Greenpeace' Walentführung Whale Watching in Berlin

Der Koloss ist 17 Meter lang, 18 Tonnen schwer und liegt vor der japanischen Botschaft in Berlin. Greenpeace hat einen Finnwal-Kadaver mitten in die City geschafft – aus Protest gegen Japans Walfangpolitik. Die Berliner staunten, ein Museumsdirektor ärgerte sich.

Berlin - Für Finn Siegert ist es ein besonderer Tag. Endlich lernt der zweijährige Berliner seinen Namensvetter kennen. "Kommt er noch?", fragt er neugierig. Finn hält es kaum noch auf den Schultern seines Vaters aus. Und auch Papa Stefan bangt: "So etwas gibt es ja sonst nie, hoffentlich klappt das."

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Wal-Bergung: Toter Meeressäuger macht Ärger

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Doch noch müssen sie und die etwa 80 anderen Berliner Schaulustigen, die an diesem Mittwochabend vor die japanische Botschaft in der Hiroshima-Straße gekommen sind, warten. Noch steckt der Tieflader mit dem rund 17 Meter langen und 18 Tonnen schweren, leblosen Koloss im Hauptstadt-Verkehr. Dann, gegen 18.30 Uhr, hält der von der Berliner Polizei eskortierte Tieflader vor der Botschaft. Ein Finnwal ist in Berlin gelandet.

Nur sehr langsam zupfen die in gelbe Jacken gehüllten Greenpeace-Mitarbeiter die Folie zur Seite. Zuerst ragt die Flosse hervor, dann der monströse gräulich-weiße Bauch und schließlich der Kopf. Was zuerst wirkte wie ein riesiges abgepacktes Fischfilet, zeigt nun seine wahre Größe. Die Haut wirkt geschmeidig, nur Teile des Kopfes sehen aus der Nähe aus wie altes Sperrholz. Alles wirkt fast so, als würde der in der Ostsee verendete Finnwal noch leben. Mit seinen sanftmütigen Augen scheint er, als würde er schlafen.

Neben Finn freuen sich auch viele andere Kinder. "Ich habe schon so oft Free Willy gesehen", schwärmt die elfjährige Anna. Aber ein Wal "in Echt" sei eben etwas anderes. Dafür friere sie gerne eine halbe Stunde. "Gemein" sei das, was "die Japaner da mit den Walen machen", fügt sie noch hinzu. Ihre Mutter wundert sich dagegen, dass "das Riesending" nicht stinkt. "Die Kälte konserviert den Kadaver", erklärt ihr ein Greenpeace-Mitarbeiter.

Whale Watching in der City

Bei den Umweltschützern ist man sehr zufrieden mit dem etwas anderen Whale Watching. "So können wir auf die Situation der Wale aufmerksam machen", sagt Greenpeace-Sprecher Björn Jettka. Für einen seiner jungen Wal-Fahrer ist deshalb klar: "Die Japaner brauchen die bedrohten Meeressäuger für Forschungszwecke, also haben wir ihnen einen vorbeigebracht."

Während ihre Kollegen im Südpolarmeer japanische Walfänger zu blockieren versuchen, haben die Aktivisten aus Deutschland den am Morgen in Warnemünde geborgenen Kadaver eines Finnwals deshalb kurzerhand vor die japanische Botschaft in Berlin gefahren.

Am Donnerstagmorgen nutzten Hunderte Berliner die Gelegenheit zum Whale Watching der etwas anderen Art, bevor der Wal um 11.40 Uhr zum Stralsunder Meeresmuseum abtransportiert wurde. Auf dem Weg nach Berlin hatten die Umwelt-Aktivisten keine Angst vor einer Konfrontation mit den Behörden gezeigt. "Warum sollte jemand etwas dagegen haben, wenn ein Wal Berlin besucht?", fragte Sprecher Jettka. Schließlich hätten Behördenvertreter am Warnemünder Hafenbecken auch nur interessiert zugeschaut. "Ich erwarte, dass die Polizisten als Schaulustige kommen." Und so kam es auch. Die Polizei verzichtete auf Anzeigen.

Der Museumschef ist düpiert

Vom japanischen Botschafter fehlte übrigens jede Spur. Ein Mitarbeiter erkundigte sich lediglich bei der Polizei, ob denn auch der Botschaftszaun nicht beschädigt werde. Die japanische Regierung begründet die Jagd auf die Meeressäuger offiziell mit wissenschaftlichem Interesse - auch wenn das Fleisch der Wale anschließend in Restaurants und Feinschmeckerläden landet. Für Forschungszwecke müssen aber nach Ansicht der Umweltschützer keine Wale sterben. "Forschung kann auch an verendeten und an lebendigen Tieren betrieben werden", hieß es.

Der Finnwal war am vergangenen Samstag in der Wismarbucht gestrandet und nach Warnemünde geschleppt worden. Greenpeace hatte die Bergung des Kadavers im Auftrag des Stralsunder Meeresmuseums übernommen. Der Wal sollte in das Nautineum, eine Außenstelle des Meeresmuseums, gebracht werden.

Museumsleiter Harald Behnke fühlt sich düpiert von der Aktion: Wenn ihm der Umweg bekannt gewesen wäre, hätte er dem Transport nicht zugestimmt, sagte er. Greenpeace sagte zu, das tote Tier am Donnerstag nach Stralsund zu bringen, wo es zerlegt und untersucht werden soll.

Finnwale, nach den Blauwalen die größten Tiere der Erde, sind vom Aussterben bedroht. Sie leben normalerweise im Nordatlantik und verirren sich nur äußerst selten in die Ostsee. Nach erster Einschätzung von Greenpeace-Mitarbeitern ist der vor Wismar gestrandete Wal verhungert. Auf der Jagd nach Heringen sei er vermutlich in die Ostsee gelangt und habe im relativ flachen Wasser die Orientierung verloren.

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