses Mal könnte das System aus Stein und Leben so weit zerfallen, dass eine kritische Schwelle überschritten wird. Erstmals in seiner Geschichte droht die Gefahr, dass sich das Riff nicht wieder erholen kann.

Die Europäer machten mit dem Riff erstmals durch einen Unfall Bekanntschaft. An einem Abend im Juni 1770 hörte der britische Entdecker und Kapitän James Cook, wie sein Schiff, die H.M.S. "Endeavour", über Gestein schabte. Was er noch nicht wusste: Er war auf das größte lebende Gebilde der Erde aufgelaufen, eine Struktur aus Korallenbändern und Inseln, die sich über eine Länge von 2300 Kilometern und eine Fläche von mehr als 26.000 Quadratkilometern erstreckt.

Cooks Mannschaft hatte die Gewässer vor dem heutigen australischen Bundesstaat Queensland erkundet, als sich ihr Schiff in dem Labyrinth festfuhr. Dicht unter der Wasseroberfläche zerrissen scharfkantige Türme aus Korallen den Rumpf. Das Holz splitterte, Wasser drang ins Schiff. Cook und seine Mannschaft konnten sich aber noch in eine Flussmündung retten und die "Endeavour" reparieren.

Das Riff verdankt seine Existenz winzigen Lebewesen

Zu der Zeit war die Region schon seit Jahrtausenden von den australischen Ureinwohnern, den Aborigines, bewohnt. Für sie und die Bewohner der Inseln in der Torresstraße zwischen dem Kontinent und Papua-Neuguinea war das Riff ein Teil ihres Lebens: Seit Generationen befuhren sie es mit Kanus, fingen Fische und erzählten sich traditionelle Geschichten über seine Tierwelt. Im Westen erhielt es erst einige Jahrzehnte, nachdem Cook hier aufgelaufen war, seinen Namen: Der englische Kartograf Matthew Flinders, dem beim Manövrieren zwischen den Riffen ebenfalls das eine oder andere Missgeschick passiert war, ließ sich von der Größe des Systems inspirieren.

Das Riff verdankt seine Existenz winzigen Lebewesen, die zumeist nicht größer sind als ein Reiskorn. Es sind Korallenpolypen, koloniebildende Tiere, die in ihren Zellen symbiontische Algen enthalten. Diese Algen betreiben Fotosynthese, das heißt, sie gewinnen Energie mithilfe des Sonnenlichts. Sie verschaffen damit dem Polypen den Brennstoff, mit dem er ein "Haus" aus Kalziumkarbonat (Kalk) ausscheiden kann. Ein Haus wird über das andere gebaut, und so wächst die Kolonie wie eine Stadt. Auf den Außenmauern fassen andere Meerestiere Fuß, breiten sich aus und helfen, alles zusammenzuhalten.

Für diese Art von Aufbau herrschen vor der Ostküste Australiens genau die richtigen Bedingungen. Korallen gedeihen am besten in seichtem, klarem, bewegtem Wasser, in dem viel Licht die Fotosynthese in Gang hält. Nach Millionen Polypengenerationen ist das Riff kein Einzelgebilde mehr, sondern ein System verschiedenster Teile. Ihre Größe, die Form und die Besiedelung mit Lebewesen hängen von ihrer Lage im Ozean ab: wie nahe sie beispielsweise der Küste sind und welche Kräfte - Strömungen oder Wellen - auf sie einwirken. In größerer Entfernung von der Küste, wo das Wasser tiefer und der Lichteinfall geringer ist, gibt es keine Riffe mehr.

"Am Great Barrier Reef bestimmen die Korallen die Gesetzmäßigkeiten des Lebens", sagt Charlie Veron, ein Biologe und Mitarbeiter am Australian Institute of Marine Science. "Es gibt hier mehr als 400 Arten. Sie prägen die gesamte Umwelt. Sie bauen den Lebensraum für alles andere."

Dieser Text stammt aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Mai 2011



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nitram1 25.05.2011
1. Das verstehe ich nicht?
nach den Berichten der letzten 20 jahre dürfte es dort eigentlich kein Leben mehr geben oder?
amarildo 25.05.2011
2. Meinung
Zitat von nitram1nach den Berichten der letzten 20 jahre dürfte es dort eigentlich kein Leben mehr geben oder?
Als Australier kann ich ihnen versichern das das Barrier Reef noch am Leben ist. Aber wie alles auf der Erde ist es der Umweltverschmutzung ausgesetzt.
stanislaw 25.05.2011
3. .
Zitat von amarildoAls Australier kann ich ihnen versichern das das Barrier Reef noch am Leben ist. Aber wie alles auf der Erde ist es der Umweltverschmutzung ausgesetzt.
Und der Überfischung ... auch durch die genannten Torres Strait Islander und der Aborignies.
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